Heute möchte ich ein paar Gedanken zur Fensterteilung, zu kleinen Fensterscheiben formulieren.
Christoph Alexander beschäftigt sich in seiner Mustersprache des Bauens in einigen Mustern mit Fenstern. Einige dieser Muster habe ich in dieser Podcast-Reihe Simple Smart Buildings schon besprochen. Ich habe auch zwei Episoden gestaltet, wo es überhaupt um die Grundlagen dieser Mustersprache des Bauens von Christoph Alexander geht. Ich stelle in die Shownotes einen Link, wo Sie sowohl zu diesen grundsätzlichen Episoden über die Mustersprache kommen, als auch zu den Links, wo ich schon einige Muster besprochen habe. Wie so das große Ziel ist, wenn ich vielleicht dann einmal bei Episode 500 angelangt bin, dass ich dann auch alle 253 Muster der Mustersprache durchgesprochen habe. Das wäre so ein großes Ziel. Heute ein Thema der Kleinteiligkeit.
Es geht um das Muster 239, kleine Scheibenteilung. Und da spricht Alexander von einem Paradoxon, wenn Fenster in sehr kleine Teilflächen unterteilt sind, dass dann ein stärkerer Bezug zur Außenwelt entsteht, als wenn das Fenster nur aus einer großen Scheibe bestünde. Das klingt auf das erste Paradox. Alexander erklärt das mit der Rahmenwirkung. Er meint, entscheidend ist, wie viele Bilder wir sehen und Bilder werden durch Rahmen definiert, jeder Rahmen ein Bild und mir kommt da vielleicht auch so die Idee des Facettenauges eines Insekts, das eben viele einzelne Bilder aufnimmt, diese einzelnen Bilder viel reicher sind. Und wenn ich jetzt zum Beispiel hier, wo ich sitze, durch ein Fenster, wo das Fenster in sechs Scheiben unterteilt ist, sehe ich natürlich auch sechs Bilder der Landschaft. Und diese sechs Einzelbilder sind letztlich ein intensiveres Seherlebnis, als wenn zwischen mir und der äußeren Welt nur eine Floatglas-Scheibe stünde. Das hat natürlich mit der geschichtlichen Entwicklung der Fenstergläser zu tun. Man war eigentlich bis ins frühe 19. Jahrhundert, vielleicht Ende 18. Jahrhundert, rein technologisch in der Lage, Maximalscheiben mit einer Größe von 45 mal 45 Zentimetern herzustellen in dieser Zylinderglastechnik. Als sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts die Technik weiterentwickelt hat, Zuggläser entstanden sind, waren schon größere Formate möglich und dann im 20. Jahrhundert durch die sogenannte Floatglastechnik lassen sich jetzt diese riesigen Tafelgläser herstellen, die wir ja in der zeitgenössischen Architektur kennen. Unvermeidlich oder es ist diese Verheißung, man würde mit diesen Gläsern direkt mit dem Außenraum in Verbindung treten, aber das stimmt nicht. Diese großen Glasscheiben liegen so wie ein unsichtbarer Film zwischen mir und der Realität. Es entsteht ein großes Bild, das mich aber nicht wirklich draußen sein lässt, das nicht so stark wirkt, wie diese einzelnen Bilder aus den unterteilten Scheiben. Alexander führt auch als Beispiel an, dass man ein hohes, schmales Fenster viel lebhafter erlebt oder eine interessantere Aussicht bildet als ein breites Fenster, als ein horizontal ausgerichtetes Fenster. Denn wenn Sie sich jetzt einen Raum vorstellen, wo eine Wand ein großes, langes, horizontales Fenster besitzt, dann ist es relativ egal, wo Sie im Raum stehen, Sie werden immer dasselbe Bild sehen. Wenn aber jetzt in dieser Wand zum Beispiel drei schmale, vertikale, hohe Fenster angeordnet sind, dann sehen Sie durch jeden dieser Schlitze, wenn Sie sich im Raum bewegen, jeweils andere Bilder. Und das ist ein ähnlicher Effekt wie bei der Unterteilung durch viele Scheiben, dass viele Bilder entstehen. Und viele Bilder stehen eben für einen reichhaltigeren Eindruck, ein reichhaltigeres Aufnehmen von dem, was