Simple Smart Buildings

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Friedrich Idam:

Simple Smart Buildings. Zu Gast ist wieder Günther Kain und ich muss gestehen, wir haben uns heute nicht auf den Podcast vorbereitet. Wir beginnen ganz spontan. Günther, welches Thema, denkst du, könnte unsere Hörerinnen und Hörer interessieren?

Günther Kain:

Mir ist noch ein Gedanke gekommen zu unserem letzten Podcast, wo wir über Holztrocknung gesprochen haben. Und da ist mir noch so gekommen, was vielleicht hilfreich sein könnte, dass bei dieser Art der Holzverwendung, also dass man sozusagen Holz irgendwo gewinnt, es dann fachgerecht schlägert, bringt, zum Sägewerk schafft, es einschneidet, trocknet, dass da Holzqualitäten ja unterschiedlichster Güte anfallen. Und ich denke, hier gibt es eine Diskrepanz zu dem, wie heutzutage industriell oder halbindustriell mit Holz gebaut wird, wo man im Regelfall nur die entsprechenden Topholzqualitäten verwendet. Sei es in Form eines Leimbinders, einer Dreischichtplatte, Konstruktionsvollholz, was da alles im Handel angeboten wird. Wenn man jetzt in dieser Small-Scale-Lösung mit Holz arbeitet, hat man ja neben den hochwertigsten Sortimenten auch weniger hochwertige. Und ich denke... Es wäre interessant für unsere Hörerinnen und Hörer darüber nachzudenken, wie man Holz unterschiedlichster Qualität in einem Simple Smart Building zum Einsatz bringt.

Friedrich Idam:

Also mir ist da jetzt ein Vergleich spontan eingefallen, wie du das jetzt dargestellt hast, nämlich in der Fleischverarbeitung, dass es eben einerseits die Hausschlachtung beim Bauern gibt, wo dann vom Schlachttier eigentlich alles anfällt. Vom Blut bis zu den Innereien und das wird ja dann alles verarbeitet, eben diese unterschiedlichen Qualitäten und im Gegensatz zum Fleischangebot im Supermarkt, wo dann eben nur noch ganz bestimmte Stücke. Also ich denke, das ist eine spannende Parallele.

Günther Kain:

Und es nämlich, das gehört ja jetzt im Fall von Holz auch dazu, es deutlich mehr Know-how braucht, etwas minderwertigeres Holz trotzdem hochwertig zu verbauen.

Friedrich Idam:

Wobei ich denke, man sollte da durchaus vorsichtig sein mit den Begriffen hochwertig und minderwertig. Da ist ja schon eine gewisse Wertung dabei. Ob es nicht besser wäre, von Unterschieden zu sprechen?

Günther Kain:

Ja, du hast definitiv recht, denn die Wertigkeit, das ist ja dann vom Einsatzort und der Bestimmung abhängig.

Friedrich Idam:

Also für mich gibt es da diese klassische Tischler-Konstruktion der Rahmenkonstruktion. Es gibt ungefähr kulturgeschichtlich etwa seit der Gotik im Möbelbau eine Konstruktionsform, die Rahmenbauweise, wo, wie der Name sagt, ein Rahmen konstruiert wird und in diesen Rahmen ist dann eine Füllung eingefügt. Und es ist traditionellerweise so, dass man Rahmen und Füllung aus unterschiedlichen Stellen des Baumes, der Rahmen wird aus einem Holz gefertigt, das eher im Kernbereich vorkommt, wo das Brett, oder der Pfosten sogenannte stehende Jahresringe besitzt, während die Füllung aus Material gefertigt wird, welches eher am Rande des Baumes herausgesägt wird, sogenannte Seitenware. Das Holz aus der Kernzone hat die Qualität, dass es sehr formstabil ist, also für den Rahmen gut geeignet ist, Während das Holz aus der Randzone des Baumes zwar nicht so formstabil ist, aber von der Holzzeichnung, von der Textur her, ein wesentlich interessanteres Bild ergibt. Und wenn jetzt jede Holzseite, und dazu kommt ja noch, das Kernholz kommt in geringerer Menge vor, die Seitenware in größerer Menge, für den Rahmen, für die Rahmenkonstruktion braucht man weniger Holz, für die Füllung mehr, sodass eigentlich dann jedes spezielle Holz genau dort eingesetzt ist, wo es seinen Zweck ideal erfüllt.

Günther Kain:

Ja, da stimme ich dir zu. Das geht ja dann auch weiter, wo manchmal von Holzfehlern gesprochen wird, wo ich den Terminus Holzmerkmale bevorzuge. Ich nehme beispielhaft einen Ast her. Der kann jetzt für manche Anwendungen nachteilig sein. Wenn ich zum Beispiel zugbelastete Zonen in einem Kantholz betrachte, so stört der Ast in gewisser Weise die Kraftübertragung. Die Belastbarkeit ist geringer. Wenn ich nun aber das erkenne an einem Kantholz und zum Beispiel bei einem auf Biegung belasteten Träger den Ast in die Druckzone bringe.

