Bei der Lektüre des durchaus empfehlenswerten Buchs Antifragilität von Nassim Nicholas Taleb bin ich auf den Begriff der Bricolage gestoßen. Taleb erwähnt ihn in Zusammenhang mit dem Molekularbiologen François Jacob. Der ist Nobelpreisträger für Medizin und der ist in den späten 1960er frühen 1970er Jahren draufgekommen dass die Evolution nicht nach einem bestimmten Plan arbeitet, sondern dass die Funktionsweise der Evolution eher der eines Bastlers entspricht. Also dass zum Beispiel Reste von Eiweißen neu zusammengefügt werden, dass zum Beispiel bei der Entwicklung des Gehirns von Wirbeltieren über sehr alte Strukturen, alte Hirnstrukturen im Kern des Gehirns das ja manchmal auch als das Reptilien-Gehirn bezeichnet wird im Lauf der Evolution immer wieder neuere Schichten aber mit Neukonfiguration der alten bestehenden Systeme der Nervenzellen gelegt wurden, dass so der Neokortex entstanden ist und quasi durch dieses evolutionäre Herumbasteln eine Entwicklung stattgefunden hat die aber aufgrund eines durchaus begrenzten Angebots an Möglichkeiten dann mit Ausprobieren mit Zufällen arbeitet und dass auf dieser Bastlerarbeit oder wie es eben François Jacob nennt diese Bricolage, dieses Basteln entsteht.
Das habe ich insofern sehr interessant gefunden, weil es mich sehr schnell an ein Prinzip erinnert hat so wie ich unser Haus gebaut habe, beziehungsweise noch mehr so wie es meine Eltern gemacht haben. Da war eigentlich immer ein Repertoire an verschiedenen Restgegenständen vorhanden. Also ich kann mich erinnern, wenn irgendeine Elektroinstallation, irgendein Schalter zu reparieren war, da gab es einen kleinen Kellerraum. Das war der sogenannte Eisenkeller, wo alles mögliche Alteisenmaterial aber eben auch gebrauchtes Elektromaterial verschiedene Schalter verschiedene Kabel verschiedene Steckdosen ja quasi ein Archiv der elektrotechnischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Und da war ich in einer Holzkiste dieses unterschiedlichste Elektromaterial. Da habe ich dann gesucht, was finde ich, was könnte ich verwenden. Genauso für Wasserinstallationen. Da gab es eine Kiste mit verschiedenen - natürlich gebrauchten - Fittingen diese Rohrverbindungsstücke für Stahlinstallationssysteme. Das sind diese klassischen Rohre mit halb Zoll, dreiviertel Zoll, ein Zoll wo man einerseits die Rohre zuerst einmal mit der Eisensäge in die gewünschte Länge abgeschnitten hat dann mit einer Schneidkluppe ein Gewinde draufgeschnitten hat, dann Hanf drüben gewickelt hat und dann das Rohrverbindungsstück, den Fitting, ein Knie, ein T-Stück, eine Reduktion whatever.
Und dieses Material waren alles zweitverwendete Teile. Das heißt. wenn irgendwo eine Installation entfernt wurde dann wurde die abgebaut, zerlegt, auseinandergeschraubt. Und aus diesem Fundus - natürlich aus einem begrenzten Repertoire - hat man dann versucht eine Lösung zu finden. Und das habe ich aber immer sehr kreativ erlebt. Ich bin so aufgewachsen und habe auch das erlebt. Wenn es notwendig war, auch beim eigenen Haus wieder angewandt. Also eine exponierte Lage in einem Ort wo es keinen Baumarkt gibt, wo eigentlich das Beschaffen der Teile relativ mühsam ist, dass man dann zu immer zuerst, als ersten Schritt schaut was ist vorhanden und was kann ich aus dem vorhandenen Material basteln. Und das ist unbedingt so, so habe ich das immer erlebt. Und so habe ich es eben jetzt auch wieder gelesen in dieser Theorie des François Jacob, dass auch die Evolution so arbeitet und das habe ich sehr interessant gefunden.
