Betrachtet man die Entwicklung verschiedener Kostenfaktoren, die zur Errichtung eines Hauses notwendig sind, etwa seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, so lässt sich deutlich ein Trend ablesen, der dahin geht, dass die Kosten für die Arbeitsleistung, für die Werkleistung proportional steigen, und die Kosten für das Baumaterial laufend gesunken sind. Die Frage ist, ob sich dieser Trend auch in Zukunft so weiterentwickeln wird oder ob nicht auch eine Trendumkehr möglich ist. Faktoren, die diesen Trend umkehren können, stecken meiner Meinung nach vor allen Dingen in der Entwicklung der Energiepreise zur Herstellung von Baustoffen. Wird oft sehr viel Energie eingesetzt. Denken Sie etwa an das Brennen von Ziegel, denken Sie an die Herstellung von Portlandzementklinker. Denken Sie aber auch an die oft weiten Transportwege, die zurückgelegt werden, um einen Baustoff seiner Produktionsstätte dorthin zu transportieren, wo er dann letztendlich verbaut wird. Es ist also für mich durchaus sehr denkmöglich, dass sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Preise für Baumaterialien überproportional wieder erhöhen werden, also dass eine Trendumkehr stattfindet und im Bereich der Arbeit möglicherweise durch den Einsatz von Robotik, vielleicht sogar humanoiden Robotern, die Kosten für die Arbeitsleistung möglicherweise sogar sinken werden. Aus diesem Grund denke ich, dass es durchaus sinnvoll ist, sich mit Materialsparstrategien der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um eben genau dann, wenn die Baustoffe immer teurer, teilweise vielleicht sogar unleistbar werden, dass man dann diese Strategien letztlich recycelt und wieder anwendet.
Ich habe ja in der Episode über das sparsame Bauen erzählt über das Thema Ziegelsplitt gesprochen. Also ich stelle in die Shownotes einen Link zu dieser Episode. Da geht es um die Situation unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, wo eine DIN-Norm entstanden ist, die DIN 4120, wo es um den sparsamen Bau geht. Und ein Element dieser DIN-Norm ist auch die Verwendung von Ziegelbruchmaterial. Und die heutige Episode heißt ja Bruchmaterial. Und da geht es darum, wie kann man zerbrochene Baustoffe trotzdem sinnvoll und gut verwenden. Und beim Ziegelsplitt da wurden Ziegeln, die von Häusern, die durch Bombentreffer zerstört wurden, gewonnen wurden, dass man eben diese Ziegelbruchstücke nicht als Bauschutt entsorgt hat, sondern diesen Baustoff vermahlen hat, und aus diesem Splitt dann einen Zuschlagstoff für den Beton gewonnen hat, wo man dann zum Beispiel aus dieser Masse wiederum Ziegeln gegossen hat oder auch größere Bauteile.
Diese Verwendung des Ziegelsplitts geht sehr weit zurück. Also wir finden zum Beispiel in der römischen Antike, also die Römer waren ja die großen Ziegelbrenner, also die Ziegelproduktion nahm im römischen Imperium einen großen Aufschwung. Und wenn man jetzt dieses römische Schalenmauerwerk betrachtet, wo innen und außen bei den Mauern eine schöne, aber auch feste Schale aus intakten, gemauerten Ziegelschalen besteht, so ist der Kern dieses Mauerwerks mit den Resten gefüllt. Also hier ist dann das Bruchmaterial drinnen. Und diese Füllung ist ja dieses bekannte römische Opus Caementitium, zu dem es ja auch schon eine Episode dieser Podcast-Reihe gibt. Auch hier werde ich einen Link in die Shownotes stellen. Und hier haben die Römer wirklich diesen Ziegelbruch bis zum letzten verarbeitet. Also einerseits sind dann Ziegelbruchstücke einfach als grober Zuschlag in diesen Zwischenraum, zwischen innerer und äußerer Mauerschale einfach in eine Gussmasse, in die Gussmasse beigefügt worden. Das ist ja relativ einfach. Außen- und Innenschale sind ja stabil. Da wird ein, zwei Scharen hochgemauert, dann entsteht zwischen Innen- und Außenschale eine Mulde und diese Mulde kann man dann relativ unkompliziert ohne große Kenntnisse der Mauertechnik einfach relativ grob ausfüllen. Und bei diesem Ausfüllen, da waren Steinbrocken, Steinreste und diese Ziegelbrocken dabei und es wurden aber kleinere Ziegelteile ausgesiebt bzw. sogar vermahlen und daraus wurde ein sogenanntes künstliches Puzzolan gewonnen. Das ist ein Mörtelzusatz, der leicht hydraulisch wirkt. Also man ist da bei Brenntemperaturen, beim Ziegel, da ist man natürlich noch weit unter der Brenntemperatur des Portlandzementklinkers. Da bewegen wir uns ja im Temperaturbereich von 1400 Grad. Die römischen Ziegel wurden maximal bis 900 Grad Celsius gebrannt, aber auch hier, wenn man Ziegelmaterial mit diesen Brenntemperaturen fein zermahlt und dieses fein zermahlene Ziegelmehl dem Mörtel zugibt, da entstehen Kalzium-Aluminium-Phasen noch in einer amorphen Phase. Die wirken aber bereits leicht hydraulisch wie eben natürliche Puzzolane. Das sind vulkanische Aschen und Schlacken. Und hier spricht man von sogenannten künstlichen Puzzolanen. Also hier wirklich eine Verwertung bis zum feinsten, zum letzten Ziegel.
