Historisches Raumklima
Das Corps de Logis der Neuen Burg wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer geplant, wobei der Arzt Karl Böhm als Gesundheitstechniker ein Ventilationssystem mit Meißnerscher Luftheizung einbrachte, das auf empirischem Wissen aus Militärhospitalen und Theatern beruhte. Die Luft wurde über Kamine und Schächte geführt, um Unterdruck zu erzeugen und Frischluft nachströmen zu lassen. Spätere Eingriffe wie der Einbau von Zentralheizung und die Vermauerung der Luftschächte 1938 führten zu extrem niedrigen relativen Luftfeuchtigkeiten bis unter 20 Prozent im Winter. Organische Materialien wie Elfenbein und Holz reagierten darauf letztlich mit extremem Schwund und Rissen, wobei schnelle Oszillationen durch Luftbefeuchter den Kompressionsschwund verstärkten.
Aus diesen Schäden ergab sich die Erkenntnis, dass Luftheizung und Vollklimaanlagen Sackgassen darstellen, da sie instabile Klimaverhältnisse mit Regelhysterese erzeugen und hohe Betriebskosten verursachen. Stattdessen wurden passive Maßnahmen wie dezentrale Befeuchter und Wandtemperierung nach dem Vorbild römischer Hypocausten erprobt sowie Außenbeschattungssysteme mit Streckmetall und Lichtschutzfolien entwickelt, die auf der Stefan-Boltzmann-Beziehung beruhen. Gestaffelte Klimaabschnitte mit Klimaschleusen und Pufferzonen sorgen für einen stabilen Klimaverlauf in der Sammlungskernzone. Experimente in der Neuen Burg, in der Kartause Mauerbach und in der eigenen Wohnung bestätigten, dass Bauteiltemperierung geringere Energieverbräuche und stabilere Feuchtewerte ermöglicht, während der solare Strahlungseintrag durch rechtzeitige Absorption vor den Fenstern minimiert wird.
Quellen:
Frederic Boody, Henning Großeschmidt, Wolfgang Kippes, Michael Kotterer (Hrsg.), Klima in Museen und historischen Gebäuden. Die Temperierung. EU-1383 Nähere Informationen zur Temperierung.
PREVENT, Wissenschaftliche Reihe Schloss Schönbrunn,Wien 2004.
Alfons Huber, „Fenster im Kunsthistorischen Museum“. In: Technologische Studien des Kunsthistorischen Museums, Wien 2007, S. 154-189
Alfons Huber, „Kontrollierter Luftwechsel – der Schlüssel für ein nachhaltiges Klimamanagement“, in: Technologische Studien des Kunsthistorischen Museums Bd. 6, Wien 2009, S. 10-45
Alfons Huber, Ökosystem Museum, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Naturwissenschaften an der Akademie der bildenden KünsteWien, 2011
Alfons Huber, „Warme Wände“ oder „warme Luft“? Systemimmanente Tendenzen im Raumklimaverhalten bei unterschiedlichen Heizsystemen in Abhängigkeit vom Nutzerverhalten – ein Praxisvergleich.“ In: Die Temperierung. Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege Nr. 8, München 2014, S. 61-74
Alfons Huber (mit Jochen Käferhaus und Roland Frey), Thermische Sanierung im Altbau-Bestand – Annäherung an eine objektive Evaluierung. S. 1-33, Wien 2014
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