Simple Smart Buildings

Simple Smart Buildings

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Friedrich Idam:

Simple Smart Buildings ist heute wieder unterwegs. Ich bin zu Gast bei Dr. Alfons Huber in Wien. Alfons Huber war viele Jahre lang leitender Restaurator der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums in Wien. Diese Sammlung ist zum Teil heute auch noch untergebracht in der Neuen Burg, im sogenannten Corps de Logis. Alfons Huber hat sich an der Akademie der bildenden Künste habilitiert. Er hat dort einen Lehrgang zur Restaurierung historischer Musikinstrumente geleitet. Meine Frage an dich lieber Alfons ist, wie bist du in deiner Rolle als Instrumentenrestaurator mit der Klimatisierung historischer Gebäude, historischer Räume in Kontakt gekommen?

Alfons Huber:

Ich bin 1983 an die Sammlung alter Musikinstrumente gekommen und war, was Gebäudeklima betrifft, vollkommen „unbeleckt“. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis ich realisiert habe, dass dieser Bau einerseits ein unglaubliches Faszinosum war, nämlich geplant als der Wohntrakt für die kaiserliche Familie, andererseits durch spätere Eingriffe kaputt gemacht wurde, klimatisch kaputt gemacht wurde.

Friedrich Idam:

Dieses Corps de Logis wurde ja Ende des 19. Jahrhunderts geplant und in Angriff genommen, etwa in den 1880er, 1890er Jahren. Und wurde aber 1918, zu Ende des Ersten Weltkriegs, war es noch nicht ganz fertiggestellt.

Alfons Huber:

Richtig. ‘81 war die Planung, ‘85 war Baubeginn. Es war eine Katastrophenbaustelle, mit ständigen Umplanungen, weil die Akteure, für die es geplant war, immer zu Tode gekommen sind. Zuerst der Thronfolger, dann wurde Sissi ermordet, dann hat das ganze Projekt Franz Ferdinand geerbt; der ist 1914 ermordet worden. Kaiser Franz Josef war verzweifelt. Der hat dann angeblich nach 1900 den Rohbau nicht mehr betreten. Aber man muss sich vor Augen halten, geplant war der Bau von den besten Architekten ihrer Zeit. Gottfried Semper war mit dem großen Kaiserforum betraut und Karl von Hasenauer, der auch ein genialer Architekt war, war dann mit der Detailumsetzung betraut. Aber der eigentliche Akteur war - für die Haustechnik würden wir heute sagen - war Karl Böhm, ein Militärarzt, der sich selber als Gesundheitstechniker bezeichnet hat. Er ist berühmt geworden mit dem haustechnischen Ventilationssystem, zuerst der Hofoper und dann des Burgtheaters. Das Besondere an diesen Konzepten von Karl Böhm war, dass er empirisches Wissen mit 100 Jahre technischem Ingenieurswissen zusammengeführt hat. Das 19. Jahrhundert, das, wie ich jung war, so belächelt wurde, so als: „Die haben keinen eigenen Stil entwickelt; die haben technisch noch nicht viel gewusst...“

Friedrich Idam:

Also dieser Karl Böhm, Böhm von Böhmersfeld, der wurde später nobilitiert.

Alfons Huber:

Böhmersheim, glaube ich, Böhm von Böhmersheim.

Friedrich Idam:

War Militärarzt am Josefinum. Dieses Josefinum, dieses Militärhospital, das war ja eine Forschungsanstalt.

Alfons Huber:

Im 19. Jahrhundert hatten die Militärs kaum Möglichkeiten, um die verwundeten Soldaten wieder hochzukriegen. Das Einzige war Licht, Luft und Sonne, ein gutes Essen und eine gute Luft. Man hat geglaubt, dass Krankheiten durch die miasmatischen Ausdünstungen der Kranken verstärkt werden, und darum war der Luftwechsel eine ganz wichtige Angelegenheit. Man hat schon ab den 1860er Jahren den Luftwechsel forciert durch Kamine, die beheizt wurden, mit Kohle, um einen Unterdruck in den Gebäuden zu erzeugen und dann frische Luft nachströmen zu lassen.

Friedrich Idam:

Also dieses Meißnersche Luftheizungssystem.

Alfons Huber:

Paul Traugott Meißner war ein Pharmazeut. Im späten 18. Jahrhundert, im frühen 19. Jahrhundert, wie man begonnen hat, größere Räume zu beheizen, stand man vor dem Dilemma, dass man mit Öfen große Räume nicht beheizen kann. Man hat dann - in Melk kann man das heute noch studieren, im Refektorium - man hat dann große Heizanlagen oder Öfen unterhalb der entsprechenden Räume angebracht und hat festgestellt, dass das nicht gescheit funktioniert, die Wärme kommt dort nicht an. Und Meißner, der sehr gut beobachtet hat, hat festgestellt, dass sich Luft verhält wie eine Flüssigkeit. Und man kann nicht in eine Flasche, die mit kaltem Wasser gefüllt ist, warmes Wasser einfüllen. Also man muss das kalte Wasser rausbringen, damit man es mit warmem Wasser bzw. warmer Luft substituieren kann. Diese Meißnerischen Öfen waren Mantelöfen, wo die Luft aus den oberen Räumen, die abgekühlte Luft in den Keller geschickt wurde, dort aufgeheizt wurde und durch Schachtsysteme wieder den oberen Gebäudeteilen zugeführt wurde. Das hat sehr gut funktioniert. Man hat das dann begeistert aufgegriffen. Eines der ersten Museen in diesem Sinne war das Belvedere, das untere Belvedere, wo die Gemäldesammlung des Kaiserhauses untergebracht war. Und man hat dort mit Entsetzen festgestellt, dass die Luftheizung zu einer völligen Austrocknung der Luft führt. Das Konzept von Karl Böhm ist aus meiner Sicht rückwirkend ambivalent. Also was die Ventilation der Räume im Sommer betrifft, war es genial. Die Luftheizung aus heutiger Sicht war eine Sackgasse. Auch unsere heutigen Probleme - und das ist das, was sozusagen in die Zukunft weist - kommen daher, dass Heizen mit warmer Luft, Air Conditioning, jetzt im Winterfall eine Sackgasse ist. Und Air Conditioning ist aus meiner Sicht auch für den Sommerfall die Sackgasse. Das habe ich aber alles 1983 überhaupt nicht gewusst. Ich wurde nur mit den Schattenseiten der Luftheizung konfrontiert, nämlich (mit der) Zentralheizung. Seit meiner Kindheit, kenne ich den Spruch: Zentralheizung trocknet die Räume aus. Jetzt greife ich ein bisschen vor. Ich habe mich gefragt: warum wirkt eine Fußbodenheizung nicht so destruktiv wie eine Radiatorheizung? 20 Grad ist doch 20 Grad. Diese Antwort hat ja auch die Frau Minister Gewessler gegeben. Es ist doch wurscht, wie ich einen Raum heize. Das ist es nicht! Sondern mir haben die Heizungsplaner bestätigt: Ein Raum mit einer Fußbodenheizung hat ungefähr zehn Prozent mehr relative Feuchtigkeit wie ein Raum mit Radiatorheizung. Warum? Ich als völlig ungebildeter „Klimatologe“ war ununterbrochen von der Frage „Warum“ angetrieben. Warum hat es in unserer Sammlung unter 30 Prozent gehabt. Und da kommt aber jetzt noch, ganz wichtig, mein Damaskus-Erlebnis, sage ich immer (dazu). Das kann ich auch datieren aus den Klimadaten von Wien. Es war Montag, der 7. Jänner 1985. Das war ein Tag, wunderschön, so wie heute, wolkenlos, aber 15 Grad minus. Und ich bin wie jeden Montag durch die Sammlung gegangen - es ist Schließtag im Museum gewesen - und habe die Thermohygrographen aufgezogen.

Friedrich Idam:

Also es waren ja damals noch mechanische Geräte.

Alfons Huber:

Genau, mit einem Uhrwerk. Man hat das Blatt gewechselt...

Friedrich Idam:

Auf einem Zylinder war ein Millimeterpapier aufgespannt und es waren Schreiber, die mechanisch oder analog gesteuert waren.

Alfons Huber:

Ja, und die haben über eine Haarharfe die relative Luftfeuchtigkeit gemessen und aufgezeichnet. Und auf dem Schreiber waren 35 Prozent, das ist nicht gut, wenn man... ich habe gelernt, es sollte ca. 50 Prozent haben, das wäre ideal. Und es sollte ca. 18 bis 20 Grad haben. Der Schreiber hat 35% gezeigt und ich bin durch die Sammlung gegangen und ich höre plötzlich ein Knacksen. Noch ein Knacksen, Knacks, Knacks, Knacks. Und ich habe gehört, wie meine ganze Sammlung „zerknackst“. Und das war so ein Schreck, dass mir damals klar wurde, ich brauche nicht mehr restaurieren. Die Sammlung zerfällt schneller, als ich im Restaurieren nachkomme.

Friedrich Idam:

Wenn ich mich richtig erinnere, war eines dieser Stücke, das von diesen Zerstörungen, von diesem Zerspringen betroffen war, eine der ältesten Flöten.

Alfons Huber:

Es war eine Elfenbeinflöte, die hat im Zuge dieser Periode in zwei Jahren einen Kopfriss bekommen. Es war eine, die hatte schon einen Kopfriss und eine, die unbeschadet ans Museum kam, das war eine Ziegler-Flöte des 19. Jahrhunderts, die hat in dieser Zeit, wo ich verantwortlich war, einen Kopfriss bekommen. Und das hat mich unglaublich gestört.

Friedrich Idam:

Ist das der worst case?

Alfons Huber:

Genau, dass ich mit Schuld bin. Ich bin auch tatsächlich mit Schuld gewesen an einem beschleunigten Verfall, also an einer Art künstlicher Alterung. Wir hatten damals noch keine Brandschutzanlage, wir hatten 26 Luftbefeuchter. Und ich habe mich dieser falschen Illusion hingegeben, wenn ich untertags, also von 8 in der Früh bis 18 Uhr, wo jemand da ist, die Luftbefeuchtung möglichst hoch drehe, dass möglichst viel Feuchtigkeit in die Räume geblasen wird, dann ist in der Zeit, wo sie abgedreht sind über Nacht, aus Brandschutzgründen, sozusagen eine Art „Reserve“ da. Das war ein Fehlschluss, das ist künstliche Alterung. Also dieses Pumpen, zu feucht, zu trocken, zu feucht, zu trocken.

Friedrich Idam:

Also die Werte oszillieren viel zu schnell und organische Substanzen können sich dieser schnellen Oszillation nicht so gut anpassen oder reagieren mit ständigen Volumsveränderungen.

Alfons Huber:

Ja, und sie reagieren mit einem Phänomen, das auch einen Namen hat: compression shrinkage heißt das, Kompressionsschwund. In der Austrocknungsphase ziehen sich die Zellen zusammen, und in der Anschwellphase dehnen sie sich nicht mehr so stark aus wie zuvor. Das heißt, es entsteht eine Zickzackbewegung, die zu einer ständigen mikroskopisch kleinen, aber ständigen Volumsverringerung führt. Also selbst wenn sie um einen tolerierbaren Wert schwanken, wird das Material immer kleiner.

Friedrich Idam:

Also das deckt sich sehr gut. Ich hatte vor einigen Jahren die tolle Möglichkeit, im Stift St. Peter in Salzburg die Bibliothek zu besuchen. Diese Bibliothek besitzt keine Heizung, keine Kühlung, sie besitzt Einfachfenster und hölzerne Fensterläden. Und die Bibliothekarin hat berichtet, es werden lediglich im Sommer die Fensterläden verschlossen. Und in dieser Bibliothek wird die älteste Pergamenthandschrift Österreichs aufbewahrt. Ich glaube, sie ist 8. Jahrhundert und die ist unbeschadet. Und die Bibliothekarin hat gesagt, sie hat auch ähnlich wie du lange geglaubt, künstliche Klimatisierung wäre das Ideal und sie hat dann berichtet, immer wieder auf Bibliothekarstagungen, wo dann die Kollegen berichtet haben, das erste Jahr: „Wir haben jetzt eine Klimakammer bekommen“ und das zweite Jahr: „Und die Dinge, die wir in die Klimakammer gegeben haben, haben Schäden davongetragen.“ Also genau dieses Phänomen, das du beschrieben hast, dieses schnelle Oszillieren, sie hat gesagt, in ihrer Bibliothek ist eben diese Amplitude ein halbes Jahr, liegen diese Spitzen zwischen Minimum und Maximum, und die Veränderung geschieht so langsam, dass sich eben die organischen Substanzen wie Papier und Pergament sehr langsam diesen Veränderungen anpassen können.