draußen ist. Das Fenster ist natürlich auch ein Bauteil. Das Fenster ist ja nicht nichts. Das Fenster steht ja so dazwischen. Es ist einerseits Öffnung, andererseits aber auch Schutz. Also es ist ein Bauteil eigentlich mit zwei sehr gegensätzlichen Aufgaben. Und dieser Gegensatz, einerseits Schutz und Geborgenheit zu bieten, andererseits aber den Blick nach außen zu eröffnen, den erfüllen eben diese historischen Fensterkonstruktionen mit ihrer kleinen Scheibenteilung, offenkundig intensiver als diese großen einscheibigen Fenster. Wenn wir jetzt umgekehrt das Haus betrachten, wenn wir von außen diese Fenster ansehen oder wie diese Fenster in der Fassade sitzen, da gibt es ja in der Psychologie dieses sogenannte Facial Bias, dass wir die Fenster wie Augen wahrnehmen Und das tut uns gut, also zum Beispiel im Design, im Autodesign, wird dieses Facial Bias ganz bewusst eingesetzt, dass quasi die Scheinwerfer des Autos Augen werden und wir das Auto als ein Lebewesen wahrnehmen. Ich denke, es ist ganz ähnlich bei einem Haus. Wenn bei einem Haus die Fenster richtig proportioniert sind, dass sie wie Augen anmuten, dann entsteht auch dieses Facial Bias und wir erleben dieses Haus auch von außen viel positiver. Ein weiteres Motiv, was ich denke, was auch sehr viel für die Ästhetik ausmacht, das sind fraktale Muster. Fraktale Muster, wenn wir in einer großen Struktur diese Struktur in einem kleineren Maßstab wiederholt finden, vielleicht in einem wieder kleineren Maßstab noch einmal wiederholt finden, Wenn sich also das Muster in sich verschachtelt, solche Fraktalstrukturen kommen ja in der Natur sehr häufig vor. Da gibt es wirklich wahrnehmungspsychologische Untersuchungen, zum Beispiel auch von Ann Sussman. Und da gibt es ja auch eine Episode dieses Podcasts, die werde ich auch in den Show Notes verlinken, wo ich mit Robert Krasser über diese messbare Ästhetik spreche.
Das können natürlich solche unterteilten Fenster. Es gibt dieses ganz große Muster des Fensterstocks. In diesem Fensterstock sind dann quasi als kleinere Ebene, als nächste fraktale Struktur die Fensterflügel eingehängt. Die Fensterflügel sind wiederum durch Sprossen unterteilt. Und wenn wir jetzt in der Entwicklung der Verglasungen noch weiter zurückgehen, dann waren in diese Felder die kleinen Gläser wiederum mit Bleiruten unterbrochen, also dass dieses fraktale Muster in einer dritten Ebene stattfindet. Und das, denke ich, macht es dann einerseits interessant, wenn man das Fenster von außen sieht, als Bauteil sieht, als Teil der Fassade sieht und umgekehrt, wenn man im Gebäude ist und nach außen blickt und diesen Blickbezug nach außen möchte, dass dann durch diese kleinere Unterteilung ein stärkerer Bezug zur Außenwelt darstellt. Mir fällt jetzt ganz spontan ein, wenn Sie sich Fensteröffnungsausfüllungen im Orient vorstellen, Wenn Sie sich diese Maschrabiyyas vorstellen, diese ganz feinen Gitter, dann sind ja das Strukturen, die diese große Fensterfläche in ganz, ganz kleine Teilflächen zerlegen. Und da gibt es natürlich den zusätzlichen Effekt, dass wenn Sie im Innenraum nahe an dem Fenster stehen, durch diese sehr kleinen Öffnungen sehr wohl hinausschauen können. Also, dass der Bezug von innen zur Außenwelt möglich ist, aber wenn man außen entsprechend weiter vom Fenster weg positioniert ist, dann sieht man ja durch diese kleinteiligen Öffnungen nicht durch. Es hat auch diese Qualität, wiederum die Schutzfunktion, dass ich innen stehe, nach außen blicken kann, von außen aber nicht gesehen werde, dass diese beiden widersprüchlichen Funktionen, Schutz und Öffnung, gleichzeitig mit dieser kleinen Fensterteilung möglich werden.