(CW) Constance Weiser
(IN) Iris Nöbauer
(FI) Friedrich Idam
(FI) Heute zu Gast bei Simple Smart Buildings sind Constance Weiser und Iris Nöbauer. Beide haben Architektur studiert und beide sind im Vorstand des Vereins der Initiative Gemeinsam Bauen und Wohnen. Samstag, dem 26.09. ist der Tag der offenen Wohnprojekte. Was erwartet die Besucher bei diesem Tag? Was kann man da sehen?
(CW) Ja, danke für die Einladung zuallererst. Der Tag der offenen Wohnprojekte ist eine Kooperation mit all den über 50 beteiligten Wohnprojekten. Es sind auch über zehn Baugruppen dabei, die noch in Entstehung und in der Planung oder Entwicklung sind. Aber bei den schon fertigen Projekten kann man einfach vorbeikommen, eine Führung bekommen oder je nachdem, was sich das jeweilige Projekt einfallen hat lassen, auch in Austausch gehen mit den Bewohnenden, vielleicht ein Video oder einen Film anschauen oder auch Kaffee und Kuchen gemeinsam essen. Also das ist total unterschiedlich. Manche feiern auch sonstige Jubiläen. Und das heißt, im Prinzip kann man sich selber aussuchen, welches Projekt interessiert mich am meisten, welches ist bei mir in der Nähe, weil das wird in ganz Österreich sein, wo halt Wohnprojekte sind.
(FI) Und gibt es für Interessierte eine Website, wo diese Projekte zu besichtigen sind und um welche Uhrzeit von wann bis wann?
(CW) Also wir haben die Kernzeit wahrscheinlich eher am Nachmittag, aber im Prinzip sind die Zeiten individuell unterschiedlich von Projekt zu Projekt und man kann das alles nachschauen auf der Webseite von der Initiative Gemeinsam Bauen Wohnen unter inigbw.org.
(FI) Ich stelle den Link dann in die Show Notes zu dieser Episode. Iris, was sieht man in Oberösterreich an Projekten?
(IN) In Oberösterreich ist einmal das Co-Housing in der Holzstraße dabei. Das ist zentral in Linz gelegen. Ein Projekt in der Stadt, relativ neu. 2023 sind die Leute eingezogen. Ich habe das Glück gehabt, dass ich da mitentworfen habe im Architekturbüro - beim Gernot Fritz war ich da angestellt. Und dann gibt es noch weiter außerhalb gelegen das GENAWO in Garsten, das ist in der Nähe von Steyr. Und neu dazu gekommen sind das Waldeck in Traunkirchen, nicht so weit weg von Hallstatt.Und der Belehof in Rutzenmoos, das ist in der Nähe von Regau. Das sind jetzt die ersten vier, die schon umgesetzt worden sind, die mir einfallen. Und dann gibt es auch noch zwei, drei Baugruppen, die sich wahrscheinlich im Co-Housing in der Holzstraße vorstellen werden.
(FI) Ich kenne ja ein solches Wohnprojekt relativ gut, in dem wohnt meine Tochter. Da gibt es auch schon eine Episode dieses Podcasts zu diesem Wohnprojekt. Und da ist es ja schwerpunktmäßig das gemeinsame Wohnen. Das Bauen hat damals in erster Linie eine Baufirma erledigt. Ich finde es sehr spannend, dass ihr im Namen eurer Initiative das Bauen vor dem Wohnen stehen habt. Es ist natürlich im Projektablauf - sollte zuerst gebaut und dann gewohnt werden. Aber steht das auch bei euch in der Bedeutung vorne oder gewinnt das gemeinsame Bauen in letzter Zeit mehr an Bedeutung?
(CW) Im Prinzip ist es natürlich auch dem geschuldet, dass man für diese Anfangsphase einfach Baugruppe sagt. Und es geht darum, dieses gemeinsame Bauen nicht unbedingt immer im Handanlegen gemeinsam ist, das gab es auch immer wieder, aber es geht um diese gemeinsame Planung. Das heißt die Entwicklung und die Konzeption dessen, was dann dort stattfinden soll, findet gemeinschaftlich statt. Also das heißt, es gibt dann Vertreter aus der Gruppe, die wahrscheinlich in einer entsprechenden Arbeitsgruppe sitzen, um dann die Kommunikation mit den Planenden, mit den Fachplanern, Architektinnen und Co. aufrechtzuhalten, damit das, was dann rauskommt, wirklich mehr oder weniger den Vorstellungen und Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe entspricht. Und deshalb ist dieses gemeinsame Bauen halt ein vorwiegend gemeinsames Planen. Aber es gibt durchwegs Projekte, die auch dieses Bauen mittlerweile stärker wieder in den Fokus nehmen. Und das kommt dann darauf an, ist es ein Bestandsobjekt, wo man halt einfach ausbaut und vielleicht selber Hand anlegt, so wie eines der ganz frühesten, wie das ökotopische Zentrum in Maria-Lanzendorf. Oder ist es quasi im Ausbau, also sprich in der Phase, wo dann die Statik und alles fertig ist, wo jemand gerade stehen muss dafür, dass das dann auch wirklich stehen bleibt. Wenn das dann schon da ist und es um die Finalisierung oder um den Lehmputz oder sonstige Sachen geht. Also das sind vor allem die Projekte, die dann ökologische Materialien einsetzen wollen, wie Lehm oder Holz und so weiter, die dann oft einmal solche gemeinsamen Workshops mit hineinnehmen in diese Finalisierungsphase, weil dieses gemeinsame Tun natürlich extrem gemeinschaftsbildend ist. Man erlebt sich dann nicht nur im Konzipieren und schaut, was das dann alles werden soll, sondern dieses Handanlegen hat nochmal eine andere Qualität und die ist sehr verbindend.