Alfons Huber:

Ich sage, erstens gestehe ich, dass ich mir damals eine Klimaanlage gewünscht hätte, was natürlich aus Denkmalschutzgründen abgewehrt wurde. Und heute sage ich einen sehr ketzerischen Ausspruch: Eine Vollklimaanlage ist die teuerste Variante, um ein mittelmäßiges, instabiles und im Extremfall insuffizientes Klima zu erzeugen. Sie funktioniert sehr gut, wenn die Außen- und Innenraumkonditionen annähernd gleich sind. Dann braucht man sie nämlich nicht. Und im Hochsommer und im tiefen Winter, wenn man sie dringend braucht, führt es systemimmanent immer wieder zu Ausfällen, was dann zu Klimaabstürzen führt. Aber eine Klimaanlage verbraucht, in der Herstellung sowieso, aber auch im Betrieb, ungefähr fünf bis zehnmal so viel Geld, was man bräuchte, um mit konventionellen Mitteln, also passiv und mit dezentralen Luftbefeuchtern, ein einigermaßen stabiles Klima herzustellen. Es ist mir leider nicht gelungen, ich habe es mehrmals angeregt, eine Evaluierung der einzelnen Sammlungen, also die vollklimatisierte Gemäldegalerie und die Kunstkammer, gegenüberzustellen der Sammlung alter Musikinstrumente, die 20 Luftbefeuchter hat und sonst nichts. Das wäre wahrscheinlich eine große Überraschung gewesen, dass man das gleiche Klima, oder annähernd gleiches Klima, zugegeben bei geringerem Besucheraufkommen, da ist ein anderer Frischluftwechsel notwendig, also gesetzlich, das stimmt schon. Air Conditioning ist eine Sackgasse.

Friedrich Idam:

Jetzt noch einmal zurück zu diesem Klima dieses Wintertags. Also dein Gang nach Damaskus, vielleicht für unsere jungen Hörer, Gang nach Damaskus ist eine Chiffre, das ist aus der Apostelgeschichte, wo Paulus auf dem Weg nach Damaskus, damals noch Saulus, er ist Saulus, ist auf dem Weg nach Damaskus und hat eine Begegnung, in dem Fall ist es natürlich Jesus Christus. Und er wird bekehrt und er wird vom Saulus, vom Heiden zu Paulus. Diese Chiffre steht für einen Mind-Change.

Alfons Huber:

Ja, genau. Und ich habe damals eben begonnen mit dieser Frage, „Warum“. Ich habe die Katze noch gar nicht aus dem Sack gelassen. Ich habe dann die Thermohygrografen mit einem Psychometer überprüft und habe festgestellt, dass es nicht 35 Prozent, sondern nur 25 hat, weil die (Thermohygrografen ) sind seit Jahr und Tag nicht gewartet gewesen. Und der tiefste Wert, den ich in der Sammlung gemessen habe, dort wo Instrumente ausgestellt waren, war 17%. Der tiefste Wert, den ich im Corps de Logis gemessen habe, in der Aula des Völkerkundemuseums damals, war 9%.

Friedrich Idam:

Das sind ja Horrorwerte.

Alfons Huber:

Das sind Horrorwerte. Die Schäden waren auch unübersehbar. Was aber der eigentliche Horror war, dass das bei den Verantwortungsträgern überhaupt keine Betroffenheit ausgelöst hat. Man hat diese 9 Prozent, die wir gemessen haben, zunächst bezweifelt, dann hat die Bundesbaudirektion eine offizielle Messung gemacht, die 9 Prozent wurden bestätigt. Aber die Frage, warum ist das möglich überhaupt? Wie schafft man das? Die hat sich niemand gestellt. Die Antwort weiß ich heute, weil das Corps de Logis mit vier Lufterhitzern zu je 7 kW, also 28 kW, also die Frischluft von draußen, die ohnehin schon sehr trocken war, wurde über vier Lufterhitzer von 28 kW geschickt und dann ins Museum geblasen. Insgesamt - ich habe dann die Ventilatorleistung, die Luftvolumenstromleistung aller Abluftventilatoren zusammengezählt - 50.000 Kubikmeter pro Stunde wurden aus dem Haus hinausgeschaufelt und unkonditioniert nachgesaugt.

Friedrich Idam:

Aber zu diesem Zeitpunkt hat ja tatsächlich schon dein Wandel vom Restaurator zum Raumklimatologen stattgefunden.

Alfons Huber:

Ich habe mich natürlich nicht so wahrgenommen, sondern zum verzweifelten Ursachenforscher. Um nicht im Negativen zu verharren: Die Sammlung wurde dann 1988 geschlossen. Es kam zu einer Generalsanierung. Ich war aktiv eingebunden. Es wurden alle meine Wünsche erfüllt, auch die Pufferzonen. Ich habe also entdeckt, man muss zwischen der Kernsammlung und dem Stiegenhaus einen kleinen oder nicht zu kleinen Pufferbereich einbauen, der wie eine Klimaschleuse fungiert. Die Architekten waren nicht meine Freunde in dieser Zeit. Ich habe die Entdeckung gemacht, dass sie eigentlich als Gestalter auftreten und wenig bis keine Ahnung davon haben, wie ein Gebäude funktioniert.

Friedrich Idam:

Also eigentlich ganz anders als zur Errichtungszeit.

Alfons Huber:

Richtig.

Friedrich Idam:

Da haben ja die Spitzenarchitekten, also Hasenauer, Semper, das waren ja quasi Weltarchitekten, die haben offenkundig die Expertise des Karl Böhm geschätzt und bewusst geholt.

Alfons Huber:

Ja, genau. Ich habe dann eine Fülle von Experimenten angestoßen. Es wurde zum Beispiel um den Luftbrunnen..., also das Kellergeschoss hat in den Gestehungsakten, es war ein Zufallsfund, weil es sind glaube ich über 6000 Akten bei der Burghauptmannschaft über den Bau der Neuen Burg, und ich habe versucht, die Idee im Kopf von Böhm irgendwo zu entdecken. Und er hat nur gesagt, er hat sich beschwert, dass von seinen Plänen abgewichen wurde, dass um der Lufthygiene willen für das Kaiserhaus ein zweites Kellergeschoss angelegt wurde. Die Luftbrunnenidee war damals flächendeckend state of the arts. Also alle großen Gebäude hatten einen Keller, der im Winter als Warmluftheizung fungiert hat, mit diesem schon beschriebenen System, dass die Luft von oben aus den Räumen in den Keller geleitet wurde und unten erhitzt wurde über diese meißnerische Heizung. Und im Sommer, wo nicht geheizt wurde, hat man die Luft durch den Keller geschickt, dort also heruntergekühlt, und dann erst den Räumen zugeführt. Fürs Kaiserhaus ein zweites Kellergeschoss, das acht Meter unter der Erdoberfläche liegt.

Friedrich Idam:

Also dieses Corps de Logis, also dieser Wohntrakt der Neuen Burg, war ja quasi zeitlich das letzte große Bauprojekt der Ringstraße und der Planer der Luftbrunnenanlage. Und zu den Luftbrunnen gibt es ja eine eigene Episode dieses Podcasts. Also für Hörer, die sich wirklich für die elementare Funktionsweise eines Luftbrunnens interessieren, würde ich empfehlen, einmal diese Episode zu hören. Wir werden aber immer wieder auch Informationen dazu geben. Und dann war noch der Sonderfall, das für das Kaiserhaus besonders qualitätsvoll geplant wird. Also wenn man jetzt diese zwei Kellergeschosse unter dem Corps de Logis, die sind ja quasi so schneckenhausförmig...

Alfons Huber:

Nein, es ist eine Art Labyrinth. Es sind vier Kreise oder fünf Kreise, die miteinander verbunden sind. Und zwar so, dass auf der einen Seite die Luft durch Schlitze im Bodenbereich in den Nachbarkreis geleitet werden und im nächsten Kreis sind Überströmöffnungen über Kopf. So dass die Luft wie in einer Lunge möglichst große Flächen überstreichen muss, bevor sie erst in die Steigschächte hinaufgeleitet wird.

Friedrich Idam:

Also mit der Lunge lieferst du ja ein sehr schönes Bild, weil ja der Erfinder dieser Systeme, Karl Böhm, ja Mediziner war und er letztlich sein Wissen über den menschlichen Körper, über das Funktionieren der Atemwege, wie sich die immer mehr aufästeln in der Lunge - diese Struktur hat er in ein Gebäude, in einen anderen Maßstab gebracht.

Alfons Huber:

Es gibt sogar zwei Einströmöffnungen, nach Osten und nach Westen. Und auch das trägt den meteorologischen Gegebenheiten in Wien Rechnung. Die Hauptwindrichtung in Wien ist aus dem Westen, aber die zweithäufigste im Sommer ist aus Osten, Südosten. Diese Luft ist zwar für mich immer gefährlich gewesen, die kommt meistens dann Ende August.

Friedrich Idam:

Die kommt aus der pannonischen Tiefebene.

Alfons Huber:

Die Luft kommt heiß-trocken herein und unten gab es ja keinen Grüngürtel. Aber wenn Luft über eine Öffnung drüber strömt, dann, nach dem Venturi-Effekt, würde sie ja saugen. Und damit sich der Effekt im Luftbrunnen nicht umdreht, hat er zwei Einströmöffnungen gemacht, damit, wurscht aus welcher Windrichtung die Luft kommt, dass sie auf jeden Fall in den Luftbrunnen hineingedrückt wird. Funktioniert hat das so, dass es in den einzelnen Raumgruppen, es gab also in jedem Geschoss auf jeder der vier Quadratseiten ein Doppelschachtsystem. Jede Raumgruppe hat zwei Schächte, einen Zuluftschacht und einen Abluftschacht. Alle acht Schächte sind also vom Keller bis zum Dachboden, der Zuluftschacht ist oben abgedeckelt, der Abluftschacht ist unten abgedeckelt, sodass ein riesiger Kamineffekt besteht. Die Raumgruppen, die Räume sind circa 50 Meter lang. Auf der einen Seite strömt es ein, durchströmt die ganze Raumgruppe und wird durch die Sogwirkung des unten abgedeckelten Schachts abgesaugt. Durch die Klimatechnik, durch die unreflektierte Haustechnik, auch das haben wir geschafft, das umzukehren, weil durch diese, ich glaube es sind elf Ventilatoren, das sind die Kloventilatoren, das sind auch Abluftventilatoren von der Restaurierung, die alle unkontrolliert und...

Friedrich Idam:

Die wurden später eingebaut. Es hat sich niemand die Mühe gemacht, so wie du, diese alten Akten zu studieren, aus denen sich ja erschlossen hat, wie dieses System ursprünglich geplant war.

Alfons Huber:

Leider nein. Die Betriebsanleitung habe ich nicht gefunden, die ich eigentlich gesucht habe. Und auch Böhm hat schon zwei Abluftventilatoren an den Köpfen der Abluftschächte, also in der Spitze der Pyramide eingebaut, weil er beobachtet hat, das weiß jeder Ofenbauer, dass im Sommer, wenn die Sonne auf den Kamin scheint, wenn also die Temperaturdifferenz nicht ausreicht, dann muss man künstlich, also technisch das ganze System stützen.

Friedrich Idam:

Der Kamin zieht nur, wenn es außen kälter ist als innen.

Alfons Huber:

Zurück zum Böhm‘schen Konzept. Winterfall, die Neue Burg, (da) war folgendes: Die Erdgeschosszone, wo die Garde, die Leibgarde untergebracht war, ist mit meißnerischen Öfen beheizt gewesen. Aber in diese Phase, in die Bauphase, die ja sehr lange gedauert hat, 30 Jahre und dann war es nicht fertig. In dieser Zeit war schon der große Paradigmenwechsel, die Meißnerischen Öfen und die Luftheizung wurden als insuffizient erkannt und man hat auf Dampfheizung umgestellt. Auch die Neue Burg ist mit Dampfheizung fertiggestellt worden. Das war Eduard Meter, ein Schüler von Böhm, der auch an der Technik zuerst gelernt hat. Also er war gelernter Heizungsingenieur und hat(te) auch dann den Lehrstuhl, der hat es auch unterrichtet. Der hat das Ganze dann berechnet und umgesetzt. Also die Obergeschosse waren mit Dampfheizung beheizt. Das war sicher ausreichend, weil der Mangel der Luftheizung war, die gleichmäßige Verteilung der warmen Luft im Gebäude. Das funktioniert nicht. Das funktioniert auch mit der Klimaanlage mehr schlecht als recht. Ich höre die Proteste, aber wenn man sich die Kurven anschaut, wenn man die Berichte anschaut, wenn man die Museen und die Haustechniker fragt, wird das jeder bestätigen, dass es eben nicht gescheit funktioniert.

Friedrich Idam:

Also die Dampfheizung hat ja auch ein insofern geniales Prinzip. Es kommt ja der Dampf in den Rohleitungen vielleicht mit 120 Grad bei den Radiatoren an und in den Radiatoren geht ja die Temperatur unter 100 Grad. Das heißt, das gasförmige Wasser geht in flüssiges Wasser über und dadurch wird ja zusätzliche Kondensationswärme frei. Das ist ja ein zusätzlicher Wärmegewinn. Der Preis ist natürlich: sehr heiße Radiatoren. Es sind die Radiatoren sicher knapp im 100 Grad Celsius Bereich.

