Sparsames Bauen
Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs hinterließen in den deutschen Städten eine bauliche Trümmerlandschaft, deren Ausmaß die bis dahin bekannten städtebaulichen Katastrophen weit überstieg. Alliierte Bomberangriffe hatten große Teile der urbanen Bausubstanz vernichtet oder schwer beschädigt, sodass in vielen Ballungsräumen nur noch ein Bruchteil des Vorkriegswohnungsbestandes nutzbar war. Gleichzeitig strömten Millionen Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten in den Westen, was den ohnehin dramatischen Wohnraumbedarf weiter steigerte. Hieraus ergab sich eine doppelte Knappheit: einerseits fehlte es an intakten Wohnungen, andererseits standen Baustoffe, Arbeitskräfte und finanzielle Mittel nur in äußerst begrenztem Umfang zur Verfügung. Die politische und wirtschaftliche Ausgangslage der späten 1940er und frühen 1950er Jahre forderte daher eine Bauweise, die mit minimalem Materialeinsatz und in kürzester Zeit möglichst große Wohnflächen hervorbringen konnte. In diesem Umfeld entstand auch die DIN 4120 „Sparsames Bauen“. beispielsweise wurden beschädigte Gebäude auf ihrem Zustand geprüft und einer Triage unterzogen. Was noch tragfähig war, wurde instand gesetzt. Was abgebrochen werden musste, wurde ausgeschlachtet. Die Ziegel ließen sich dank des schwächeren Kalkmörtels leicht lösen und erneut verwenden. Der Bruch wurde an Ort und Stelle zu Ziegelsplitt zerkleinert. Er diente als Zuschlag für Schüttwände, großformatige Steine oder fußwarme Estriche. So entstand ein geschlossener Stoffkreislauf, der den Abtransport von Schutt und die Heranführung neuer Materialien vermied. Aus diesen Zwängen entwickelten sich genormte Bauteile, vereinfachte, kleine Grundrisse. Die Regel, keine Baustoffe allein aus Schönheitsgründen einzusetzen, führte zu glatten Fassaden und dem Verzicht auf Gesimse. Diese Formensprache fand später in den Plattenbauten ihre systematische Fortsetzung. Was als Notlösung entstanden war, wurde zur Standardpraxis. Die Bauwirtschaft erkannte darin die Möglichkeit, Wohnraum kostengünstiger herzustellen. Dabei verschoben sich die Wertigkeiten von notwendiger Sparsamkeit hin zu reinem Kostenminimieren. Heute stellt sich erneut die Frage, wo gezielte Reduktion sinnvoll bleibt und wo sie die Qualität eines Gebäudes untergräbt. Genaue Planung und die Nutzung vorhandener Infrastrukturen bieten weiterhin Anknüpfungspunkte. Die Grenze zwischen kluger Ökonomie und verarmter Gestaltung muss bewusst gezogen werden.
Link zur Bestellung der DIN 4120.
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