Am 27. September 2026 wurde anlässlich des Tags des Denkmals in Leogang in Pinzgau, das 700-Jahr-Jubiläum des Traditionshauses Kirchenwirt gefeiert. Es ist schon etwas ganz Besonderes, wenn ein Gebäude nachweislich 700 Jahre alt ist. Ich hatte bei diesem Festakt die Ehre, eine der Festreden zu halten. Dabei habe ich einen Text vorgelesen, den ich im Jahr 2019 geschrieben habe, und der meine ganz persönlichen Empfindungen, zu einem Haus beschreibt, mit dem ich im Lauf der Jahre eine wirklich tiefe emotionale Verbindung gewonnen habe.
Kirchenwirt Leogang
Sehnsucht nach dem Kirchenwirt
Einem Gefühl nachspüren, das noch immer in mir hängt. Die Stunden im Kirchenwirt, was es ausmacht, zum ersten Mal den Kirchenwirt gemächlich betreten und sofort wohl gefühlt, gleich gespürt: an diesem Ort will ich bleiben. Nun sitze ich schreibend, erinnere mich. Worte fließen – ein Text entsteht.
Draußen so richtiges Novemberwetter, nass und kalt, und ich denke an den Kirchenwirt. Orte ziehen Menschen an. Der Ort, die Umgebung, das Ambiente zieht die entsprechenden Menschen an. Das eigene Wohlfühlen findet mit dem Wohlfühlen der Anderen zusammen und schafft Atmosphäre, den Geist des Hauses. Das Einzigartige, Unverwechselbare entsteht erst durch den Lauf der Zeit. Und genau das zieht ganz bestimmte Menschen an. Menschen, die keine Standardunterkunft suchen, wo der Lichtschalter immer an derselben Stelle neben der Eingangstür ist. Menschen, die sich im Kirchenwirt wohlfühlen, haben etwas Einzigartiges gefunden, ein Haus mit einer langen, individuellen Geschichte. Es erzählt das Haus selbst, seine Räume, die lebendigen Oberflächen, Gerüche, Geräusche, die starke Gefühle auslösen, in andere Zeiten versetzen. Und was macht meine Sehnsucht nach dem Kirchenwirt nun aus? Räume. Die Großzügigkeit eines Gebäudes, Flure wie Plätze; als Dorfplatz der Gäste des Hauses. Eine Agora mit Nischen des Rückzugs und der freien Fläche zur Begegnung.
Ankommen
Der Kirchenwirt ist echt, das spürt man gleich, sobald man aus der Gegenwart im gepflasterten Hofraum, der "Hofstatt" vor dem Haus ankommt - in einer anderen Zeit, in einer anderen Welt. Kirche, Kirchenwirt und "Samerstall" umschließen den Platz, der ehemals mit Toren abgesichert war. Und immer noch ist hier ein geschützter Hof, der seine Atmosphäre bewahrt hat: als Kirchplatz, als Dorfplatz und als Hausplatz. Öffentlich und privat zugleich. Und die Qualität dieses Außenraums setzt sich im Inneren des Kirchenwirts fort.
Geschichten erahnen
Geschichten vom alten Haus, als es noch jung war, wie es gebaut wurde. Wie das Holz gefällt, wie der Stein gebrochen wurde. Geschichten erahnen von Zimmerleuten, vom Tannenholz, von der Holznot, von der Konkurrenz mit dem holzfressenden Bergbau und der holzfressenden Erzverhüttung. Geschichten vom Adneter Stein der im Lastkahn die Salzach aufwärts getreidelt wurde. Diese Geschichten werden lebendig, wenn man sorgsam die Atmosphäre des Kirchenwirts atmet, sich auf das Haus einlässt, in seine Einbettung in die Umgebung und auch in die Details, die ihre eigenen Geschichten erzählen.
Fußböden
Großzügige Erschließungsflächen bilden den Kern des Hauses, ihr Wesen bestimmen die Böden. Die Fußböden im Kirchenwirt sind einzigartig, jeder für sich unverwechselbar. Alle zusammen eine Originalensemble.