Alfons Huber:

Sie sind zumindest echte Radiatoren und machen Strahlungswärme, im Gegensatz zu unseren modernen Radiokonvektoren, die einen hohen konvektiven Anteil haben und der ist das Problem. Auf das möchte ich dann noch im Detail eingehen, weil das ist ganz, ganz wichtig. Die Neue Burg hatte Kühldecken. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die Neue Burg hatte Schallschutzfenster mit 8 mm Glasstärken. Wie wir bei der Sanierung die Türen ausheben wollten, haben wir geglaubt, das gibt es ja nicht. Diese Türen sind so sauschwer. Und das Komische war, dass einige Türen waren leicht, einige waren schwer. Es gab ja im Umfeld überall Bombentreffer, da hat es die Scheiben zusammengehaut, aber nicht alle. Die Originalscheiben waren 8 mm dick, um das ganze Hufgeklapper vom Ring zu dämpfen. Also die Bauphysiklehre des 19. Jahrhunderts ist ein 800 Seiten starkes Buch. Die haben gewusst, wie viele Kalorien eine Schulklasse ausdünstet. Dass man von 6 Uhr früh bis 8.30 Uhr heizen muss, und dann kann man die Heizung drosseln, weil die Kinder sich selber heizen durch ihre Körperwärme. Das haben die alles gewusst damals. Sie haben aber halt auf Schwerkraft gesetzt und nicht auf technisch gestützte Elemente, weil das konnten sie noch nicht. Das war wahrscheinlich der Fehler, wo man falsch abgebogen ist, dass man diese empirische, auf Beobachtung und Körpergefühl basierende Technik, dass man die vernachlässigt hat und dann nach dem Zweiten Weltkrieg Gebäude gebaut hat, die zwar wunderbare Großskulpturen sind, mit protzigen Namen auf der grünen Wiese, und die aber drinnen die Menschen krank machen. Das wird jeder bestätigen, der in so einem Stahlglasbau wohnt, wo man im Winter im Unterhemd da sitzt und im Sommer ein Jackerl anzieht, weil es so kalt ist.

Friedrich Idam:

Aber genau das, muss ich ja sagen, schätze ich so an deiner Vorgangsweise. Du bist ja für mich der typische citizen scientist. Du hast zu Beginn unseres Gesprächs erwähnt, dieses „Warum“, dass dich dieses „Warum“ getrieben hat und dass du jetzt ohne technische Vorbildung einfach durch dein stetiges Nachfragen nach dem „Warum“ eben genau diesen Weg gegangen bist. Du hast gefragt, ich habe dieses Gefühl, warum ist das so? Und du hast auf diese Weise faszinierende Erkenntnisse gewonnen.

Alfons Huber:

Ich bin... danke für die Blumen, aber es war aus der Not geboren, eben weil ich keine Ahnung hatte. Und dieses keine Ahnung war sozusagen mein Schutz und auch ich habe meinen Hausverstand gebraucht. Ich erzähle da ein kleines Beispiel. Im Vorfeld der Sanierung habe ich gesagt, die Sammlung wird zu warm. Wir haben zu viel Heizleistung durch die Radiatoren. Die Idee wurde aufgegriffen. Man hat also eine Wärmebedarfsberechnung gemacht. Man ist draufgekommen, der Bestand waren 61 kW Heizleistung installiert. Dann kommt eine neue Wärmebedarfsberechnung: 58 kW. Sag ich: „Bitte, das ist dasselbe.“ Ja, aber die Ö-Norm schreibt das vor. Sag ich: „Habt ihr die Steigstränge mitberechnet?“ Das darf man nicht. Die Ö-Norm verbietet, dass man die Zuleitungen mitberechnet. Sag ich: „Bitte, wenn die Heizung warm ist, ist die Zuleitung warm. Und wenn die Zuleitung kalt ist, ist die Heizung auch kalt. Das ist ein System. Nein, die ÖNORM verbietet das. Es wurden also 58 kW installiert. Ich habe nach der Eröffnung jeden zweiten Radiator wieder rausgenommen. Wohlgemerkt, haben wir alles gezahlt. Ich habe beobachtet, nachdem ich ja vorher schon die Radiatoren alle abgedreht habe, bin ich darauf gekommen, 1600 Quadratmeter werden mit fünf Radiatoren beheizt. Der Rest über die Steigstränge. Und über Thermostatventile, die sich nur einschalten, eigentlich (nur) Jänner, Februar, sonst schalten sie sich gar nicht ein, weil die ganze Sammlung wird von unten und durch die Steigstränge und durch die Fenster, durch die großen, beheizt. Ist laut Ö-Norm verboten. Was aber nicht stimmt, weil die Ö-Norm ja nur eine Planungsrichtlinie und eine Gewährleistungsrichtlinie gibt. Sie verbietet es ja nicht, es anders zu machen. Und – quod erat demonstrandum - in den ganzen Seitengalerien gibt es keine Radiatoren mehr. Ich habe auch undercover in den mir zugänglichen Stiegenhäusern alle Radiatoren abgedreht, aber nicht nur den Vorlauf, sondern ich habe den Rücklauf gesperrt. Also seit ungefähr 20 Jahren hat keiner gemerkt, dass die Rückläufe gesperrt sind, weil das Stiegenhaus muss nicht 23 Grad haben. - Ich habe mich sehr intensiv mit der Fensterthematik beschäftigt, mit der Beschattungsthematik. Ich habe schon gesagt, ich habe alle meine Wünsche erfüllt bekommen von der Planung...

Friedrich Idam:

Man muss hier dazu sagen, dass viele Fenster dieses Gebäudes Richtung Süden ausgerichtet sind. Es sind große Fenster, wo natürlich ein entsprechender Hitzeeintrag stattfindet.

Alfons Huber:

Sieben Quadratmeter, über sieben Quadratmeter groß. Und Südosten ist noch schlechter als Süden, also die sind auch südostorientiert, weil die Sonne am Vormittag einen flacheren Einstrahlwinkel hat, also normal auf die Scheiben. Und im Hochsommer steht sie ja sehr hoch, da ist also aus Süden gar keine so große Gefahr, sondern wir haben die Fenster nach Südosten und Südwesten, also worst case, orientiert. Ich habe zwei Forderungen nicht bekommen. Außenbeschattung und die Anbindung an den Luftbrunnen. Mir wurde gesagt, das sei nicht möglich. Aber ich habe gesagt, das gibt es nicht, weil in der Planung, sie wurden ja ausgeführt, sie wurden aber alle später abgemauert. Nach meinem Wissensstand wurde das gesamte Ventilationssystem 1938 abgemauert, wie das Haus kriegstauglich gemacht wurde. Wohlgemerkt 1938 kam der Befehl. Also man hat von Anfang an auf den Krieg hingearbeitet.

Friedrich Idam:

Und quasi um den Brandüberschlag zwischen den Geschossen zu vermeiden.

Alfons Huber:

So ist es. Ein zweites Narrativ, das ich damals erzählt bekommen habe, dass der Brand vom Justizpalast ... der Brandüberschlag im Stockwerk ist über die Warmluftheizungsschächte erfolgt.

Friedrich Idam:

Brand des Justizpalasts 1927?

Alfons Huber:

1927, ja. Also jetzt weiß ich nicht, ob infolgedessen ..

Friedrich Idam:

Aber aufgrund von Brandstiftung?

Alfons Huber:

Genau, ja. Es wurden ja alle Akten zwischen 1938 und 1945 verbrannt, gelöscht. Und ich habe keine Unterlagen gefunden, was in dieser Zeit passiert ist. Einen einzigen Irrläuferbriefentwurf habe ich bei der Waffensammlung gefunden. Ein Brief des damaligen Direktors Groß, der dann auch eliminiert wurde wegen jüdischer Herkunft. Und der hat sich beschwert, dass jetzt, seit die Ventilationsschächte abgemauert sind, die Neue Burg erstickt und die Ritter alle zu rosten begonnen haben. Also auch damals hat es schon konservatorische Auswirkungen gehabt, dass das Ventilationssystem kaputt gemacht worden ist.

Friedrich Idam:

Vielleicht auch hier wieder eine Zusatzinformation im selben Gebäude. Und ich glaube, ein Stockwerk unter den Musikinstrumenten ist die Hofjagd- und Rüstkammer.

Alfons Huber:

Nein, auf der gleichen Ebene. Aber die Musikinstrumente sind im sogenannten Gartentrakt, der zum Burggarten orientiert ist, während die Hofjagd- und Rüstkammer im eigentlichen quadratischen Corps de Logis, untergebracht ist, wo auch das Völkerkundemuseum, heute Weltmuseum, und die sogenannte Fidei-Kommiss-Bibliothek vom Kaiser Franz II./I., die ist auch dort untergebracht, also Teile von der Nationalbibliothek. Und die Büros der Nationalbibliothek, die oben bei 35 Grad geschmort werden im Sommer, „weil es eben keine Klimaanlage gibt“, nein, weil die Ventilationsanlage kaputt gemacht wurde.

Friedrich Idam:

Die wurde 1938 eben aus kriegsstrategischen Überlegungen oder Schutz der Kulturgüter im Kriegsfall...

Alfons Huber:

Man hat den Keller als Bergeräume für die Kunstwerke sicher gemacht. Man wollte verhindern, dass bei Bombeneinschlag die Druckwelle durchschlagt in den Keller.

Friedrich Idam:

Durch die Schächte und im Brandfall kein Brandüberschlag zwischen den verschiedenen Geschossen stattfindet.

Alfons Huber:

Genau. Jetzt blieb die große brennende Frage, wie ist es möglich, unter 20 Prozent Luftfeuchtigkeit überhaupt zu erreichen? Weil im Wohnbereich gelingt das. Also ich habe hier nie unter 30 Prozent gemessen, auch bei 21 Grad. Und ich habe dann ... durch Abdrehen der Heizung bin ich auf 18 Grad gegangen, zum großen Protest. Also ich habe so auch meine Erlebnisse mit dem System gehabt. Also ich habe die Heizungen abgedreht, um meine Kunstwerke zu schützen. Und dann hatte es einmal 17,5 Grad in der Sammlung. Darauf wurde die Sammlung gesperrt, weil die Aufseher haben ein Recht darauf, bei 18 Grad zu stehen. Dann wurde die Sammlung gesperrt, dann wurde die Heizung wieder aufgedreht. Also die Außenbeschattung kam nicht, die Anbindung an den Luftbrunnen kam auch nicht.

Friedrich Idam:

Also es wäre dann nur (darum) gegangen, die 1938 zugemauerten Öffnungen wieder zu öffnen.

Alfons Huber:

Genau, ja. Ich bin natürlich dauernd meinem Generaldirektor Seipel in den Ohren gelegen, dass es zwar jetzt schon viel besser ist 1991 oder ‘93 mit der Wiedereröffnung, dass aber das und das und das ... also die hohen Temperaturen im Sommer über 30 Grad waren immer noch, und es war... Ich habe ja auch meinen Erkenntniszuwachs gehabt, das habe ich ganz vergessen zu erzählen, das war ganz, ganz wichtig. Ich habe also zwei Jahre lang Messungen gemacht, einen hochsophistischen Lichtschutz bekommen, wo ich die Oberflächentemperatur der Innenscheiben unserer Fenster - also 22 Fenster, die nach Südosten ausgerichtet sind - ich konnte also die Oberflächentemperatur der Innenscheiben, die ja als Wärmequelle wirksam werden, von 45 Grad auf 32 Grad absenken. Da war ich schon recht stolz. Dann kam also der erste Sommer und es hatte nicht 30 Grad wie vorher in der Sammlung, sondern 31 Grad! Ich hab geglaubt, ich werde verrückt. Ich habe doch alles getan, die Lüftung habe ich nicht bekommen, aber die Beschattung ist doch ganz hochsuffizient.

Friedrich Idam:

In welcher technischen Form hat diese Beschattung stattgefunden?

Alfons Huber:

Durch eine Kombination von Lichtschutzmaßnahmen. Ich habe das Bild gehabt einer Kaskade. Ich muss sozusagen die Korpuskularstrahlung runterbremsen. Und so habe ich entdeckt, die Sonne, das Licht ist eine Korpuskularstrahlung. Die Infrarotstrahlung ist eine Korpuskularstrahlung und die muss ich runterbremsen.

Friedrich Idam:

Also ich kenne den Ausdruck nicht, Korpuskularstrahlung.

Alfons Huber:

Teilchen, Teilchenstrahlung. Teilchen, ja. Also das Licht hat Wellencharakter und Teilchencharakter.

Friedrich Idam:

Also das hat Maxwell entdeckt.

