Simple Smart Buildings

Simple Smart Buildings

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Wenn ich mir zeitgenössische Bauten ansehe, fällt mir oft die große Genauigkeit auf. Eine große Genauigkeit bei der Ausführung von senkrechten Wandflächen, eine große Genauigkeit bei der Ausführung der horizontalen Bodenflächen, eine große Genauigkeit bei der Ausführung der rechten Winkel.

Und dann denke ich mir, ist es wirklich das, was Qualität ausmacht? Ist das immer so entscheidend, um es messen zu können, um dann in einem Streitfall mit einer ausführenden Firma sagen zu können, das ist nicht 100% Lotrecht, dieser Winkel ist kein rechter Winkel. Und dann merke ich oft, solange die Baueinzelteile industriell gefertigt sind, wie zum Beispiel Steinverkleidungen, die maschinell kalibriert worden sind; Die sind ja hochpräzise in der Ebene und wenn dann an der Baustelle etwas ausgebessert, angepasst werden muss und dann mit einem Winkelschleifer etwas heruntergeschliffen wird, ist das dann im Verhältnis zur industriellen Genauigkeit dieser Bauteile sehr ungenau und es entsteht damit für mich ein Spannungsfeld. Wenn ich mir dagegen historische Gebäude ansehe, die in erster Linie handwerklich ausgeführt worden sind, so sind die nicht so genau.

Da variieren die Winkel, da sind die Grundrisse sehr oft trapezförmig. Es ist eher eine Tendenz zu stumpferen Winkeln, also Winkel jenseits der 90 Grad, so zwischen 92 und 110 Grad. Es sind oft Räume nicht viereckig, sondern mit einem leichten Knick in einer Wand fünfeckig. Das heißt, die Räume werden dann weicher, hüllen die Benutzer besser ein und bei Wänden fällt mir bei historischen Gebäuden sehr oft auf, dass die aus der Lotrechten fallen. Das heißt, dass die Wand nach oben hin etwas zurückweicht, was einerseits rein optisch dem Gebäude mehr Standsicherheit verleiht, aber auch durch die perspektivische Wirkung, durch dieses ja tatsächlich nach oben Verjüngen auch eine scheinbare perspektivische Verjüngung entsteht, die dann rein optisch als Überhöhung wirkt. Ich denke, dass diese Ungenauigkeiten, die sich aus dem Handwerklichen ergeben, keineswegs etwas Wertminderndes darstellen. Ich bin ganz im Gegenteil davon überzeugt, dass diese Ungenauigkeiten einfach menschliches Maß besitzen. So wie wir alle ja auch nicht präzis, symmetrisch und rechtwinkelig sind, so denke ich auch, sollten die Häuser, die wir benutzen, die Häuser, die uns umgeben, ja auch nicht diese harte Genauigkeit verlangen, die wir selbst gar nicht besitzen. Und aus diesem Grund denke ich mir, dass der Wohlfühlfaktor im Nicht-so-Genauen, im Unperfekten ein wesentlich größerer ist, als wenn wir in einem so perfekten Raum sind, der uns eine so hohe Vorgabe gibt, der für uns in unserer Unvollkommenheit die Latte so hoch legt, dass wir uns in dieser Perfektion gar nicht mehr so richtig wohl fühlen.

Über diesen Podcast

Simple Smart Buildings steht für Gebäude die einfach und dauerhaft gebaut sind. Für die Generationen vor uns war es ganz normal mit einfachen Mitteln dauerhafte Gebäude zu errichten. Diese Art zu bauen hat sich über Jahrhunderte bewährt und wir können daraus lernen. In den verschiedenen Regionen entwickelten sich aus lokal vorhandenen Baustoffen resiliente Baukonstruktionen und Gebäudetypen, welche Jahrhunderte überdauert haben und gerade deshalb immer noch eine hohe Nutzungsqualität bieten. Dieser Podcast erzählt von Möglichkeiten einfach gut zu bauen.
Ab Folge 140 ist für jede Episode ein redaktionell bearbeitetes Transskript hochgeladen.

Feed-URL
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von und mit Friedrich Idam und Günther Kain

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