Simple Smart Buildings

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Wohnen mit der Natur – wohnen lernen von der Natur

Bauen lernen von der Natur. Das Bauen des Menschen ist ja durchaus dem der Tiere ähnlich.

Es gibt ein sehr schönes Bild vom Nest, das der französische Wissenschaftler Jules Michelet im 19. Jahrhundert in L’Oiseau („Der Vogel“) entwickelt hat. In diesem Bild beschreibt Michelet den Vogel als einen Baumeister ohne Werkzeug. Er formt mit seinem Körper das Nest – aus der Gestalt des Körpers entwickelt sich die Gestalt der Wohnung.

Auch im menschlichen Bauen gibt es noch Arbeitstechniken, bei denen wir mit unserem Körper formen. Ein schönes Beispiel ist der traditionelle Lehmbau: Die Aufbereitung des Lehms und das Durchmischen mit dem organischen Zuschlagstoff (den Fasern, dem Stroh) erfolgt mit den Füßen, die Verarbeitung des Lehms mit den Händen. Es gibt kein dazwischenliegendes Werkzeug – wir formen direkt mit unserem Körper, so wie der Vogel das Nest formt.

Eine sehr schöne Analogie ist die Idee der Bricolage (auf Englisch „tinkering“, also Basteln). Was macht der Vogel? Er sucht zum Bau des Nestes verschiedene Bauteile, die in der Natur herumliegen, trägt sie zum Nest und bastelt aus dem Vorhandenen ein Nest.

Es gibt auch im städtischen Bereich Vogelnester, in die industrielle Abfallstoffe eingebaut sind – Drähte, Kunststoffteile. Der Vogel betreibt dann Urban Mining und Urban Tinkering. Das Tier lebt etwas vor, was bei uns erst langsam in den Trend kommt: das Recycling, die Wiederverwendung.

Betrachtet man das Vogelnest genauer in seiner Struktur, gibt es eine Hierarchie in der Bauteilgröße. Zunächst werden mit gröberen Bauteilen die äußere Struktur errichtet. Nach innen wird es immer feiner, weil der Vogel bestrebt ist, für seine Jungen und die Brut das Nest entsprechend gut auszupolstern. Innen liegt Moos.

Dieses Ausstopfen mit Moos findet man auch im Sockelmauerwerk der Almhütten. Bei den Almhütten wird der Sockel aus Trockenstein-Mauerwerk errichtet. Damit dieses Mauerwerk winddicht wurde, wurde es traditionell mit Moos ausgestopft – und zwar mit einer ganz bestimmten Moosart, dem sogenannten Sphagnum (Torfmoos).

Dieses Sphagnum besitzt sogenannte Hyalinzellen. In der Wintersituation nimmt das Moos die Feuchtigkeit schadfrei auf, quillt auf und dichtet die Fuge stärker ab. Umgekehrt wird im Sommer die Fugenluft durchlässiger. Wir haben hier ein faszinierendes natürliches Sensor-Aktor-System.

Das ist eine uralte menschliche Kulturtechnik. Ich habe manchmal die Idee, dass wir das gar nicht neu gelernt haben, sondern dass wir es aus unserer tierischen Vergangenheit in unsere menschliche Gegenwart mitgenommen haben – wie die Tiere.

Fünf Gedanken zu Archetypen des BauensIdee und Produktion: Lothar BodingbauerGesprochen hat Friedrich Idam

Die nächste Folge: Hülle – Kokon – Gehäuse

Über diesen Podcast

Simple Smart Buildings steht für Gebäude die einfach und dauerhaft gebaut sind. Für die Generationen vor uns war es ganz normal mit einfachen Mitteln dauerhafte Gebäude zu errichten. Diese Art zu bauen hat sich über Jahrhunderte bewährt und wir können daraus lernen. In den verschiedenen Regionen entwickelten sich aus lokal vorhandenen Baustoffen resiliente Baukonstruktionen und Gebäudetypen, welche Jahrhunderte überdauert haben und gerade deshalb immer noch eine hohe Nutzungsqualität bieten. Dieser Podcast erzählt von Möglichkeiten einfach gut zu bauen.
Ab Folge 140 ist für jede Episode ein redaktionell bearbeitetes Transskript hochgeladen.

Feed-URL
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von und mit Friedrich Idam und Günther Kain

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