Alfons Huber:

Genau, genau. Ich habe also mit verschiedensten erlaubten Lichtschutzfolien im Fensterkasten experimentiert, mit den traditionellen Leinengradl, mit Sperrholzplatten, mit von der Industrie angebotenen, reflektierenden Materialien, und ich habe die Beobachtung gemacht, dass je schwerer das Material ist, je mehr Masse es hat, desto wirksamer wirkt es als Temperaturbremse. Ich habe die Beobachtung gemacht ... In der Straßenbahn bin ich gefahren über den Ring, und die Straßenbahnen wurden damals bedruckt mit Werbeaufklebern, die als Punktraster meistens aufgebracht sind, dass man noch rausschauen kann, und da habe ich eben beobachtet: Wenn ich hinter dem Punktraster sitze und ich halte meine Hand daneben, wo kein Punktraster ist, wird die Hand warm; was dahinter angestrahlt wird, wird warm, aber die Scheibe ist kalt. Daneben ist der Punktraster, da ist die Scheibe warm, aber ich bleibe kalt.

Friedrich Idam:

Absorbiert der Punktraster die Wärme?

Alfons Huber:

Genau, ich muss einen Absorber in den Fensterkasten bringen, was ja nicht so schwer ist, aber die Absorptionswärme beginnt dann zu strahlen. Über 30 Grad setzt Strahlung ein. Also muss ich diese Restwärme, die im Fensterkasten erzeugt wird, muss ich hindern, in den Raum zu kommen.

Friedrich Idam:

Und genau zu dem Zeitpunkt bist du auf die Stefan-Boltzmann-Beziehung gestoßen.

Alfons Huber:

Richtig. Ich habe dann von einer Fensterfirma, von der „Fenstertechnik“ in der Kreuzgasse, eine kleine Quetschen, wie man auf Wienerisch sagt... Der hat damals angeboten die sogenannte „Dritte Scheibe“, auch für den Winterfall, also für das alte Wiener Kastenfenster, (das eine geniale, bauphysikalisch geniale Lösung darstellt) die Innenscheibe in ein Verbundsystem umzuwandeln, um die im Fensterkasten generierte Wärme zu bremsen, in den Raum zu gelangen. Die Industrie hat auch reflektierende Folien angeboten. Der Planer hat gesagt, die reflektierende Folie muss näher zur Sonne platziert sein, damit die Sonnenstrahlung reflektiert wird. Ich habe die Beobachtung gemacht, bei kombinierten Materialien muss die reflektierende Folie innen sein, raumseitig, weil es muss zuerst die Sonne gebremst werden, in Wärme umgewandelt und die generierte Wärme muss von der Folie hinaus reflektiert werden. Und dann kommt noch als dritte Ebene das Verbundfenster und so war es möglich eben auf knapp über 30 Grad zu kommen. Bei tiefstehender Sonne im September und im Juni, nicht einmal im Juli, also die worst-case-Szenarien waren bei tiefstehender Sonne Anfang des Sommers und Ende des Sommers. Der Fensterkasten ist auch belüftet. Es wurde mir erlaubt, in den Fensterkasten einen Schlitz zu fräsen. Das haben die Tischler gemacht natürlich. Und in das Fensterbrett oberhalb der Heizkörper, also im Parapetbereich, habe ich ein aus dem Orgelbau entlehntes „Ventil“ eingebaut, das im Winter geschlossen wird. Eine Lade, genau, Windlade, nach dem Windladensystem. Eine Registerschleife habe ich eingebaut aus Plexiglas, damit die nicht klemmt. Wenn es also kalt wird, kondensiert die Feuchte, die von den Luftbefeuchtern ja ...- im Raum also ist ein hohes Feuchteangebot - damit das den Fensterkasten nicht quillt, müsste der geschlossen sein, damit kein Kondensat im Fenster entsteht. Hat alles wunderbar funktioniert und trotzdem ist die Raumtemperatur im Sommer, im sanierten Fall, um ein Grad höher gewesen als vorher. Das tut schon weh. Warum? Ganz einfach. Die Sammlung war vorher Tageslicht beleuchtet und nachher waren 25 kW Heizleistung durch die Beleuchtung (installiert).

Friedrich Idam:

Das war vor der LED-Zeit.

Alfons Huber:

Vor der LED-Zeit. Jetzt muss ich nur sagen, ich war ja nicht der Planer. Wo sind denn die Fachleute? Ich bin ein Restaurator für Musikinstrumente. Die hätten ja sagen müssen, Moment, Moment, wenn ich die Sonne aussperre, wird es schwarz und dann brauche ich Licht. Die Restwärme über die Fenster plus den ganzen Strahlern ...!, dieser gewisse Flop, der Winterfall war gerettet. Die 30 Prozent haben wir nicht mehr unterschritten. Also die vorher tiefsten Werte 22 in der Sammlung im Kernbereich und 17 im Vorraum, was dann später die Pufferzone wurde. Eben aus diesen Gründen ein gestaffeltes Konzept: Im Stiegenhaus 15 Prozent, in der Pufferzone 20- 25, im Kernbereich über 30. Also eigentlich nicht mehr unter 35. Und damit waren wir gerettet. Aber im Sommer 30 Grad! 31 Grad die Spitzenwerte. Warum?

Friedrich Idam:

Also du hast jetzt ... im Winter waren die Werte, waren das Feuchtigkeitswerte, die du jetzt genannt hast?

Alfons Huber:

Genau, relative Feuchte unter 25 Prozent.

Friedrich Idam:

Für unsere Hörer, das ist jetzt nicht mit den Temperaturwerten.

Alfons Huber:

Entschuldigung, ja genau. Also der Winterfall war für mich gelöst, der Sommerfall war nicht gelöst. Was kann man tun? Und ich habe damals initiiert, dass ein EU-Forschungsprojekt, das Projekt EU 1383, glaube ich, ist es, PREVENT. Also die Suche nach dem Heizsystem mit dem geringsten konservatorischen Schadenspotenzial. Es kam Anfang der 90er Jahre eine neue Information aus Bayern, aus dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

Friedrich Idam:

Henning Grosseschmidt.

Alfons Huber:

Henning Grosseschmidt hat mit Karl Assmann zusammen in Anlehnung an die Hypocaustenheizung der Römer das Prinzip der Wandtemperierung gefunden, erfunden, entwickelt. Von einem anfangs sehr aufwendigen, aber hoch wirksamen System mit einer gleichmäßigen Wandflächentemperatur, die ich nie vorher gesehen habe, mit einer Wandschale, die mit einer Wellplatte, so wie ein Welleternit, in zwei Kammern geteilt wird, wo die Luft, die warme Luft in der Wand zirkuliert.

Friedrich Idam:

Ganz wie bei den Römern, wie mit den Tubuli die Wände erwärmt wurden.

Alfons Huber:

Nur haben (wurden) die Tubuli durchströmt und hier hat die Luft ... die warme Luft ist eine Heizleiste im Sockelbereich in der Wand, und die Luft zirkuliert in der Wand und auf 10 Meter Höhe im Probesaal in München im Bayerischen Nationalmuseum (ergab sich) ein Gradient von 1 Grad auf 10 Meter Höhe. Das ist sensationell.

Friedrich Idam:

Funktioniert aber nur bei permanentem Betrieb und es ist ein extrem träges System.

Alfons Huber:

Extrem träge. Du kannst mit sehr niedrigen Raumtemperaturen fahren, weil die Wand 18 Grad hat und nicht 16 oder 15, wie bei Radiatorheizung oder Klimaanlage.

Friedrich Idam:

Und du kannst aber die Lufttemperatur entsprechend absenken. Das heißt, eine entsprechend hohe Oberflächentemperatur der Raumhüllfläche.

Alfons Huber:

Richtig, ja. Nur Vorteile. Aber die Branche hat nicht geschlafen. Man hat Grosseschmidt desavouiert, wie’s ärger nicht mehr ging, obwohl er eigentlich ein Gewerk nach dem anderen abgeliefert hat. Der einzige Vorwurf, den ich ihm damals gemacht habe, war, dass er viel zu wenig dokumentiert hat. Er ist wie ein Missionar durch die Lande gezogen, hat große Erfolge erzielt, aber auch Misserfolge, die er dann meistens so nicht gern kommentiert hat. Aber summa summarum, um ihn auch zu rehabilitieren oder ihm eine Bühne zu bieten, das unter Beweis zu stellen, weil, Sie müssen sich vorstellen, wir Restauratoren saßen vor zwei Lagern. Das eine war die Heizungsbranche, die gesagt hat, Grosseschmidt ist ein Scharlatan, das kann nicht funktionieren. Wenn ich mit der Wärme in die Wand gehe, dann heize ich ja den Hof. Das war so die große Behauptung. Und Grosseschmidt hat von Energieeinsparung gesprochen. Und wir saßen da, wer hat Recht, wer ist der Lügner oder wer irrt sich? Und meine Sympathie war eher auf der Seite meines Kollegen, einem Restaurator, gelernter Tischler. Und die Gegenseite, Dr. Dr. Technik, wem glaubt der Entscheidungsträger? Natürlich nicht dem Tischler. Noch dazu, wenn die entsprechende Präsentation da ist und das Auftreten da ist.

Friedrich Idam:

Und die Berufung auf Normen.

Alfons Huber:

Berufung auf Normen, genau. Grosseschmidt hat gefordert, unisolierte (nicht gedämmte) Röhren in die Wand zu legen. Die deutsche Wärmeschutzverordnung hat gezwungen, die Röhren zu isolieren.

Friedrich Idam:

Aber genau da gelingt es, wenn das Zulaufrohr, natürlich auch der Rücklauf, Vorlauf und Rücklauf, wenn die nicht wärmegedämmt sind und in der Wand, dann funktioniert die Wärmeübertragung.

Alfons Huber:

Also man hat mit der Wärmeschutzverordnung die Dämmindustrie gesponsert und die Temperierung abdrehen wollen. Heute spricht jeder von Bauteilaktivierung. Das wollte ich noch erwähnen, den Harald Kuster aus Salzburg, der die Wiener Sportarena mit einem Drittel der von der Norm vorgeschlagenen Wärmebedarfsberechnung heizt und kühlt. Eine Sportarena, die ein Plus-Energiehaus ist mit dem ganzen Equipment, das da noch dran gebaut ist. Das kann man also nachlesen, Harald Kuster, Sportarena Wien, dort ist die ganze Information nachzulesen, was mit Bauteilaktivierung möglich ist.

Friedrich Idam:

Harald Kuster ist sicher eine Persönlichkeit, die ich für Simple Smart Buildings für ein Interview gewinnen möchte. Ich hatte das Vergnügen, vor einem Jahr im Rahmen derselben Veranstaltung im Klimaministerium nach ihm einen Vortrag zu halten und ich habe mit größter Faszination seinen Ausführungen über die Sportarena zugehört. Es ist wirklich faszinierend, was ihm da gelungen ist.

Alfons Huber:

Das nur eigentlich als Vorwegnahme: 1990 war von alldem keine Rede, sondern es ging darum, wie kann man beweisen, wer Recht hat. Und ich habe damals das Thema geliefert. Es ist die Suche nach der Heizung mit dem geringsten konservatorischen Schadenspotenzial. Das ist von EuroCare aufgegriffen worden und zu einem richtigen Projekt gemacht hat (es) dann Wolfgang Kippes vom Schloss Schönbrunn, der aus dem ein europäisches Gesamtprojekt gemacht hat, wo die slowenischen Partner und vor allem auch die schwedischen Partner eigentlich dann den Beweis geliefert haben. Ich hatte damals vorgeschlagen, in einem Kloster, die ja über weite Strecken leer sind, in fünf gleichgebauten Mönchszellen oder Räumlichkeiten...

Friedrich Idam:

Es geht um die Kartause in Mauerbach.

Alfons Huber:

Das Bundesdenkmalamt hat sich dann bereit erklärt, in der Kartause in Mauerbach diese damals in Sanierung begriffenen Mönchszellen zur Verfügung zu stellen. Und wir haben in fünf leider nicht 100% baugleichen Häuschen fünf verschiedene Heizsysteme eingebaut. Kachelofen, Radiatorheizung, Wandschale, Fan-Coil (Gebläsekonvektor/Fan-Coil-Unit) und Temperierung mit Röhrchen, die alle auf den gleichen Setpoint, 15 Grad Raumtemperatur, eingeregelt wurden. Und dann wurden die Verbräuche gemessen und die Wandtemperaturen und das Klimaverhalten generell. Das Ergebnis war über Teilstrecken eindeutig, aber es hat zum Beispiel, weil das Ganze eine Riesenbaustelle war ... der Bagger hat einmal dem 16-Kanal-Logger die Kabel durchgebaggert. Also dann ... das hat aber keiner gemeldet. Dann haben wir also gerade in der „heißen“ Phase, - d.h. in der kalten Phase - keine Daten gehabt und so weiter. Also die Baustelle war äußerst problematisch. Aber die Ergebnisse vom Gesamtforschungsprojekt waren eindeutig. Es ist auch dann, leider etwas spät, publiziert worden.

Friedrich Idam:

Das Forschungszentrum Baudenkmalpflege in Mauerbach, das wurde ja, glaube ich, von Karl Neubert ins Leben gerufen.

