Friedrich Idam:
Der Architekt Andreas Zoner ist ein Spezialist für Grundrisse. Vielleicht einmal zu Beginn der Begriff Grundriss. Wie würdest du den Begriff Grundriss ganz einfach erklären?
Andreas Zohner:
Ich glaube, das Thema ist ja auch, glaube ich, einfache Grundrisse. Und da muss man eigentlich sagen, dass das fast ein Paradoxon ist, weil ein einfacher Grundriss wahrscheinlich der schwierigste Grundriss ist. Diese Aneinanderreihung von unterschiedlichen Räumen, die eine bestimmte Abfolge haben und sozusagen einen Sinn, eine bestimmte Logik in sich haben, das einfach zu gestalten, ist, glaube ich, mit das Schwierigste in der Architektur. Also das, was wir jetzt so beim Begehen als selbstverständlich empfinden, braucht zuerst einmal eine lange Zeit des Grübels und Nachdenkens, dass es in dieser Anordnung dann auch wirklich funktioniert. Und prinzipiell muss man ja sagen, ist diese Grundrissgestaltung, so werden wir es heute kennen von unseren Wohnungen, von unseren Häusern, was es noch nicht so lange gibt. Das Zusammenwohnen in einem Raum ist ja eigentlich, ich sage jetzt einmal, das Ursprüngliche. Das haben wir ja im ländlichen Raum zum Teil heute noch in den Bauernhöfen, wo man in der Stube eigentlich alle Wohnfunktionen oder fast alle, vielleicht das WC jetzt nicht, aber sonst alle anderen Wohnfunktionen in einem Raum abgehandelt hat. Und erst im Laufe der Zeit, sage ich jetzt einmal, natürlich auch mit zunehmendem Reichtum in der Gesellschaft, ist diese Differenzierung der Räume passiert, dass man also einzelne Funktionen, Wohnfunktionen einzelnen Räumen zugeordnet hat. Und auch da ist natürlich im Laufe der Zeit der Anspruch immer höher geworden. Also war es in meiner Kindheit zum Beispiel noch durchaus üblich, dass zwei oder drei Kinderzimmer als sogenannte Durchgangszimmer hintereinander angelegt wurden. Ist das heute, sage ich mal, ein No-Go? Keiner wird es mehr verstehen, dass ich durch ein anderes Zimmer, sozusagen ein privates Zimmer, durchgehe, um in meinen eigenen Privatbereich zu kommen.
Friedrich Idam:
Also siehst du diese Grundrisse letztlich auch als Spiegelbild der Gesellschaftsstrukturen, in der diese Grundrisse entstanden sind? Vielleicht jetzt einmal ganz, ganz abstrakt zum Thema Grundrisse. Grundriss ist in der Architektur eine planerische Darstellung, wo man ein Gebäude in einer gewissen Höhe, etwa einen Meter, über Fußboden durchschneidet, die Teile des Gebäudes, die drüber sind, sich wegdenkt und einfach von oben drauf schaut, aus der Vogelschau und so eigentlich in einem sehr klaren Muster erkennt, wie die Räume zueinander geordnet sind. Also die Frage, wie weit denkst du, sind diese Grundrisse, Spiegelbilder der Zeit, der Gesellschaft, der Schicht, in der sie entstanden sind?