Friedrich Idam:

Also im Regelfall ist es bei einem Träger auf zwei Stützen an der Oberseite.

Günther Kain:

Dann ist plötzlich die Auswirkung dieses Astes bei weitem nicht mehr so tragisch bis unerheblich.

Friedrich Idam:

Beziehungsweise besser, weil ja vermutlich der Ast durch seinen höheren Spätholzanteil druckbelastbarer ist als Standardholz.

Günther Kain:

Und es gibt ja viele solche Anwendungen, wo man zum Beispiel früher für die zentrale Stuhlsäule eines Kirchturms drehwüchsiges Holz einsetzte, das dann bei der Trocknung dieser Stuhlsäule zu einer Verwindung des Dachstuhls führte, wo plötzlich ein meist nicht gewünschtes Holzmerkmal, nämlich der Drehwuchs, zu einem elementaren Bauteil wird.

Friedrich Idam:

Und letztlich durch die Torsionskräfte, die dieser Bauteil durch die Trocknung ganz natürlich entwickelt, die Zimmerungskonstruktion auf natürliche Art und Weise verspannt wird. Du hast vorher eben den Gedanken formuliert, dass dieses Wissen um die jeweiligen Besonderheiten, ich bin mir jetzt da nicht sicher, wenn ich den Begriff Holzsortimente verwende, stimmt ja das eigentlich nicht.

Günther Kain:

Stimmt es eigentlich nicht. Ja, es sind Schnittholzsortimente. Ich denke, dieser Ausdruck ist zumindest jetzt in Ordnung, wenn man Kernware und Seitenware unterscheiden will. Was jetzt die Behaftung mit Holzmerkmalen anbelangt, ist es meistens eine Schnittholzgüteklasse, die damit gemeint ist. Weil zum Beispiel, also es gibt da die österreichischen Holzhandelsusancen und da ist beispielsweise für die höchste Qualitätsstufe nur eine maximale Anzahl von bestimmten Ästen zulässig.

Friedrich Idam:

Wobei ja die Äste, wenn man so eine kurze Kulturgeschichte des astigen Holzes zeichnen würde, ich kenne schon aus der Renaissance Zirbenstuben, wo eben Stuben aus Zirbenholz Vertäfelungen besitzen und beim Zirbenholz war eigentlich seit dieser Zeit die Astigkeit, die vielen Äste, diese vielen kreisförmigen Äste der Zirbe eigentlich immer schon ein Qualitätsmerk. Dann gab es Zeiten, so gegen Ende des 20. Jahrhunderts, 1960er, 70er Jahre, da galt astiges Holz als besonders minderwertig, die Äste wurden sogar ausgebohrt und künstlich kaschiert. Zu Beginn der 2020er Jahre ist es eher so, dass astiges Holz zum Beispiel für Fußböden, für Landhausdielen ja durchaus wertgeschätzt wird. Also jetzt jenseits von technischen Merkmalen einfach als ästhetisches Merkmal.

Günther Kain:

Das hat sicher auch mit Werthaltung zu tun und scheint auch Modezyklen unterworfen zu sein. Was ich vielleicht vom Beginn kommend noch anbringen möchte, es ist auch wichtig zur Kenntnis zu nehmen, dass man nicht für jede Anwendung die Top-Qualität braucht. Ich gebe ein Beispiel, gerade bei Windwurfholz, also Holz, das nach Windwurfereignissen vorhanden ist in großen Mengen.

Friedrich Idam:

Das ist durch das Umknicken, durch das Sturmereignis,

Günther Kain:

Die Risse und oft dann auch den Borkenkäferbefall mit folgender Verblauung des Holzes. Und wenn ich das jetzt hernehme, so ist der Pilzbefall, die Verblauung, zwar unter Umständen eine ästhetische Einschränkung, hat aber keine Festigkeitsrelevanz. Das heißt, ich kann solch astiges Holz ohne weiteres für nicht sichtbare Verschalungen beispielsweise einsetzen, die vielleicht auch statisch gar nicht belastet sind und so kann ich dann trotzdem die Ressource wieder gut ausnutzen.

Friedrich Idam:

Es könnte ja sogar sein, aber da komme ich natürlich ins Spekulieren, dass in einer Zeit der immer knapper werdenden Ressourcen es möglicherweise vom ästhetischen Anspruch durchaus möglich sein könnte, dass man ganz bewusst so gebläutes Holz bewusst zeigt im sichtbaren Bereich, um zu demonstrieren, Ich verwende oder ich beanspruche für mein Haus nicht mehr die Top-Qualität, sondern ich gebe mich mit einer zumindest optisch nicht mehr so attraktiven Qualität zufrieden und genau durch diese Handlung wird auf einmal das, was bisher als optisch unattraktiv galt, könnte optisch attraktiv werden.