Aber auch wenn ich hier in Hallstatt historisches Mauerwerk untersuche, etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts finden sich auch Ziegelbruchstücke, die stammen, das erkennt man aus der Form, das sind Reste von zylindrischen Ziegeln. Und diese zylindrischen Ziegeln, die stammen von der Salzsudpfanne, die stand auf Säulen, auf Stützen, die aus zylindrischen Ziegeln gemauert wurden, ähnlich wie die Trommeln an dicken Säulen, natürlich viel kleiner. Und wenn die durch die Feuerbelastung bei der Salzsud zu Bruch gingen, wurden die natürlich erneuert und dieses Bruchmaterial wurde aber ganz ähnlich wie bei diesem römischen Schalenmauerwerk, in der Mitte, im Kern der Mauer verarbeitet, also auch hier eine Verarbeitung des Bruchmaterials.
Man kann aber bei Bruchmaterial zeitlich viel weiter zurückgehen. Ein sehr interessantes Phänomen, denke ich, sind die Faustkeile der Steinzeit. Und da gibt es ja verschiedene Hypothesen. Eine Hypothese ist, dass der Faustkeil das Ziel des Arbeitsprozesses war. Andere Hypothesen hingegen sagen, das eigentliche Ziel des Arbeitsprozesses waren die Abschläge, welche bei der Herstellung des Faustkeils entstanden sind und die dann, als feine klingenartige oder schaberartige Werkzeuge verwendet werden konnten. Und dann gibt es natürlich Hypothesen, die sagen, ja, eigentlich war es das sowohl als auch. Also sowohl der Faustkeil wurde gezielt hergestellt, aber auch die Abschläge, wurden gebraucht und wurden verwendet. Für mich ist jetzt gar nicht so entscheidend, welche dieser Hypothesen jetzt tatsächlich zutreffend ist. Am interessantesten finde ich, dass man beides braucht, dass man also auch die Reste, die Abschläge braucht, Bruch verwendet, dass man nicht per Definition auf der Baustelle nur perfektes, unzerbrochenes Material verwendet, sondern eben auch den Bruch.
Und wenn ich mich an meine Tätigkeit beim Steinmauern zurückerinnere, wenn ich dann aus grobem Steinmaterial, das aus dem Steinbruch stammt, dann quaderförmige Steine zugeschlagen habe. Aber da ist ja auch sehr viel Abfall, sehr viel Bruch entstanden. Und auch hier habe ich den Bruch wieder entweder zwischen größeren Steinen eingefügt, dort wo eben Fugen waren, dass möglichst wenig Fugen, Mörtel und sehr viel Steinmaterial verwendet wurde, aber auch zur Hintermauerung, ähnlich wie bei dem bereits geschilderten römischen Schalenmauerwerk. Um diesen Bruch auch statisch gut haltbar zu machen, ist quasi eine Einfassung erforderlich. Also das ist beim römischen Mauerwerk, bei der Steinmauer, die äußere und die innere Schale, aber auch in der Sichtfläche des Mauerwerks wird die Kante mit quaderförmigen Steinen gebildet. Also die wirkt stabilisierend und zwischen den Kanten im Feld kann dann auch das Bruchmaterial verwendet werden und wird quasi eingespannt zwischen geordnete Strukturen. Das funktioniert beim römischen Mauerwerk auch in der Tiefe der Mauer. Da gibt es die Binderziegel, also der sogenannte Durchschuss. Das sind dann wieder Ziegellagen, welche von der Innenschale zur Außenschale reichen und die dann alle halben Meter, alle Meter durchgeführt werden, sodass hier auch immer noch eine gute statische Verbindung ist. Aber dann ist es durchaus möglich, auch das Bruchmaterial zu verwenden.
Ein, denke ich, sehr schönes Beispiel für die Verwendung von Bruchmaterial findet man in Wien beim Fußboden der Arkaden der Staatsoper. Also wenn Sie jetzt an der Längsseite der Staatsoper gehen, da ist dieser Bodenbelag aus zerbrochenen Kelheimerplatten. Also in Wien sagt man dazu Kelheimer Platten, es gibt in Westösterreich eher den Ausdruck Solnhofen, das ist der Steinbruch, Kelheim ist der Donauhafen. Es gibt auch hier eine Episode über einen Boden aus Kelheimer Platten, auch dazu einen Link in die Shownotes. Jetzt habe ich mich gefragt, warum wird bei diesem repräsentativen Bau Bruchmaterial verwendet? Und die Erklärung ist die, nach Ende des Zweiten Weltkriegs war auch die Wiener Staatsoper von Bomben getroffen. Es gab auch große Zerstörungen und es gab in der Innenstadt aus den Zerstörungen sehr viel zerbrochene Kelheimer Platten. Und man hat hier aus der Not eine Tugend gemacht und man hat dieses zerbrochene Steinmaterial zweitverwendet. Und natürlich sind auch ganze Platten übrig geblieben. Es ist ja nicht alles zerbrochen und da hat man wieder eine Einfassung gemacht. Also die Felder in den Arkaden, das sind quadratische Felder, wo der Rand, die Seiten des Quadrats mit unzerbrochenen Platten eingefasst sind. Also fast eine Analogie zum Mauerwerk. Und in dieser Einfassung liegt dann, finde ich, in seiner chaotischen Anordnung sehr, sehr schön, aber eingefangen in seinem Rahmen dieser Kelheimer Bruch.
Also ich denke, es kann in Zukunft wirklich wieder relevant sein, überhaupt wieder den Gedanken zu fassen, dass Bruchmaterial durchaus auch sinnvoll verwendet werden kann. Das Bruchmaterial, wenn es richtig eingefügt, richtig eingerahmt, richtig eingefasst ist, statisch hinreichende Festigkeit hat und, wie das Beispiel der Arkaden der Wiener Staatsoper zeigt, wenn man kreativ und mit handwerklichem Können damit umgeht, sogar ein ästhetischer Mehrwert gewonnen wird.