Andreas Zohner:
Da gibt es ein sehr gutes Beispiel. Die Positionierung des Esszimmers zur Küche. Nur einmal rückblickend auf die Verhältnisse in der bäuerlichen Struktur, wo in dieser Stube Essen und die Zubereitung der Speisen in einem Raum, nämlich in der Stube, passiert ist. War es dann so, dass so spätes Mittelalter, wo diese Städte immer reicher wurden sind durch den Handel, wo die Bürgerschaft in den Stadthäusern die Wohnungen immer größer angelegt hat, hat man sozusagen dieser Funktion des Essens einen eigenen Raum zugeordnet und den Raum so weit wie möglich von der Küche entfernt. Was ja eigentlich vollkommen unlogisch ist, aber was haben diese Bürger damals gehabt? Sie haben Dienerschaft gehabt, die das Essen jetzt sozusagen von der Küche aufgetragen haben in das Esszimmer. Das heißt, die Intention war vollkommen klar, möglichst weit weg von Geräuschbelästigung, Geruchbelästigung, vielleicht sogar visueller Belästigung, dass man bei der Arbeit nicht zuschauen muss. Daher war das also selbstverständlich, dieses Auseinanderlegen dieser Räume. Mit dem Wegfall der Dienerschaft macht das natürlich überhaupt keinen Sinn. Und heute in modernen Grundrissen wird man wieder versuchen, das nicht nur nebeneinander zu legen, sondern, weil natürlich ein wichtiger Aspekt beim Wohnen auch die Kommunikation ist, das überhaupt zu einem Bereich zu öffnen. Also das heißt, wenn wir uns so einen durchschnittlich modernen Grundriss anschauen, dann spricht bei Eigentlichkeit sehr oft vom Koch-Ess-Wohnbereich. Das heißt, es geht wieder zurück sozusagen in diese bäuerliche Struktur, natürlich mit einem anderen Ansatz und mit einer anderen Größenordnung. Aber es wachsen sozusagen, es wachsen diese Räume und diese unterschiedlichen Funktionen wieder zusammen.
Friedrich Idam:
Die Idee dieser Simple Smart Buildings ist ja letztlich, Gebäude zu schaffen mit einer möglichst langen Lebensdauer. Und da denke ich, ist ja eine der Grundbedingungen, dass das Gebäude möglichst lang, möglichst unverändert genutzt werden kann. Wenn ich jetzt einen Grundriss auf eine ganz spezifische aktuelle gesellschaftliche Situation zuschneide, könnte ich ja letztlich in Gefahr laufen, dass der Grundriss zwar jetzt für die jetzigen Anforderungen ideal ist, aber in einigen Jahrzehnten nicht mehr. Und eigentlich, auch wenn die bauliche Substanz des Hauses in Ordnung ist, einfach die Anordnung der Räume, der Grundriss obsolet geworden ist und so eigentlich das Gebäude zur Nutzlosigkeit verdammt ist. Du hast dich ja mit vielfältigen Grundrissen aus verschiedenen Zeiten beschäftigt. Gibt es da so Typen, wo du sagen kannst, die haben sich bewährt? Gibt es da Grundrisse, die schon vor längerer Zeit funktioniert haben und noch heute funktionieren? Oder siehst du es so, dass wirklich alles einen Wandel unterworfen ist?
Andreas Zohner:
Ich glaube, ein gewisses Maß an Flexibilität tut jedem Grundriss gut. Das heißt, man braucht es ja nur anschauen, wie viel Veränderung im Laufe eines Lebens in einer Familie passiert. Das heißt, und welche Ansprüche zum Beispiel wir Menschen an unsere Wohnsituation haben. Also das Neugeborene wäre im besten Fall sozusagen direkt in dem elterlichen Bett aufgehoben. Je älter es wird, umso mehr beginnt diese Entfernung vom Elternschlafzimmer. Das beginnt mit dem vielleicht eigenen Zimmer im Volksschulalter. Da kommen Aufgaben an das Kind heran, die es vielleicht allein lösen muss. Aber noch in der Nähe des Elternschlafzimmers mit zunehmendem Alter wächst auch der Wunsch des Jugendlichen, sich immer mehr von den Eltern zu entfernen. Das heißt, damit einhergehen sozusagen auch dieser Verlust von elterlicher Kontrolle. Also am besten wäre das Zimmer für den Jugendlichen möglichst neben dem Eingang situiert. Und irgendwann verlassen uns die Kinder. Plötzlich haben wir leere Räume in unserem Wohnungsverband. Und später kommen dann wir selber in eine Position oder eine Situation, wo wir unter Umständen gebrechlich werden, wo wieder andere Anforderungen an die Räume sozusagen gestellt sind. Das heißt, Alle Räume und die ganze Wohnung wäre am besten so flexibel wie möglich zu planen. Das ist natürlich jetzt, wenn wir von einfachen Grundrissen reden, zum Teil ein bisschen ein Widerspruch in sich. Ein gutes Beispiel ist das japanische Wohnhaus, wo extrem viel mit Schiebeben gearbeitet wird und wo man versucht, mit diesen beweglichen Elementen auf unterschiedliche Raumerfordernisse und Ansprüche zu reagieren. Natürlich ist das nicht perfekt, das sind natürlich diese leichten Trennwände. Akustisch ist jetzt nicht das Optimale, aber der Versuch geht dahin und nicht umsonst, weil diese Grundrisse des traditionellen japanischen Hauses ein Vorbild zum Beispiel für die moderne Architektur, sprich Bauhaus und so weiter, also da hat man sich einiges abgeschaut.