Alfons Huber:

Ja, und die Astrid Huber ist die Nachfolgerin. Karl Neubert ist auf diesen Zug aufgesprungen und hat dann dankenswerterweise die Kartause Mauerbach als „Heizungslabor“ zur Verfügung gestellt. Das war eine der spannendsten Zeiten für mich überhaupt, auch in die internationalen Kontakte zu kommen. Und erwähnt werden müssen unbedingt auch die Partner in Schweden. Eine besonders wertvolle Begegnung war die mit Jan Holmberg, der schwedische Partner. Erstens gab es eine Exkursion nach Schloss Skokloster, das der General Wrangel mit der ganzen Raubkunst aus Prag usw. angefüllt hat. Und dieses Schloss ist seit Jahr und Tag unbeheizt. Mit einem Testamentsbeschluss vom General Wrangel darf das auch nicht verändert werden. Es gibt also keine Heizung. Und was deine Geschichte aus dem Stift St. Peter ergänzt: dort sind auch die Objekte in einem unglaublich gut erhaltenen Zustand. Sie müssen nur ab und zu den Treibschnee aus dem Stiegenhaus im Winter, da ist das Schloss geschlossen, wegkehren. Ansonsten lässt man das alles „atmen“. Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, es gibt ein kleines Schimmelproblem. Aber ansonsten ist das der Beweis, dass eben das saisonale Gleiten in einem möglichst engen Korridor die Lösung der Zukunft sein wird. Diese sogenannten ICOM-Klima-Standards, die durch die ganze Literatur geistern, wurden ja nie als Standard gewählt, sondern sind das Ergebnis einer Umfrage aus den 50er Jahren: Was habt ihr denn bei euch so für ein Klima? Und da wurden dann diese 18 bis 20 Grad geboren, 50 Prozent Luftfeuchtigkeit plus-minus, die aber überhaupt nicht als optimales Klima angesprochen werden dürfen, weil wenn das so wäre, dürften wir alle keine Eiskästen haben, weil wenn die Sachen sich so gut halten, müssten wir eine Klimaanlage bei 20 Grad haben und da bleibt die Wurstsemmel frisch, das tut sie aber nicht. Sondern tiefe Temperaturen im Winter, 15, 16 Grad, wären durchaus opportun, was bei warmen Wänden nicht diese negativen Effekte hat, wie wenn nur die Luft 15 Grad hat. In Schloss Skokloster gibt es zwei Pförtnerhäuschen, da wurde das eine Häuschen mit Radiatorheizung bestückt und das andere mit der Temperierung und auch auf dem gleichen Setpoint, und das temperierte Haus hatte um 28% weniger Energieverbrauch wie das Radiator-beheizte Haus.

Ich bin über viele Jahre der Frage nachgegangen, warum bewirkt Luftheizung eine geringere relative Feuchte? Und ich nehme für mich in Anspruch, die Antwort gefunden zu haben, sie ist nämlich multikausal. Es ist nicht ein Grund, sondern es ist ein Gemisch aus überhöhtem Luftwechsel und ich habe das „Entfeuchtungsmechanismus“ genannt. Um mit Luft zu heizen, muss ich die Außenluft über einen Wärmetauscher schicken. Und je kleiner die Wärmetauscherfläche, desto höhere Temperatur brauche ich. Um eine Raumtemperatur von 20 Grad zu erzeugen, bei einer Wandtemperatur von 15 Grad im Sockelbereich und 16, 17, 18 Grad im aufgehenden Mauerwerk, muss ich die Luft auf mindestens 40, 45 Grad erwärmen. Die Vorlauftemperaturen, die Installateure einstellen, sind normalerweise 60 bis 65 Grad. Und der Rest geht dann über den Thermostat. Also ein pumpendes Geschehen mit einer Regler-Hysterese. Die müssen wir später auch noch einmal erwähnen. Das ist ganz wichtig, die Regler-Hysterese. Also jetzt wird die Luft auf, sagen wir mal, 50 Grad punktuell im Radiator überhitzt und übertrocknet. Und ich habe während meiner Dissertation eine ganz verblüffende Entdeckung in der Umformerzentrale des Corps de Logis gemacht, dass in der Anheizphase die absolute Feuchte im Raum angestiegen ist. Das ist gegen jedes Lehrbuch-Wissen. Wenn in einem geschlossenen System die Luft erwärmt wird, sinkt die relative Feuchte. Und in der Umformerzentrale in der Früh, wenn also nach der Nachtabsenkung diese wieder mit vollem Geschäft anheizt...

Friedrich Idam:

Die Umformerzentrale, was passiert dort genau?

Alfons Huber:

In der Umformerzentrale wird die Fernwärme über einen großen Wärmetauscher ins System des Hauses übernommen.

Friedrich Idam:

Mit welcher Temperatur kommt die Fernwärme an?

Alfons Huber:

110 Grad.

Friedrich Idam:

Und in der Umformerzentrale wird eben dann die Fernwärme in eine Nahwärme, in einen sekundären Kreislauf übernommen.

Alfons Huber:

In einen Heizkreis wird eingespeist und in einen Warmwasserkreis wird eingespeist. Aber das Verblüffende und zunächst unglaublich erscheinende war, dass sowohl die relative Feuchtigkeit als auch die absolute Feuchtigkeit anstieg. Wenn Luft überhitzt wird, und wir reden da von einer relativen Feuchtigkeit in der Umformerzentrale von unter 10%, die ist völlig übertrocknet, dann wird sie extrem hygroskopisch und zieht gierig aus der Raumschale, aus dem Inventar Feuchtigkeit an sich und wird jetzt konvektiv verteilt. In der Umformerzentrale natürlich nicht, weil die geschlossen ist, aber in einem Raum wird diese jetzt feuchteüberfrachtete, heiße Luft dem Raum zugeführt und abgekühlt. Und wo wird sie abgekühlt? Im Fensterbereich und in den Außenwand-Ecken, die ja noch kälter sind, weil sie Wärmebrücken sind. Und dort wird jetzt dieses zu viel an Feuchte ... Die Raumluft oder die Luft kann bei einer gegebenen Temperatur nur eine bestimmte Feuchtemenge tragen. Wenn das zu viel ist, wenn es sich zu stark abkühlt, dann kondensiert es. Entweder als Nebel oder als Wolke oder an einem kälteren Bauteil. Die Scheiben beschlagen sich dann.

Friedrich Idam:

In der Raumecke entsteht Kondensat.

Alfons Huber:

In der Raumecke entsteht Kondensat. Und jetzt kommt der erste Punkt des Entfeuchtungsmechanismus zum Tragen. Die überhitzte Heizungsluft zieht aus dem Inventar und aus der Luft Feuchte an sich - sättigt sich - und gibt sie an den Außenwand-Ecken wieder ab. Dann beginnt der Teufelskreislauf von der Kapillarkondensation. Auch ein Begriff, der zu meiner großen Verblüffung sehr vielen Architekten und Heizungsplanern nicht einmal bekannt war, was da passiert.

Friedrich Idam:

Das heißt, heruntergebrochen: In den Kapillaren, in Haarröhrchen herrschen andere physikalische Bedingungen als im Makroraum. Es sind kleinere Räume und es herrscht dort ein geringerer Luftdruck.

Alfons Huber:

Genau. In der Wandoberfläche beginnt (es) schon bei 80% relativer Feuchte, (da) werden die Wasserdampfmoleküle nicht mehr von der Wand abgestoßen, was sie täten, wenn die Wand isotherm ist. Sobald die Wand mehr als zweieinhalb bis drei Grad kühler als die Raumluft ist, beginnt Kapillarkondensation. Und wenn jetzt die Wand feuchter wird, beschleunigt sich das, das ist ein Feedback-Prozess, weil die Mauer hat so ungefähr um die 8% Bauteilfeuchte. Wenn sie kalt ist, akkumuliert die Feuchte und sie hat dann 8,5, 9, 9,5% Bauteilfeuchte und dadurch steigt die Wärmeleitfähigkeit. Es gibt da eine dramatische Formel:

1% mehr Bauteilfeuchte = 10% höhere Wärmeleitfähigkeit.

Friedrich Idam:

Auf ein ganz einfaches Phänomen heruntergebrochen, das wir alle kennen, wenn wir im Winter nasse Socken tragen oder ein Gedanken-Experiment, wir steigen mit einem Fuß ins Wasser, der Schuh und die Socke für unsere deutschen Hörer durchfeuchten und am anderen Fuß ist es trocken, werden wir natürlich im Bereich des feuchten Fußes, unsere Wärme wird wesentlich schneller in den umgebenden Schnee ausströmen und wir werden natürlich am nassen Fuß viel, viel schneller die Kälte spüren.

Alfons Huber:

Wir sind jetzt sozusagen immer in zwei physikalischen Welten. Das eine ist die Temperaturseite und das andere ist die feuchte Seite.

Friedrich Idam:

Und wir sind in einer Makrowelt des Raumes und in einer Mikrowelt der Kapillaren.

Alfons Huber:

Ja, durch die Feuchteakkumulierung steigt auch der U-Wert der Wand. Und daran sieht man, dass diese Phänomene... die haben, nach meinem bescheidenen Kenntnisstand, bis heute keinen Eingang in die Computerprogramme gefunden. Die Wand wird als U-Wert (früher K-Wert, Konstante), mit einem konstanten U-Wert gerechnet, das er aber nicht ist.

Friedrich Idam:

Weil das dem U-Wert zugrunde liegende Lambda, welches die Wärmeleitfähigkeit beschreibt in den Tabellen und jetzt vermutlich natürlich in den Datenbanken, die Wärmeschutzberechnungen hinterlegt sind, als Konstante dargestellt sind. Aber in Wirklichkeit ist ja dieses Lambda eine Variable, welche von der Bauteilfeuchtigkeit abhängig ist.

Alfons Huber:

Ich wollte ja lange nicht zur Kenntnis nehmen, dass ich Außenseiter Dinge entdeckte, die Bauphysiker oder Fachleute nicht wissen oder noch nicht beobachtet haben. Vermutlich ist es so einfach, weil es eine gewisse Form der Betriebsblindheit ist. Wenn man es nicht weiß, muss man beobachten und sich schlau machen. Wenn alles schon in den Büchern steht, dann glaubt man ja den Büchern. Was gedruckt ist, ist wahr. Und genauso ging es mir mit der Bauphysik. Ich habe auch die Vorlesung, die gleiche Vorlesung, im Zuge meines Dissertationsstudiums absolvieren müssen, wie die Architekten, da wird ja die Raumluft als ruhende Luftschicht gerechnet. Ich habe 2012 ein lustiges Erlebnis gehabt. Meine Tochter hat damals ihr Architekturstudium beendet und bei der Diplomarbeit hat natürlich ihr oberg‘scheiter Vater ununterbrochen Senf und Kren dazugegeben, und sie hat ein Gründerzeithaus saniert und revitalisiert und ich habe immer wieder dreigeredet oder gute Ideen lanciert, und sie hat dann nachher gefragt, würdest du alles, was du da so zu wissen glaubst, auch selber bei dir umsetzen? Und das war natürlich ein ziemlich gewaltiger Vorwurf. Und ich habe dann unsere Mietwohnung, ich wohne in einer Genossenschaftswohnung, habe ich alles das implementiert, was ich damals zu wissen glaubte und bin auch da wieder auf ganz eigenartige Sachen draufgekommen. Dass Radiatorheizung erstens keine ruhende Luftschicht generiert, sondern dass die Luft da mit 0,5 bis 0,8 Meter pro Sekunde am Fenster vorbeistreift und die Obergeschossdecken, die Wärmebrücken aktiviert. Ich habe damals Folgendes gemacht: Alle Radiokonvektoren, die also Staubmilben züchten, ‘rausgehaut und durch entweder Röhrenradiatoren oder Plattenradiatoren ersetzt. Ein Raum mit Sockelheizleiste, also quasi temperiert.

Friedrich Idam:

Also mit diesen speziellen Typen, mit diesen Röhrenradiatoren, die du jetzt beschrieben hast, erzeugst du mehr Strahlungswärme und weniger Konvektion.

Alfons Huber:

Konvektion, genau. Ich habe auch fast ein ganzes Jahr unsere Wohnung mit acht Temperatur- und Feuchtefühlern bestückt gehabt. Ein Temperaturprofil, also unsere Gäste sind mit den Fühlern vor der Nase bei der Jause gesessen - und habe festgestellt, dass es in radiatorbeheizten Räumen an der Decke 23 Grad hat und am Fußboden 20 Grad, während im temperierten Raum ein ganz geringer Gradient ist. Ich habe die Bestandsfenster, die Innenflügel ausglasen lassen, den Falz tiefer fräsen und mit Wärmeschutzverglasung versehen. Aber das wirklich Verblüffende war eben zu entdecken, dass der Fenstersturz bei Radiator-beheizen Räumen hochaktiv ist, also da kommt die Wärme raus, während in meinem temperierten Raum, der noch dazu eine Calciumsilikat-Innendämmung hatte, nichts sichtbar ist. Da werden die Wärmebrücken nicht aktiviert. Ich habe damals auch einen Linearheizkörper erfunden, der ist auch patentiert worden.

Friedrich Idam:

Also ein Eckheizkörper.