Günther Kain:

Ja, natürlich. Und das hat dann auch ein bisschen damit zu tun, dass man sich von Vorurteilen löst. Beispielsweise die Tanne. Tannenholz ist unter Tischlern und Zimmerern noch immer als minderwertig verschrien. Das hat historische Gründe. Die aber weitgehend weggefallen sind, also das Gewicht beispielsweise, die unerwünschte Farbe, die vielleicht etwas erschwerte Bearbeitbarkeit. Der Geruch. Der Geruch. Alles Dinge, die manchmal ihre Berechtigung haben können, wenn ich aber zum Beispiel eine Holzkonstruktion errichte, weitgehend unbedeutend sind.

Friedrich Idam:

Ich kenne den Einsatz von Tannenholz für Pfahlgründungen im Wasserbau. Da spricht man ja von sogenannten Wassertannen, also das sind Tannenstämme von Standorten, wo es eigentlich sehr feucht war. Und diese Wassertannen wurden und werden jetzt bei Pfahlgründungen, wenn eben im Uferbereich Pfähle geschlagen werden, werden bevorzugt solche Wassertannen verwendet, weil die eine ähnlich gute Lebensdauer als etwa das Lerchenholz besitzen. Der Gedanke für Simple Smart Building, Holz wirklich so zu verwenden, wo das jeweilige Schnittholz-Sortiment ideal eingesetzt ist, erfordert zwar einerseits ein Wissen um die einzelnen Qualitätsmerkmale, um die einzelnen Eigenschaften dieser Sortimentsklassen, andererseits gelingt es aber dann wirklich den ganzen Baum zu verwenden. Das geht ja bis zu den Randabschnitten, den sogenannten Schwartlingen. Das sind ja die Stücke, die ganz am Rand des Stammes gesägt wurden, die besitzen nur eine gerade Schnittfläche und dann eine Zylinderfläche mit der Leitkurve eines Kreisbogens. Und die werden ja im Regelfall in den Häcksler gegeben und eigentlich zu Hackschnitzel verarbeitet. Aber die kann man ja zum Beispiel ideal als Fassadenverkleidung verwenden.

Günther Kain:

Ja, ich kenne es auch als Zaunmaterial, wo diese Schwartlinge eingesetzt wurden und an der Fassade. Man kann natürlich jetzt über die optische Wahrnehmung, über das Aussehen diskutieren, aber wie du vorhin angedeutet hast, vielleicht wird das auch plötzlich ein Qualitätskriterium und vielleicht sogar auch nicht mehr gewünscht, die hochwertigsten Lerchenbretter an die Fassade zu schrauben.

Friedrich Idam:

Das heißt, es gibt auch hier keine absoluten Wertigkeiten, sondern immer nur relative Wertigkeiten, die in Relation zum Zeitgeist stehen. Und so wie sich der Zeitgeist ändert, ändert sich die Verwendung. Das ist aber, denke ich, eher im ästhetischen Bereich. Und dann gibt es diese Hard Facts, die naturwissenschaftlich sind. Und da gilt es, denke ich, möglichst gut zu erforschen, was die jeweiligen Besonderheiten sind und dann das Holz möglichst optimal einzusetzen. Und in dieser Forschung sehe ich zwei Wege. Das eine ist der Weg, den du verfolgst, die naturwissenschaftliche Forschung. Und der andere, den eher ich verfolge, das ist das kulturwissenschaftliche, das ist das Erfahrungswissen, wie wurde das Holz früher eingesetzt. Und ich denke, in dieser Kombination dieser beiden Disziplinen, einerseits Erfahrungswissen, andererseits naturwissenschaftliche Forschung, aus dieser Kombination ergibt sich meiner Meinung nach eine sehr gute Basis für das Prinzip der Simple Smart Buildings.

Günther Kain:

Ich stimme zu.

Friedrich Idam:

Danke.

Über diesen Podcast

Simple Smart Buildings steht für Gebäude die einfach und dauerhaft gebaut sind. Für die Generationen vor uns war es ganz normal mit einfachen Mitteln dauerhafte Gebäude zu errichten. Diese Art zu bauen hat sich über Jahrhunderte bewährt und wir können daraus lernen. In den verschiedenen Regionen entwickelten sich aus lokal vorhandenen Baustoffen resiliente Baukonstruktionen und Gebäudetypen, welche Jahrhunderte überdauert haben und gerade deshalb immer noch eine hohe Nutzungsqualität bieten. Dieser Podcast erzählt von Möglichkeiten einfach gut zu bauen.
Ab Folge 140 ist für jede Episode ein redaktionell bearbeitetes Transskript hochgeladen.

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von und mit Friedrich Idam und Günther Kain

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