Friedrich Idam:
Wie denkst du über Grundrisse, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Großstädten entstanden sind? Also diese, wie es in Wien noch sehr häufig existieren, diese Zimmer-Kuchel-Kabinetttypen, also Kombinationen eines großen Wohnraums mit etwa 5 mal 5 Metern Grundrissfläche, an die dann zwei Räume mit etwa 5 Meter mal jeweils breite 2,5 Meter andocken. Also diese, wo dann eines ein Extrazimmer, das andere die Küche ist, die in dieser Zeit funktioniert haben, als man akzeptiert hat, dass so viele Menschen auf so engen Raum zusammenleben, was man ja heute nicht mehr akzeptiert, aber wo man heute mehrerer solcher Typen wieder zu einer Wohnung kombinieren kann.
Andreas Zohner:
Im Prinzip glaube ich, lassen sich diese Wohnungstypen sehr gut funktionieren. Das Problem war ja bei diesen Wohnungen sehr oft, dass die Nassräume sozusagen gefehlt haben. Das heißt, sehr oft in Wien hat man da von der sogenannten Bassena-Wohnung gesprochen. Das heißt, der Wasseranschluss war im Prinzip im öffentlichen Gangbereich. Zum Teil waren ja die WCs dann für mehrere Wohnungen ein WC, ebenfalls am Gang. Dann ist im Zuge dieser großen Sanierungsmaßnahmen in Wien in den späten 70er Jahren, dieses Assanierungsprogramm, diese Bassena-Wohnungen mit Überförderungen eigentlich vom Substandard immer mehr gehoben und probierten Nassräume in die Wohnungen zu bringen. Was natürlich ein bisschen auf Kosten der ursprünglichen Grundrisse gegangen ist. Weil plötzlich war dann in einer ehemaligen Küche dann die Dusche drinnen und solche Dinge, wo man halt aus heutiger Sicht sagen würde, okay, mit ein bisschen mehr Aufwand hätte man das vernünftiger machen können. Und wenn ich dann Wohnungen zusammenlege, habe ich dann diese Nassräume oft doppelt. Also das ist vielleicht nicht so einfach zum Umsetzen, weil natürlich die ursprüngliche Intention eine ganz andere war, aber eben auf kleinem Raum mit drei Räumen sozusagen die Grundbedürfnisse des Wohnens zu erfüllen. Das jetzt einfach zu addieren, ist meistens schwierig.
Friedrich Idam:
Ein ähnlich einfacher Typus, der mir einfällt, und du hast dich ja mit diesem Thema sehr intensiv beschäftigt, das sind Arbeiterwohnhäuser im ländlichen Bereich, speziell hier im Salzkammergut, wo ja diese Eckflurtypus vorherrscht, wo wir mehr oder weniger einen mehr oder minder quadratischen Gesamtgrundriss des Hauses vor uns haben, in dem der ist dann geviertelt, wir haben dann mehr oder weniger vier Viertel, der übernimmt eben eine Ecke die Eingangssituation und dann werden manchmal ja zwei Quadrate wieder zu einem 1 zu 2 proportionierten Raum zusammengelegt. Wie funktionieren die Typen?