Alfons Huber:

Einen Eckheizkörper, um die Nordostecke (zu temperieren), die... da habe ich einmal 9 Grad gemessen bei Frost. So kalt wird die, da ist natürlich - das war das Kinderzimmer! - der Schimmel gewachsen. Und der funktioniert wirklich sehr gut; den habe ich auch im Badezimmer eingebaut. Und die unglaubliche Entdeckung war, wohlgemerkt ... Der Eckheizkörper wird in Wandkontakt montiert und heizt sich auf Oberflächentemperatur 43 Grad an der heißesten Stelle (auf). Und bei der Thermographie von außen, die von der TU Wien durchgeführt wurde, ist sichtbar die Wasserleitung, im Februar wohlgemerkt, aber der Eckheizkörper im Badezimmer ist nicht sichtbar!

Friedrich Idam:

Das warme Rohr ist also durch trockenes Mauerwerk  gedämmt; hingegen leitet das kondensatfeuchte Mauerwerk rund um den Steigstrang der Hauptwasserleitung die Wärme des 14° kalten Wassers nach außen! Unglaublich!

Alfons Huber:

Also es sind lauter Phänomene, wo ich sage, die müssten doch eigentlich bekannt sein. Also Bauteiltemperierung trocknet die Bauteile und senkt das Lambda ganz massiv. Wie gesagt, ein Prozent Bauteilfeuchte kriege ich rasch einmal weg. Und wenn das dann immer besser wird, weil der Bauteil immer trockener wird, dann habe ich ein, zwei Prozent weniger Bauteilfeuchte. Und bei einer Radiatorheizung, bei jeder Luftheizung...

Friedrich Idam:

… Und das Lambda verändert sich dabei um wie viel Prozent?

Alfons Huber:

Ein Prozent weniger Bauteilfeuchte ist zehn Prozent geringeres Lambda. Das ist ein Hebel. Das ist unglaublich. Also das waren die positiven Nebeneffekte von der eigenen Wohnungssanierung, wo ich das bestätigt gefunden habe, das ich mir von den anderen habe sagen lassen müssen, weil ich kann es ja nicht selber überprüfen.

Friedrich Idam:

Ein Fachwort hast du vorher verwendet, die Regelhysterese. Bitte, wenn du das auch noch erläuterst, worum es da geht.

Alfons Huber:

Warum diese ketzerische Ansage Airconditioning is out und Bauteilkonditionierung ist die Zukunft? Alle Klimaanlagen funktionieren nur mit einer hoch spezialisierten Regeltechnik. Jedes Regelelement hat ein Messintervall, wo sich das anzusteuernde Element einschaltet und wieder ausschaltet. Also ich muss dem Heizelement sagen, ich will 19 Grad, den Setpoint, also muss ich die Heizung bei 18,5 muss es aktiv werden und bei 19,5 muss ich es wieder ausschalten. Also es geht nicht ohne Regelelemente und auch nicht ohne Regelzacken. Air Conditioning bedeutet immer das Gegenteil von konstanten Raumluftumständen.

Friedrich Idam:

Es ist die Kommunikation zwischen Sensor und Aktor und es ist immer eine gewisse Bandbreite erforderlich. Und es gibt quasi in der Mitte dieser Bandbreite den Zielwert und um diesen Zielwert oszilliert es zwischen einer oberen und einer unteren Regelgrenze.

Alfons Huber:

Ja, genau so ist es. Und das ist auch der grundlegende Unterschied zwischen konditionierter Luft und konditionierten Bauteilen. Der Bauteil selber ist so träge, dass man die Regeleingriffe nicht sieht. Wer je die Klimakurven von einem temperierten Raum gesehen hat, der wird das nicht glauben. Es gibt eine entzückende Publikation vom Haustechniker des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, der sagt, Hilfe, meine Klimaanlage spinnt und dann schaltet er die Klimaanlage einmal aus und stellt zu seiner großen Verblüffung fest, dass die Klimaschreiber plötzlich Linien schreiben und keine Zacken mehr. Und genau das ist eigentlich aus der Sicht der Restauratoren das Ziel, dass das Klima sich linear verhält und nicht mehr als Zappelkurven, die jedes Mal, ... man muss sich vor Augen führen...

Friedrich Idam:

Vielleicht nicht linear, sondern als glatte Kurve.

Alfons Huber:

Danke, als glatte Kurven abbilden. Warum wir diese Regelhysteresekurven so ablehnen, ich will nicht sagen hassen, weil Kunstwerke fast immer aus kombinierten Materialgruppen zusammengesetzt sind. Auch ein Gemälde, das eigentlich relativ klimatolerant ist, hat eine Trägerschicht, entweder Leinwand oder – schlechter - Holz. Auf dem ist eine Grundierung, die wieder völlig anders reagiert wie die Malschicht. Und wir nennen diesen Vorgang, wenn das Klima nicht stabil ist, „innere Verwitterung“. Und das drückt eigentlich sehr gut aus, weil man sieht nicht auf den ersten Blick, was da stattfindet. Das ist ein mikroskopischer Prozess, der zu Mikrorissen führt, wo dann wieder auch Schadgase eindringen können. Also es ist ein laufender Verfall, so wie künstliche Alterung. Die Klimatechnik hat deswegen so reüssiert, Schuld dafür ist eigentlich unser Ausstellungsbetrieb. Wir können nur dieses Verschiffen von hochdotierten Kunstwerken und alle großen Blockbuster-Ausstellungen brüsten sich damit, dass sie jetzt den Dürer oder den Rembrandt, der nie verliehen wird, doch bekommen haben als Publikumsmagnet. Aber die Leihgabe wird nur vergeben, wenn der Leihnehmer garantieren kann, die ICOM-Klimastandards, dass er 20 Grad plus minus und so weiter, einhalten kann.

Friedrich Idam:

Aber das Plus Minus erlaubt ja genau diese Regelhysterese.

Alfons Huber:

Und die Klimaanlagenbetreiber behaupten, dass nur sie und ihre Anlagen in der Lage sind, diese internationalen Standards zu liefern. Das stimmt zu einer gewissen Weise, weil in Tokio und in Johannesburg und in New York und in Reykjavik kann ich nicht zeitgleich ein gleiches Klima erzeugen. Abgesehen davon, Klimazonen sind völlig unterschiedlich und am Äquator werde ich nie das gleiche Klima wie in Berlin erzeugen können. Das kann ich nur mit Klimatechnik, aber zu einem sehr hohen Preis, einerseits pekuniär, sündteuer, und dieser ganze Ausstellungszirkus ist ja für die Objekte unglaublich zerstörerisch. Aber davon leben natürlich die Museen. Also man kann das nicht ganz abstellen, aber wie man es löst, weiß ich nicht. In Zeiten, wo du heute mit Digitaltechnik in ein Gemälde „hineinkriechen“ kannst, im Internet findest du die Gemälde hoch aufgelöst und du kannst sie studieren, wie du sie live eh nicht mehr erlebst. Man lebt von diesem Mystizismus, von dieser Aura, von der angeblichen, die man nur erlebt, wenn man davor steht. Ich halte das für einen ziemlichen Betrug.

Friedrich Idam:

Wenn man jetzt, und das ist vielleicht eine kühne Analogie, von den Kunstwerken, die du jetzt beschrieben hast, den Menschen als Kunstwerk Gottes sieht, ob man dann nicht die Analogie herstellen kann, dass ein Raumklima, das den von den Menschen geschaffenen Kunstwerken, die aus organischen Substanzen bestehen, gut tut, ob nicht ein solches Klima mit wenig Regel-Hysterese auch den Menschen gut tut. Und der zweite Gedanke, sehr pragmatisch jetzt, wenn ich jetzt eine Bauteilheizung reguliere, wenn ich zum Beispiel hier als Sensor die Temperatur des Rücklaufs nehme Und erst wenn der Rücklauf unter eine gewisse Temperatur sinkt, sagen wir 17 Grad Celsius, dass ich dann wieder mit einer erhöhten Vorlauftemperatur in diese Wand hineinheize, dass aber das System Wand und vor allen Dingen die Rohrleitungen, welche ja in der Wand liegen, so träge reagieren, dass dieser Regeleingriff sich nicht als Zacke in der Raumtemperatur abbildet.

Alfons Huber:

Es ist unmöglich, über eine solche Vorlaufregelung Zacken zu erzeugen. Das geht gar nicht. Ich regle unsere Heizung, indem ich manuell, eigentlich täglich, den Vorlauf nachjustiere. Also der Raumthermostat im Wohnzimmer ist auf 30 Grad gestellt und wir haben Thermostatventile und ich drehe fast jeden Tag, also mit dem Blick auf das Thermometer, weise ich meine ungefähre Zone. Ich muss einschränkend zu meinen philosophischen Ausführungen immer einschränkend sagen, dass die Menschen verschieden sind. Wenn du jetzt mit meiner Frau reden würdest, dann wäre sie von meiner Lösung nicht zu 100 Prozent begeistert. Man kann auch mit einer Wandtemperierung jede Raumtemperatur erreichen. Ich, nachdem wir mit Gas heizen, mit einer nicht erneuerbaren Ressource und ich mir jeden Tag vorstelle, sozusagen das Erdinnere rinnt aus durch unseren Gasverbrauch und Erdölverbrauch, irreversibel. Was für Folgen hat das jetzt, abgesehen auch von CO2, was geschieht mit den Hohlräumen, mit dem Ökosystem Erde. Also alles, was wir tun, hat Konsequenzen. Man braucht sich nicht der Illusion hingeben, dass irgendjemand davonkommt, ohne sich in irgendeiner Form, ich will nicht sagen schuldig zu machen, aber ursächlich zu machen. Alles, was wir tun, hat Folgen. Wenn - dann. Und darum bin ich so restriktiv auf diesem Gebiet, Ich bin auch allergisch darauf, wenn man unter rinnendem Warmwasser abwäscht zum Beispiel. Also ich verhalte mich da so vielleicht wie in den 50er Jahren oder wie auf einer Berghütte, wo ich mit den knappen Ressourcen sehr bewusst umgehe und mir eine Portion heißes Wasser mit Spülmitteln mache, einen Topf und in diesem Topf dann manuell abwasche, was nicht der Geschirrspüler kriegt.

Friedrich Idam:

Du beschreibst jetzt exakt mein Abwaschverhalten.

Alfons Huber:

Es ist mir ganz wichtig zu sagen, wenn man Luftheizung und Bauteiltemperierung kombiniert, ergibt sich ein schwer lösbares Dilemma. Unser Körper stellt sich ja kreislauftechnisch auf seine Umgebung ein. Luftbeheizte, radiatorbeheizte Räume erzeugen kühle Wände und warme Luft. Warme Luft, die noch dazu übertrocknet ist. Wie reagiert jetzt unser Körper? Und ich hoffe, es ist physiologisch richtig und kein Unsinn, den ich da rede. Aber ich habe mir das so zurecht gedacht und bestätigt gefunden durch mein Empfinden. Wenn ich warme Luft einatme, dann sagt das meinem Körper, wir sind im Sommer, wir sind in der Wüste, warme, trockene Luft. Also Poren öffnen sich, die Kapillaren öffnen sich. Wir empfinden ja, also unser Körper misst Temperatur über die Hautoberfläche. Und zwar vorwiegend über den Knöchelbereich, also darum ist es wichtig in Oberösterreich, dass man so kurze Lederhosen anzieht, aber die Stutzen, oder dass man den Pulswärmer hat in Island. Also wir messen Temperatur, Raumtemperatur, hauptsächlich über die Haut. Und wenn die Luft, die wir einatmen, heiß und trocken ist, öffnen sich die Poren. Dann wird aber unserer Haut gesagt von der kalten Wand, (weil die Radiatoren ja meistens kleiner sind und konvektive Wärme im Raum verteilen, also es ist nicht Strahlungswärme) über den Strahlungssensor wird uns gesagt: die Umgebung ist kalt. Und jetzt entsteht dieses Dilemma, was jetzt? - Ist es jetzt Winter oder ist es jetzt Sommer? In einem temperierten Raum ist die Luft kühl, was ich bevorzuge, weil dann ist mein Kopf frei, dann kann ich gut denken und ich ziehe mir lieber einen Pullover an. Aber die Wände sind nicht kalt. Ich habe jetzt leider mein Infrarotthermometer in der Werkstatt und nicht hier, sonst könnte ich dir demonstrieren, dass... du kennst das.

Friedrich Idam:

Ich fühle es. Ich fühle das angenehme Raumklima. Ich brauche kein...Ich verlasse mich auf meinen Körper, auf mein Gefühl. Ich fühle mich bei dir wohl.