Roter Adneter "Marmor" zu ebener Erd' - massives Holz in den oberen Geschoßen. Die Keller waren über lange Jahre nur dienende Lagerräume, es wurde nur in unbedingt Notwendiges investiert. Die alten Kellerböden sind erhalten geblieben: runde Bachsteine durch das Wasser abgeschliffen, gerundet, geformt.
Vom Gehen auf alten Böden
Alles Böden, die bei jedem Schritt eine andere Antwort geben, einen anderen Widerstand, einen anderen Klang. Sofort mit allen Sinnen zu spüren auf Originalen zu gehen, auf dem dünnem Eis der Gegenwart und der Möglichkeit in die Zeit einzusinken. Generationen von Wirtsleuten folgten aufeinander und pflegten das solide Werk ihrer Vorgänger. Wenig wurde im Lauf der Jahrhunderte zerstört und Vieles ist übriggeblieben. Die Substanz zu bewahren und weitergeben. Das Glück, dass selten etwas weggerissen, selten etwas zerstört und so viel geblieben ist. Meistens wurde nur etwas dazu gefügt, eine neue Schicht gelegt. So wurde modisches nur in neuen Schichten über das Alte gelegt: Layer auf Layer. Über das Holz Linoleum, darüber PVC und dann sogar die Teppichböden. Nun sind diese Schichten, wie verronnene Schminke, wieder abgetragen, abgelöst und das Ursprüngliche ist unbeschadet wieder freigelegt.
Steinböden
Geschichten, die der Boden im Flur des Erdgeschoßes erzählt: Rotfärbige Adneter Steinplatten, die Bauern im Winter, wenn wenig Arbeit am Feld zu tun war, brachen. Und der Stein heißt heute noch nach dem Bauern: "Schnöll", "Adneter-Schnöll".
Jede Steinplatte im Erdgeschoß ist ein Unikat: unregelmäßig im Format, so wie der Steinbruch sie hergab, jede individuell. Dann aber Platte an Platte gefügt zu einem neuen Ganzen, ein Boden aus lauter Einzelstücken, insgesamt eine einzigartige Einheit.
Holzböden
So wie jede Steinplatte ein Unikat ist, ist auch bei den alten Holzböden des Kirchenwirts jedes Brett, jeder "Bodenladen", ein Einzelstück. Diese "Bodenladen" sind genauso breit und lang, wie es beim Zersägen der unterschiedlichen Baumstämme im „Scharfschnitt“ nur möglich war, um das wertvolle Naturmaterial so gut wie möglich zu nutzen. Wer einen Baum händisch fällt, die Stämme im Winter mit dem schweren Schlitten zum Sägewerk zieht, das Schnittholz mit dem Pferdefuhrwerk zum Haus bringt, es dort mehrere Jahre an der Luft trocknen lässt, der achtet ganz sicher darauf, möglichst wenig Abfall zu produzieren. So sind die einzelnen Bretter nicht nach Norm auf gleiche Länge und Breite zugeschnitten. Jedes Brett, jeder "Bodenladen" ist so als Einzelstück entstanden, und doch geschickt an seine Nachbarn angepasst. Fußwarm ist das Holz der Böden, wenn man barfuß darüber geht, die Jahresringe und Äste spürt, die durch die traditionelle Reinigung, das Scheuern, herausgearbeitet sind. Die Holzböden haben schon lange gedient und werden noch lange dienen und sie knarren, wenn man auf sie steigt.
Spuren
Wenn man sich in einem alten Haus aufhält, sich die Zeit nimmt, den Gefühlen nachzuspüren und nachzudenken, was das Besondere ist: Es sind die Spuren, die ganz langsam aus den Bewegungen der Menschen entstanden sind: die ausgetretenen Stufen, der geglättete Steins des Flurs, die lesbaren Bewegungszonen in den Holzböden, die Glattheit des Geländer-Handlaufs: überall haben Menschen vor uns dauerhaft Spuren hinterlassen und auch wir fügen neue Spuren hinzu. Das verbinden uns mit Jenen die vor uns hier gelebt haben und wir wollen wissen, wer sie waren, wie sie lebten. Die Mägde, die kniend mit Sand die Holzböden gescheuert haben, so dass wir heute das Relief der Jahresringe spüren, Knechte, die ihre Pferde im Samerstall versorgten, den Schnaps und den Wein aus dem Tirolischen im Auge behielten, damit nichts verschwindet.