Andreas Zohner:
Im Prinzip übernimmt dann meistens einer dieser kleinen Quadrate die Funktion des Verteilers. Man hat dann zum Teil die Verkehrsfläche relativ groß eigentlich über diesen Verteilerraum, wobei man nicht zusätzliche Funktionen bekommen hat. Also das heißt, dieser Verteilerraum war nicht eben nur Gangfläche, sondern hat zusätzliche Funktionen gehabt. Und da hat man eigentlich auf wirklich sehr engen Raum trotzdem relativ hohe Qualität, Wohnqualität eigentlich zusammengebracht, Wobei man ja dann dazusagen muss, dass diese ganzen Arbeiter-Häuser natürlich auch noch von einer anderen Qualität leben. Und das ist sozusagen dieses gemeinschaftliche Übergeordnete. Das heißt, es hat bei diesen Häusern dann im Freiraum Sachen gegeben, die als Erweiterung des eigentlichen Wohnraums zu sehen sind. Ob das jetzt Hütten sind, die angegliedert wurden, gemeinschaftliche Waschküchen etc. Also all das, was heute unter gemeinschaftlichem Wohnen wieder sozusagen belebt wird, hat es zu dieser Zeit auch schon gegeben und auf eine sehr gut funktionierte Art und Weise eigentlich.
Friedrich Idam:
Also wo sie letztlich auch wieder eine Sozialstruktur in der Grundrissstruktur, aber eben nicht nur der Grundriss des Hauses selbst, sondern eine erweiterte Situation mit Freiräumen und kleineren Nebengebäuden, wo dann gewisse Funktionen wie eben das Waschen, möglicherweise auch das Baden oder die Körperreinigung in einen eigenen Bereich ausgehen. Wenn jetzt jemand zu dir kommt und du mit deiner langjährigen Erfahrung die Frage beantworten solltest, wie soll ich den Grundriss gestalten, wie groß oder klein soll er sein? Was wäre da so deine erste Antwort oder deine erste Empfehlung?
Andreas Zohner:
So groß wie nötig und so klein wie möglich. Das ist natürlich eine ganz schwierige Frage und das wird jetzt bei zehn verschiedenen Bauherren zehn verschiedene Lösungsansätze geben. Es ist vielleicht, wenn man ein bisschen so einen Blick in die Statistik wirft, dann hat vor circa 30 Jahren der Durchschnittswunsch an die Größe eines Wohnzimmers so 25 bis 30 Quadratmetern. Heute sind wir bei 35 bis 40 Quadratmeter. Und es ist natürlich vollkommen logisch, dass mit dem Zuwachs des Wohlstandes automatisch der Wunsch nach größeren Wohnungen entsteht. Aber gleichzeitig muss man sich natürlich bewusst werden, dass das nach oben hin irgendwann einmal, wenn wir zu einer Grenze kommen. Wir können nicht diese Ressource an Wohnraum, die wir haben, einfach nach oben hin erweitern ins Endlos, ich sage jetzt einmal. Es macht auch keinen Sinn. Wenn man jetzt ehrlich ist, was bewohnt man in einer Wohnung wirklich? Da muss man sich dann wirklich diese Bauherdenwünsche oft hinterfragen. Und dann kommt man oft in einem Gespräch eigentlich auf das Wesentliche.
Friedrich Idam:
Also eigentlich in mehreren Schleifen des Denkens die eigenen Wünsche möglichst zu reduzieren und wirklich zu dem, was du vorher genannt hast, dieses so klein wie möglich eigentlich anstreben.
Andreas Zohner:
Ich glaube, es braucht dann oft diese Frage von außen. Also wenn zum Beispiel Ehepaar zu mir kommen, dann mache ich das oft so, dass ich, die beide auffordere sozusagen bis zum nächsten Gespräch für sich, jeder für sich, unabhängig von dem, was man miteinander zuerst für den Architekten sozusagen vorformuliert hat, für sich noch einmal die eigene Wunschvorstellung aufzuschreiben, stichwortartig auf einem A4-Zettel. Und beim nächsten Gespräch trifft man sich und jeder tragt das für sich vor und dann plötzlich kommen komplett kontroverse Wünsche hervor, und wenn man es dann hinterfragt, dann kommt man eben wieder auf einen gemeinsamen Nenner, der aber oft eine Reduktion dieser beiden ist. Und das ist dann oft ein sinnvoller Schritt, weil man natürlich dann unnötige Flächen, die zuerst einmal jeder für sich gefordert hat, hinterfragt hat und dann vielleicht auch darauf verzichten kann.
Friedrich Idam:
Danke.