Alfons Huber:

Schwierig wird es, wenn man von einem Raum in den anderen geht, dass auch meine Kinder sagen, also die normal geheizten Räume sind wärmer, aber die Lufttemperatur ist nicht groß unterschiedlich. Mein Arbeitszimmer sozusagen ist auch das Kinderzimmer, wenn die Enkel kommen, ist also temperiert. Es gibt keinen Schimmel in den Ecken, den es bei radiatorbeheizten Räumen eben dann gern gibt, in den Außenwand-Ecken, vor allem, wenn dann die Luft so austrocknet, dass man nachbefeuchtet, dann gibt es einen Schimmel, also wir haben keinen Schimmel in der Wohnung. Die Entfeuchtungsmechanismen, glaube ich, haben wir ganz gut besprochen. Aber woher resultiert der Mehrverbrauch bei radiatorbeheizten Räumen? Also ich behaupte hier mit Selbstbewusstsein, wenn ich zwei Gebäude habe, das eine wird temperiert und das andere wird Radiator beheizt, beide auf 20 Grad der Setpoint, dann verbrauche ich mit dem Radiator um 20 Prozent mehr Heizenergie. Und zwar, weil es zu den Entfeuchtungsmechanismen, die dazu führen, dass das Lambda der Wand steigt, also geht über die Wand, die Transmissionswärmeverluste sind höher. Wenn ich die Luft auf 40, 50 Grad auch vorübergehend erwärme, erhöhe ich den Druck im Raum. Damit verliere ich auch über die Gebäudefugen mehr Luft. Und wenn ich geheizte, konditionierte Heizluft über die Türen und Fenster verliere, sauge ich kalte, unkonditionierte Luft von außen nach.

Friedrich Idam:

Also zu hohe Luftwechselraten.

Alfons Huber:

Wenn es jetzt neue Fenster sind, die so luftdicht sind, dann habe ich wieder den Schimmel. Das heißt, ich kann dauernd den Belzebub mit dem Teufel austreiben und zwischen Pest und Cholera wählen. Also ich habe nach meiner Sanierung, auf das bin ich wirklich sehr stolz... Ich habe also mehrere Maßnahmen gemacht: Den Zulauf des Warmwassers zur Küche, der über zwei Außenwände verläuft und wo der Installateur, der das 1984 gemacht hat, (meinen Einwand) abgewimmelt hat, „Sollte man das nicht isolieren?“ Jedenfalls habe ich das kappen lassen und bin direkt durch den Fußboden, Kachelboden aufgestemmt, also auf kürzestem Weg in die Küche. Und was vorher ungefähr eine halbe Minute gebraucht hat, bis endlich das warme Wasser in der Küche angekommen ist, ist jetzt in fünf bis zehn Sekunden da. Auch diese Rohrleitungen sind wärmegedämmt.

Friedrich Idam:

Also man muss sehr genau überlegen, bei welchen Rohrleitungen ist eine Wärmedämmung sinnvoll und bei welchen Rohrleitungen nicht.

Alfons Huber:

Ich habe auch den Vorlauf für den ganzen Heizungskreislauf, der an der Badewanne vorbeiführt, hochgeführt und an den Badewannenrand gelegt, in mehr oder weniger Kontakt mit der Badewanne und habe die Badewanne zum Flächenheizkörper umfunktioniert, und der Eckheizkörper im Badezimmer... Und die Heizung über die Badewanne funktioniert so effektiv, dass sich das Thermostatventil im Badezimmer kaum einschaltet. Also ich zeige gerade dem Fritz die Thermografie, wo die Badewanne leicht erwärmt ist. Der Eckheizkörper ist aktiv und beim Heizkörper sieht man nur das warme Thermostatventil. Der Heizkörper selber... (ist kalt).

Friedrich Idam:

Bis zum Vorlauf und beim Ventil endet die Wärme.

Alfons Huber:

Ja, also ich habe dann, auch nach Heizgrad-Tagen bereinigt, habe ich also meinen Verbrauch vor der Sanierung und nach der Sanierung verglichen und ich habe zwischen 21 und 25 Prozent weniger Gasverbrauch.

Friedrich Idam:

Ja.

Alfons Huber:

Und auf das bin ich stolz.

Friedrich Idam:

Und deine Erkenntnisse, dein Wissen über die Museen, also die klimatischen Verhältnisse in den Museen, das hast du ja in deiner Dissertation wunderschön zusammengefasst. Diese Dissertation ist im Internet als Download verfügbar. Ich stelle in die Shownotes zu dieser Episode einen Link zu deiner Dissertation, sodass sich interessierte Hörer, die sich in das Thema vertiefen möchten, sich da Open Access bedienen können.

Alfons Huber:

Also ich habe eigentlich immer geschaut, dass ich mein Wissen nicht für mich behalte. Also ich habe über verschiedenste Ecken versucht, valide Daten zu bekommen. Und eines der für mich verblüffendsten und beglückendsten Ergebnisse war: Ich habe von der ganzen Neuen Burg, von allen Radiatoren von zwei Jahrgängen die Verbräuche bekommen. Und habe aus diesen Daten Raumgruppen gebildet und habe Raumgruppen gleicher Nutzung zusammengezählt und ausgewertet. Da habe ich meinen Augen nicht getraut, als ich die Büros zum Beispiel der Nationalbibliothek oberhalb von der Sammlung, und unsere Büros habe ich angeschaut und ich habe das Archiv... Der sogenannte Forscherlesesaal, den es heute in der Form nicht mehr gibt, der Forscherlesesaal wurde damals mit sechs Radiatoren beheizt, zu einer Größe von rund 300 Quadratmetern. Die Sammlung alter Musikinstrumente mit 1500 Quadratmetern, wurde mit fünf Radiatoren beheizt. Diese Heizkörper haben dort (im Forscherlesesaal) volle PulleTag und Nacht (geheizt). Und ich habe also Unterschiede 1 zu 30 pro Quadratmeter Raumfläche festgestellt. Zwischen den Restaurierwerkstätten waren es dann auch noch 1 zu 20, zwischen den Büros war es auch 1 zu 20, was auch Bände spricht. Mir wurde von der Generaldirektorin der ÖNB verboten, die Daten zu publizieren. Ich musste es in meiner Dissertation abdecken. Hier spreche ich sie aus. Ich fühle mich auch an diesem Verbot nicht mehr gebunden, weil es ist absurd, im öffentlichen Raum wissenschaftliche Erkenntnisse rauszuhalten, weil sie vielleicht das eigene Fehlverhalten dokumentieren. Ich bin mit dieser Auswertung zur Burghauptmannschaft gegangen, ich bin zu meiner Geschäftsführung gegangen. Hier habt ihr einen Beweis. Radiatorheizung ist ein Mehrverbrauch von X. Machen wir was. Ich habe Ideen. - Nichts. Keine Reaktion. Es ist mir nicht gelungen, im eigenen Haus dieses Wissen nach außen zu tragen. Das Einzige, was gelungen ist - ich habe die Geschichte mit dem Lichtschutz noch nicht fertig erzählt. Sie hat gemündet in das Forschungsprojekt PREVENT, wo ich also die Fenstersituation separat behandelt habe und eben der Frage nachgegangen bin: Warum ist es nach der Sanierung trotz des tollen Lichtschutzes heißer geworden? Die Antwort habe ich schon gesagt, es ist wegen der Beleuchtung. Was kann man stattdessen tun? Also es ist klar, es muss ein Außenlichtschutz sein. Und in der Folge dessen habe ich über mehrere Jahre experimentiert und habe dann einen Lichtschutz entwickelt, der auch vom Denkmalamt toleriert wurde. Im Prinzip nichts anderes als ein vor das Fenster montierter Rahmen, eine Glasscheibe, die durch eine Folie, durch eine Lichtschutzfolie, die schon einmal 60 Prozent ausfiltert, aber nicht sichtbar ist, es sind nicht diese verspiegelten Glasflächen, die man auch auf denkmalgeschützten Gebäuden häufig sieht, in der Albertina oder Hofsilberkammer in der Burg, sondern etwas transparenter. Aber das eigentliche Element, das hochwirksam ist, ist ein Streckmetallblech mit einer offenen Fläche von 33 Prozent. Und die räumliche Textur des Blechs bewirkt, dass die rautenförmige Öffnung, die darunter ist, abgeschirmt ist. Es ist also, mein Bild war ein Schirmkapperl.

Friedrich Idam:

Ein ganz ... lauter, ganz kleine Beschattungsflächen.

Alfons Huber:

Genau. Zunächst war ich auf der Suche nach einer Mikro-Strumpfhose, haben wir gedacht, ein Mikronetz. Und das ist auch in der entsprechenden Publikation, sieht man die Bilder. Ich habe also auch in meiner Versuchsstation... ich habe über viele Jahre in zwei Fenstern der Sammlung mit Temperaturfühlern Temperaturprofile gemessen - mein Chef war so tolerant und hat diese Messstationen toleriert im Publikumsbereich - und habe also immer zwei Fenster verglichen. Und das jeweils bessere wurde die neue Referenz, die ich mit einer anderen Maßnahme unterbieten wollte.

Friedrich Idam:

Also du hast dich wirklich empirisch Schritt für Schritt vorangetastet und alles wirklich... mit validen Daten überprüft.

Alfons Huber:

Das hat mich so traurig gemacht, weil meine Vorschläge waren nicht: das könnte funktionieren, sondern: ich habe alles ausprobiert. Wir müssen dann über den Lichtschutz auch noch sprechen. Für Glasdächer zum Beispiel gibt es auch noch Lösungen, die bis jetzt nicht umgesetzt worden sind. Ich habe dann das Mikronetz mit 22 Prozent offener Fläche gegen das Streckmetall 33 Prozent offene Fläche verglichen mit der fixen Annahme, das Mikronetz ist der Gewinner. Und habe meinen Augen nicht getraut, dass die Erwärmung, die Tageserwärmung beim Mikronetz à la longue größer war.

Friedrich Idam:

Also jetzt um diesen Schichtaufbau für unsere Hörer noch verständlich darzustellen, ganz außen, die äußerste Ebene ist das Streckmetall, die nächste Ebene ist die Lichtschutz.

Alfons Huber:

Nein, die äußerste ist die Glasscheibe, dann die Folie, das Glas wird durch die Folie auch armiert. Das war der Splitterschutz, war ein wichtiges Thema im öffentlichen Bereich.

Friedrich Idam:

Und die Lichtschutzfolie gleichzeitig?

Alfons Huber:

Die Lichtschutzfolie ist gleichzeitig Splitterschutz und Lichtschutzfolie.

Friedrich Idam:

Also UV-Schutz.

Alfons Huber:

UV-Schutz, ja. Aber auch, es ist ein richtiger Filter. Es ist alles. Das gesamte Spektrum wird 60% gefiltert. Und dann kommt das Streckmetall. Und alles vor dem Fenster. Was die Hörer auch wissen sollten: Jede Masse, jede Materie im Strahlengang der Sonne, direkt beschienen, heizt sich zwischen 50 und 70 Grad auf. Also 65, jede Rolo heizt sich auf 60 bis 65 Grad auf. Ob jetzt vor dem Fensterkasten... Wenn es im Fensterkasten ist, wird schon Strahlungswärme dem Raum zugeführt. Deswegen muss die erste Absorptionsebene vor dem Fenster sein, weil sie da von der Außenluft gekühlt wird. Soweit so einfach. Das Wie ist natürlich dann eine andere Frage. Und dieses Paket hat einen g-Wert, das ist der Gesamtenergie-Durchlassgrad, von 0,28. Nur mehr 28 Prozent der Gesamtenergie wird dem Fensterkasten zugeführt. Und nachdem im Fensterkasten noch nach wie vor mein hochwirksamer Lichtschutz und die Doppelverglasung...

Friedrich Idam:

Und die Entlüftung, mit der „Orgellade“...

Alfons Huber:

... da sind, ist jetzt mit dieser Maßnahme bei voller Sonneneinstrahlung, auf 28 Prozent (verringert). Einmal vielleicht, wenn es draußen knallheiß ist, haben wir vielleicht 30 Grad (auf der Innenscheibe) erreicht, aber nie wieder. Um sich eine Vorstellung zu machen: In der Gemäldegalerie hat man, vom Bauphysiker vorgeschlagen, die äußere Fensterebene erneuert mit Wärmeschutzverglasung, die innere belassen - Denkmalschutz. Also man hat damit, im damaligen Wissensstand von 1990, hat man die Riesenfenster der Gemäldegalerie in Sonnenkollektoren verwandelt. Weil, wenn ich außen eine Wärmeschutzverglasung habe und dazwischen einen Lichtschutz, der von der Sonne aufgeheizt wird, wird die gesamte Wärme aufgrund der außenliegenden Wärmeschutzverglasung dem Raum zugeführt. Und die Fenster der Gemäldegalerie haben 25 Jahre 45 Grad Oberflächentemperatur generiert, die künstlich weggekühlt werden musste.