Und auch dass mich diese Arbeit diese Art zu arbeiten einerseits sehr befriedigt und auch zu - wie ich denke - den interessantesten Ergebnissen geführt hat. Das Gegenstück ist die Ingenieurplanung, die Architektenplanung: dass man von etwas wie es am Ende aussehen sollte eine ganz konkrete manchmal sogar visionäre Vorstellung hat und dann - das ist dann meistens die Sache der Handwerker, die dann gefordert sind, diese Vision diesen Plan umzusetzen, dass die dann schauen mit welchen Materialien die in diesem riesen weltweiten Angebot vorhanden sind, kann ich das am schnellsten lösen, welche Spezialwerkzeuge brauche ich. Auch das ist - denke ich - bei der Bricolage, beim Basteln das: was habe ich an Werkzeug zur Verfügung. Also es ist nicht nur die Materialebene es ist auch die Werkzeugebene und man improvisiert. Das Thema hat mich dann wirklich gefesselt und ich bin dann weitergegangen und habe dann relativ schnell herausgefunden, dass François Jacob seine Idee des Bricoleur wiederum von Claude Lévi-Strauss hat, der in den frühen 1960er Jahren das Buch „Das wilde Denken“ geschrieben hat. Also ein archaisches Denken. Und auch hier formuliert er den Bricoleur, den Bastler, den Jacob dann zum Vorbild nimmt und Lévi-Strauss stellt diese Idee, dieses mythische Denken also ein Denken, ein vorrationales Denken, das er aber als nicht minder erachtet sondern eben als einen anderen Zugang um die Welt zu erklären. Levi-Strauss untersucht hier Mythen der nordamerikanischen Indianer, wo es um so Gegensatzpaare geht wie Gut/Böse, so wie es wir aus Mythen kennen. Darum eben auch das mythische Denken. Berg/Meer und löst aber diese Gegensätze nicht auf, sondern der mythische Denker, der Bastler der lässt diese Kontraste stehen baut sie nur zusammen; auch in ihrer Fremdartigkeit und schafft eben hier auch ein Weltbild und ein anderes Denkmodell.
Vom eigenen Handeln, von der eigenen Art oder so wie ich aufgewachsen bin, mit so einfachen Mitteln zu bauen ist mir natürlich die Verwandtschaft zur vernakulären Architektur aufgefallen. Ich bin davon überzeugt, dass so wie das beschrieben ist dieses Zusammenfügen, dieses Verwenden lokaler Materialien das Verwenden des Vorhandenen, Wiederverwerten, Wiederverwenden, wieder neu zusammenfügen: dass das eine jahrtausendealte Zugangsweise im vernakulären, im anonymen Bauen ist und tatsächlich einer der ersten Autoren, der österreichische Architekt Bernard Rudofsky der in seinem berühmten Werk „Architektur ohne Architekten“, das kurz nach dem „Wilden Denken“ von Lévi-Strauss entstanden ist. Das war dann Mitte der 1960er-Jahre. Der beruft sich natürlich genau auf diesen Bricoleur, auf diesen Bastler den Lévi-Strauss in mythischem Denken, in der Philosophie definiert. Den überträgt Rudofsky auf das Entstehen der vernakulären, der anonymen Architektur. Der Architektur ohne Architekten.
Ich glaube auch Sie spüren jetzt schon, wie nah diese Gedanken an den Gedanken der Simple Smart Buildings sind. Auch hier gibt es wieder eine sehr hohe Kongruenz. Mir ist dann wirklich ein neuer Gedanke gedämmert. Ich habe mir dann überlegt: Warum fühlt man sich in den alten Gebäuden so wohl? Warum fühlt man sich in vernakulärer Architektur so wohl? Warum fühlt man sich wohl weil es nicht oder wenn es nicht so perfekt ist? Da denke ich, ist für mich die Erklärung: weil wir als Menschen so wie wir evolutionär gestaltet sind, so wie wir eben evolutionär entstanden sind durch diese Bricolage der Evolution sind ja wir in unserer tiefsten Struktur so gebaut wie gebastelte Häuser. Und das ist für mich schon eine durchaus bedenkenswerte Erklärung, die sehr stark dafür spricht.