Samerstall
Der Kirchenwirt war im Mittelalter ein Lehen. Auswärtigen Herren untertan und doch frei und stolz im abgelegenen Tal. Den Kern des Anwesens bildet die Hofstatt, ein sicherer Ort für Mensch und Tier. Genau so wirkt der Stall: als Basis Steinmauerwerk, das den Tieren sicheren Raum bietet, oben in den Kammern, die aus massivem Holz gezimmert sind, der Raum für die Menschen. Die 'Buamahöh' ein hoher Gang darübergelegt; sehen und gesehen werden. Und wenn man ein anderes Tor im Stall öffnet, ist hier kein Stall, sondern eine dreischiffige gotische Kapelle. Die Pfeiler dieser Stallkapelle sind aus lokal anstehendem Konglomerat gemauert, ein Stein, der eine formale Klammer zum Nagelfluh bildet und wie der rote Adneter Stein zur fürsterzbischöflichen Residenzstadt Salzburg weist. Die Kapelle ist ein Teil des Samerstalls und der Heilige Leonhard, der "Viehheilige", ist der Patron der nahen Pfarrkirche. Im Stall eine Kette für das Vieh, eine Kette ist auch um die Kirche gespannt und eine Kette im Wappen der Gemeinde. Zeichen der Verbundenheit, der Sicherheit der Herberge und der Gewissheit mit Speis und Trank versorgt zu sein. Und nicht nur Sicherheit und Wohlergehen für den Leib: Auch für die Bedürfnisse der Seele ist mit einer Kapelle im Stall gesorgt. Ein historischer Ort, wo so lange schon Menschen beherbergt und beschäftigt worden sind. Arbeits- und Lebensraum, Räume des Gebens, des Dienstes am Gast.
Zimmer
Jetzt und Heute ist das Haus ein Ort des Rückzugs, nicht nur aus dem Alltag, auch aus der Zeit, auch aus dem Tourismusgetriebe von Leogang, mehrfach.
Von den großzügigen, platzartigen Fluren zweigen einzigartige Stuben und Zimmer in die Privatheit ab. Alle Zimmer haben Geschichte, dienten den verschiedensten Zwecken: als Klassenzimmer der Volksschule, als Dienstboten Kammer oder als Schuster-Werkstatt. Die alten Zuschnitte der Zimmer sind erhalten geblieben keine Zwischenwände sind eingezogen, Raum ist reichlich vorhanden.
Ein großzügiges Zimmer. Mir ist Raum gegeben worden. Neben Ruhe und Sicherheit wird in Zukunft noch viel mehr großzügig bemessener Raum ein Luxusgut sein. Die Ruhe des Ortskerns und die Sicherheit der Hofstatt fügen sich mit den großzügig bemessenen Zimmern auch heute schon luxuriös zusammen. Das Zimmer ist großzügig. Nicht nur eine Bettstatt, einladend mit vielen Polstern, wo ich es mir richten kann. Zwei Sitzgruppen: Ein Badezimmer, das nicht dem Hauptraum abgeneidet ist, folgt als eigener Raum. Eine elegant geschwungene Badewanne für Zwei steht frei im Raum. Der Waschtisch ein hölzernes Unikat. Nirgends Plastikoberflächen. Porzellanbecken, passende Armaturen.
Ankommen, das Gepäck abstellen, einen Lehnsessel ins einfallende, späte Sonnenlicht gerückt und zu lesen begonnen. Zwischendurch auf das gezimmerte Obergeschoß des Samerstalls geschaut - und entschleunigt in die Atmosphäre des Kirchenwirts eingetaucht.
Text: Friedrich Idam 2019, www.idam.at