Friedrich Idam:

Da mache ich jetzt kurz einen Einschub. Es gibt ja in diesem Podcast bereits eine Episode über die Infrarotbeschattung, die ja du erfunden hast, die dann der Kollege Kain weiterentwickelt hat. Und da gibt es ein Gespräch mit dem Kollegen Kain, wo ja diese Stefan-Boltzmann-Beziehung beschrieben wird. Da gibt es einmal den österreichischen Physiker Josef Stefan, der ja der Lehrer von Ludwig Boltzmann war. Josef Stefan war ja der Erste, der die Temperatur der Sonne bestimmt hat. Und dieser Stefan-Boltzmann-Effekt beschreibt, dass die Strahlungsenergie einer Oberfläche in der 4. Potenz, also ich sage es jetzt in Worten, mit der vierten Potenz der Oberflächentemperatur steigt. Und das ist ein Effekt, der vielen Bauphysikern nicht bekannt ist und den du in die Diskussion gebracht hast.

Alfons Huber:

Ja, weil ich so knallhart damit konfrontiert war. Weil ich hier die Chance habe, ein bestimmtes Gedankengut in die Öffentlichkeit zu bringen und auch wirklich ehrlich sagen kann und darf, dass das kein „Herumgeschwafel“ ist, sondern dass ich über Jahre gemessen habe und gerungen habe um eine Lösung, die Bestand hat, weil ich eben kein Fachmann bin, wollte ich noch das Problem der Oberlichtdächer in den Gründerzeitbauten (ansprechen). Die sind ja vielfach Scheinarchitekturen, wo man also glaubt, durch ein Renaissance-Palais zu gehen, aber sie natürlich in der damaligen Zeit - was auch in deinem Podcast über das Burgtheater vorkam - hochtechnisch entwickelte Konstruktionen, die meistens zweischalige Dachkonstruktionen sind, wo außen im Original meistens ein grünes Drahtglas war und darunter dann ein dekoriertes Milchglas mit Jugendstil-Elementen vielleicht auch noch. Ich habe beobachtet, wie in der Neuen Burg auch in den 90er Jahren die großen Glasdächer ausgetauscht wurden. Natürlich vom Winterfall gerechnet und gedacht, sind die Wärmeschutzverglasungen eine Verbesserung gewesen. Für den Sommerfall sind die außenliegenden Thermogläser eine Katastrophe. Und überall diese großen Dachräume, die dann so auch gern bespielt werden und gefeiert wurden, die funktionieren nur mit einer riesen Klimaanlage, die ihre Abwärme wieder in die Außenluft blasen und dann zur Wärmeinselbildung der Innenstadt beitragen. Dass in Wien ungefähr über 100.000 Splitgeräte ihre Wärme, Abwärme in die Innenstadt blasen. Also davon spricht niemand. Wir haben jetzt das Klima von Rom der 1960er Jahre in der Wiener Innenstadt, unter anderem indem wir sie selber aufheizen. Jetzt habe ich meine Erfahrungen aus dem Kastenfenster projiziert auf die Lichtdächer und es war ja eine der Erkenntnisse auch von der Infrarotbeschattung: Man muss möglichst nahe mit dem Absorber an die äußere Glasebene gehen, damit die Strahlung die dahinterliegenden Architekturelemente gar nicht erreicht. Und diese Architekturelemente in der Gründerzeit sind ja meistens Eisenbauteile. Man hat ja an der Thermographie vom Burgtheater, die war ja für mich so wie ein weggezogener Vorhang der Erkenntnis. Die Eisenelemente vom Grindel, die glühen förmlich, weil sie so warm werden. Und die leiten natürlich direkt, weil Eisen ein guter Wärmeleiter ist, viel besser als die Luft, die leiten jetzt die Wärme direkt in die darunterliegenden Bauteile. Und das ist natürlich in der Neuen Burg und im Corps de Logis und im Burgtheater genauso.

Friedrich Idam:

Man muss vielleicht noch dazu sagen, gerade wie es bei der Segmenttonne, bei dem Gewölbe über dem südlichen Feststiegenhaus des Wiener Burgtheaters ist, wo ja wir geforscht, untersucht haben, da führen ja diese eisernen Bauteile, Eisen ist ja korrekt, es ist ja noch kein Stahl, es ist ja Flusseisen aus den 1880er Jahren, da liegen ja diese Eisenelemente auch in den Ziegelelementen drin. Also das heißt, die Einleitung der Wärme, es wäre ja eigentlich die optimale Bauteilheizung, weil ja die Wärme auf dem schnellsten Weg in den Bauteil eingetragen wird.

Alfons Huber:

Im Winter, da könnte man darüber reden, aber in zwölf Meter Höhe eine Strahlungsheizung braucht man nicht.

Friedrich Idam:

Im Winter zieht man ja die Wärme förmlich raus. Genau, ja, der Wärmetauscher wirktja umgekehrt.

Alfons Huber:

Das leitet ja nach außen ab. Jedenfalls habe ich gesucht nach einem Element, das transparent bleibt, weil ja ein Lichtdach Licht durchlassen muss. Also da kann man ja keine Beschattung, keine Totalbeschattung einbauen. Man hat im Burgtheater ja auch eine Beschattungsebene eingebaut, um die darunterliegende Dramaturgie zu schützen. Aber die liegt auch wieder auf der unteren Ebene und die Eisenbauteile und das Ziegelmauerwerk dahinter sind längst schon erwärmt und hat die Wärme gespeichert und gibt sie ja nicht mehr her. Das ist es ja. Die wird eingeleitet und die Masse der Ziegel gibt ja diese Wärme nicht mehr ab, konvektiv. Und jetzt habe ich experimentiert mit einer Filtermatte, wie sie für Klimaanlagen verwendet wird.

Friedrich Idam:

Zur Luftfilterung. Ein Staubfilter.

Alfons Huber:

Ein Staubfilter. Mit meiner vielleicht naiven Bildersprache. Wir haben schon von der Korpuskularstrahlung, der Teilchenstrahlung, der Sonnen-, der Infrarotstrahlung gesprochen. Und da habe ich gedacht, diese Filtermatte ist blau. Das heißt, wenn sie blau ist, lässt sich kein Rot durch. Außerdem „verheddern“ sich, wie in einem Kugelfang, also durch Streuung in dem Fall natürlich, verheddern sich die Teilchen in meiner Filtermatte. Und ich habe die auch getestet und die ist hochwirksam, auch zur Temperaturabsenkung. Also man könnte zum Beispiel in der Pyramide des Corps de Logis oder in den Oberlichtdächern vom Naturhistorischen Museum und vom Kunsthistorischen Museum, könnte man nahe zur Außenhaut ... obwohl die alle thermoverglast sind. Und thermoverglaste Lichtdächer kann man nur durch eine Außenbeschattung „heilen“ sozusagen und dann neutralisieren. Alles andere ist ein frommer Selbstbetrug.

Friedrich Idam:

Aber das ist eine sehr wohlfeile Maßnahme, die trotzdem wirkungsvoll ist. – Das kostet nichts - Und die Lichtqualität, die sich ergibt, ist ja ähnlich wie Licht durch Opalglas.

Alfons Huber:

Genau. Es ist eigentlich sehr angenehm im Sommer. Es ist ein kühles Licht. Also ich habe gelernt, dass es meistens die Kombination von etwas ist. Also die „Wunderwaffe“, die alles löst, die Klimaanlage, ist es nicht. Die ist nur sehr teuer. Aber es ist zum Beispiel die Kombination, wenn man ein nicht so hocheffektives Netz an die Außenhaut gibt, dass einmal schon die Thermoverglasung gebannt ist. Und dahinter dann diese Filtermatte. Das kann man nämlich auch auf ein Rollo aufwickeln. Das ist ja komprimierbar, ja, leicht. Das könnte man leicht mit einem Federzug-Rollo, wie man es in anderen Beschattungselementen über Dach auch hat, könnte man das im Winterfall wegnehmen, dass man solare Gewinne hat.

Friedrich Idam:

Also dass man wiederum diese Idee der saisonal adaptiven Gebäudehülle.

Alfons Huber:

Genau. Was nur ganz wichtig ist, es muss nahe zur Außenhaut und es sollte konvektiv hinterlüftet sein.

Friedrich Idam:

Um wieder die Wärme abzutransportieren und um dann wieder dieses Stefan-Boltzmann-Gesetz zur Wirkung zu bringen, dass durch Absenkung der Oberflächentemperatur die Wärmestrahlung exponentiell reduziert wird.

Alfons Huber:

Das habe ich von Günther Kain gelernt, dass es erst ab einer bestimmten Oberflächentemperatur überhaupt wirksam wird. Also die 30 Grad dürften da so eine Art Grenze sein.

Friedrich Idam:

Ein Kipppunkt.

Alfons Huber:

Ein Kipppunkt, genau. Ich hatte in der Neuen Burg über viele Jahre einen Verbündeten, der für die Neue Burg verantwortliche Baufachmann, der ... am Anfang, glaube ich, waren wir uns beide gegenseitig nicht so grün, aber wir wurden am Schluss eigentlich ziemliche Verbündete. Der war auch ein großer Bremser, was Technik betrifft. Eine ähnliche Thematik betraf ja auch die sogenannte Orangerie im Burggarten. Ein Teil ist das Schmetterlingshaus. Die Schmetterlinge haben es zwar gern warm, aber verschmachten sollen sie auch nicht.

Friedrich Idam:

Also dass man eine Vorstellung hat, das Gebäude ist bereits Wiener Jugendstil, Architekt Friedrich Ohmann. Es ist eine sehr interessante Kombination einerseits aus traditionellen steinernen Baukörpern und andererseits den zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert modern gewordenen Eisen - Glaskonstruktionen. Also es gibt zwei Eckpavillons, steinern im Jugendstil, dann gibt es einen mittleren, einen zentralen Baukörper und zwischen diesen steinernen Baukörpern liegen dann diese hochgradig verglasten Konstruktionen und die sind, wenn ich es richtig im Kopf habe, so Richtung Südwestwest ausgerichtet.

Alfons Huber:

Richtig, korrekt. Also auch ein sehr, sehr großer solarer Eintrag. Und wie dann das sogenannte Palmenhaus oder die Orangerie als Restaurant verpachtet werden sollte, haben die Pächter gefordert: Das hält ja keiner aus, da kommt eine Klimaanlage her! Und Ingenieur Heninger hat gesagt, das ist denkmalgeschützt, das kommt nicht in Frage. Und sie haben sich schlau gemacht mit Glashaus-Fachleuten aus Holland, die ja mit der gleichen Problematik zu tun haben und von denen eben gelernt, dass die Beschattungsebene ganz nah an der Außenhaut sein muss und das dann hinterlüftet wird. Das war die eine Hälfte. Aber wie gesagt, ich habe gelernt, eine bivalente Anlage sozusagen ist meistens die Lösung. Die Orangerie steht vor den Resten der Stadtmauer, der Augustinerbastei. Der Augustinerbastei. Und hat also einen massiven Steinklotz an der Rückseite.

Friedrich Idam:

Einen gigantischen Erdmasse-Ziegelmasse-Speicher.

Alfons Huber:

Und jetzt wird die Luft in der Nacht unter dem Glashaus reingezogen und an dem Erdspeicher vorbei, der kühl ist. Und wird also die über Tag angestaute Wärme, dieser Wärmespeicher wird entladen und steht am nächsten Morgen wieder entladen als Kühlmasse-Speicher, so wie dein Kachelofen zu Hause, zur Verfügung. Ich mache das gleiche hier auch. Ich habe eine Sommerlüftung, indem ich die Kamintürln aufmache und einen einfachen Luftwechsel provoziere und damit die Kaminwand sozusagen entlade mit der über Tag angereicherten Sonnenenergie. Also das Glashaus in Burggarten, obwohl es keine Klimaanlage hat, wird im Sommer bespielt aufgrund dieses Massenspeichers.

Friedrich Idam:

Also ein Musterbeispiel für Simple Smart Buildings. Lieber Alfons, ich danke dir sehr herzlich für dieses Gespräch, auch für deine Großzügigkeit, mit der du dein Wissen teilst und wirklich mit Open Access deine Lebenserfahrung zur Verfügung stellst.

Alfons Huber:

Gerne. Und es ist mir ein großes Anliegen, dass dieses akkumulierte Wissen nicht verloren geht. Weil, ich habe festgestellt, wenn so bestimmte Akteure in Pension gehen, dann werden die Erfahrungsuhren wieder zurückgestellt. Und das wäre mir ein großes Anliegen; das wäre sehr schade.

Friedrich Idam:

Alfons, vielen Dank.

Alfons Huber:

Gerne.

Über diesen Podcast

Simple Smart Buildings steht für Gebäude die einfach und dauerhaft gebaut sind. Für die Generationen vor uns war es ganz normal mit einfachen Mitteln dauerhafte Gebäude zu errichten. Diese Art zu bauen hat sich über Jahrhunderte bewährt und wir können daraus lernen. In den verschiedenen Regionen entwickelten sich aus lokal vorhandenen Baustoffen resiliente Baukonstruktionen und Gebäudetypen, welche Jahrhunderte überdauert haben und gerade deshalb immer noch eine hohe Nutzungsqualität bieten. Dieser Podcast erzählt von Möglichkeiten einfach gut zu bauen.
Ab Folge 140 ist für jede Episode ein redaktionell bearbeitetes Transskript hochgeladen.

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von und mit Friedrich Idam und Günther Kain

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