Und es gibt natürlich auch neue Bewegungen, die eben genau in die Richtung gehen. Es gibt zum Bricoleur im Französischen das englischsprachige Gegenstück der Tinker oder der Tinkerer. Das kommt etymologisch, steckt da „Tin“ das Zinn drinnen. Und ein Tinker oder ein Tinkerer das ist ursprünglich von der Bedeutung ein Kesselflicker. Das waren Menschen, welche mithilfe von Lötzinn schadhafte Kessel, Töpfe geflickt haben. Also auch hier wieder dieses Reparieren, dieses nicht neu fertigen sondern aus dem Vorhandenen wieder etwas zustande bringen, das zwar nicht 100% perfekt ist, aber mit viel geringerem Aufwand dennoch hinreichend seinen Zweck erfüllt. Ein Begriff von Adalbert Stifter aus dem „Nachsommer“ der mir dazu jetzt spontan einfällt ist der Begriff der „Erfolgsgenügsamkeit“, dass man nicht nach dem Perfekten strebt sondern einfach die Latte nicht so hoch legt und etwas bescheidener ist und dadurch aber Dinge letztlich schafft und das ist mir jetzt bewusst geworden und.
Mich hat irgendwo diese Erkenntnis, diese vermeintliche Erkenntnis so begeistert, dass ich mich gleich - also gestern Abend habe ich es gelesen - heute habe ich mich dazugesetzt, habe recherchiert und spreche jetzt diesen Podcast, weil es mich so begeistert, dass das möglicherweise die Erklärung ist, warum wir uns mit dem Nicht-Perfekten mit der Bricolage mit dem Tinkering so wohlfühlen und es gibt ja auch neue Entwicklungen sowie Urban Tinkering wo genau diese Methode, dieses Zusammenführen von Dingen die man aus Urban Mining, aus Abfallprodukten der Städte, unserer modernen Zivilisation gewonnen hat mit dieser Methode Dinge baut, neu zusammenführt die viel menschlicher sind. Also menschlicher in dem Sinn so wie wir evolutionär entstanden sind.
Und dann habe ich mich gefragt: Warum interessiert mich so sehr die künstliche Intelligenz? Warum interessiert mich so das Spielen mit Large Language Models? und habe auch hier tiefer recherchiert und bin draufgekommen dass manche ganz moderne Denker solche Large Language Models wirklich als ultimative Bricolage-Maschinen definieren. Denn das Wortpotenzial, das Begriffspotenzial aus dem diese Large Language Models schöpfen das ist ja das eingescannte Wissen der Menschheit. Dass Konzerne ganze Bibliotheken, wie etwa die österreichische Nationalbibliothek, eingescannt haben, dass hier quasi der gesamte Wort- und Begriffsschatz der Menschheit als Bastelmaterial zur Verfügung steht. Und dass möglicherweise genau diese Methode, dieses Neuzusammenfügen dieses Neuassemblieren von bereits Gebrauchten, von bereits fertigen Elementen genau diese Methode es eben so interessant macht mit Prompt Engineering herumzuexperimentieren, herumzubasteln und dass so ganz gegensätzliche Dinge wie das Herumspielen mit einem Large Language Model oder das Zerlegen einer stählernen Rohrleitung, das Wiedergewinnen der Fittinge, das Neuverschrauben, dieses Basteln, dieses Zusammenbauen und das Wohnen in vernakulärer Architektur und von Dingen umgeben zu sein, die nicht perfekt sondern zusammengebastelt sind ganz ähnlich angenehme und interessante Empfindungen schafft.