(FI) Meine Frage hatte natürlich auch einen praktischen Hintergrund, denn angesichts der aktuell immer stärker steigenden Preise fürs Bauen…, denke ich, dass das gemeinsame Handanlegen eben nicht nur diese, positiven Komponenten für das Teambuilding und für die Entwicklung der Gemeinschaft besitzt, sondern auch wirklich ganz pragmatisch Kostensparen helfen kann. Iris, du bist ja vordergründig jetzt handwerklich tätig, du arbeitest sehr viel mit Lehmputz. Wie erlebst du aktuell die Situation? Wird dieses Selbermachen aus diesem pragmatischen Zugang heraus eher jetzt mehr nachgefragt? Welche Trends beobachtest du da?
(IN) Ja, also ich kann das schon bestätigen. Wir haben immer wieder Projekte, wo die Leute selber auch Hand anlegen wollen. Und jetzt gerade haben wir beim Belehof tatsächlich in diesem gemeinschaftlichen Wohnprojekt einen Lehmputz ausgeführt, wo die Bewohner und Bewohnerinnen selber mitgearbeitet haben. Also die 13-Jährige hat ihr eigenes Zimmer verputzt. Es war super spannend mitzugestalten und mit ihnen gemeinsam zu arbeiten. Aber natürlich ist es auch ein Kostenfaktor, der da berücksichtigt worden ist, dass sie selbst mitgearbeitet haben, die Eigenleistung erbracht haben und so sozusagen wir als Firma weniger Arbeitsstunden verbraucht haben.
(CW) Es geht ja nicht nur um die Errichtungsphase, sondern wenn ich da selber mitgewirkt habe, dann habe ich eine ganz andere Wertschätzung, weil ich weiß, wie viel Arbeit da drinsteckt und man dann nachher auch besser aufpasst. Also das ist ein generelles Phänomen, dass die Leute, die in solchen Projekten wohnen, viel stärker das Gefühl haben, das ist ihres und da passe ich darauf auf, wie in meinen eigenen vier Wänden, auch auf das Gesamte. Aber wenn ich das Ding eben auch noch mitgebaut habe, dann ist diese Wertschätzung noch viel stärker. Und bei einem Material wie Lehm kann ich das ja auch reparieren. Relativ viel einfacher als alles andere, weil beim Maurerputz, da tut man sich schon härter, es geht auch. Aber mit einem Lehm, den kann ich ja immer wieder praktisch nachbearbeiten. Und dieses Sanieren und Instandhalten ist ja spätestens nach 20 - 30 Jahren ein massives Thema, das in jedem Projekt stattfinden sollte. Und wenn ich weiß, wie das geht und wie das gefügt und zusammengestellt ist und so weiter, dann kann ich auch selber mal einfach, dies oder jenes erledigen, ohne dass ich jetzt sofort irgendwen von außen dazuholen muss und mir dabei die ganze mühsame Telefoniererei und dann Abrechnung und so, sondern ich mache das selber. Und das passiert in den meisten Projekten einfach, da ist dieses Verantwortungsgefühl für das Projekt so hoch, da geht irgendwas kaputt, dann repariert man es, bevor man sich jetzt irgendwie an die Hausverwaltung oder sonst wen wendet, weil man das einfach schneller erledigt haben will und damit, sind diese Projekte ganz anders unterwegs.
(FI) Und spart damit natürlich auch erhebliche Kosten, letztlich Wohnkosten im Gebäudebetrieb. Also ich habe das eben in dem bereits erwähnten Projekt mitbekommen, dass man für eine sehr hohe Lebensqualität eine relativ geringe Miete zahlt, weil eben so viele Dinge nicht von außen zugekauft werden, sondern die Leistungen von dieser Gemeinschaft, vom Wohnprojekt selbst erbracht werden. Vielen Dank. Da sind wir jetzt quasi ja schon in der Laufphase des Wohnprojekts. Du hast dich Constance, schon jahrelang mit diesem Thema beschäftigt und bist aktiv in diesem Thema. Du hast in diesem Bereich geforscht, schwerpunktmäßig auch im soziologischen Bereich, wie funktioniert dieses Zusammenleben zwischen den einzelnen Mitgliedern des Wohnprojekts. Aber wenn wir jetzt ganz an den Anfang gehen, jemand interessiert sich für ein Wohnprojekt, wie entsteht ein solches Wohnprojekt?
(CW) Also es gibt viele Wege. Aber im Prinzip geht es meistens von dieser Inspiration oder Motivation aus, dass man merkt, alleine ist es nicht so cool, eine Familie zu sein, weil da ist einfach oft einmal sehr, sehr viel anderes auch noch in dieser Lebensphase zu tun. Oder bei den Älterwerdenden, die merken, die Familienphase ist vorbei, die Freundinnen und Freunde oder wer auch immer, sterben womöglich schon weg im schlimmsten Fall. Man ist also nicht mehr so eingebunden und angebunden und merkt, man will sicher nicht alleine alt werden. Und das heißt, die Motivation ist sehr unterschiedlich. Und im Endeffekt das Wichtigste ist, dass sich die Leute zuerst einmal informieren, was es gibt. Weil es muss nicht jeder das Rad neu erfinden, sondern man darf sich inspirieren lassen und deshalb ist dieser Tag der offenen Wohnprojekte so ein wichtiges Momentum, wo wir gesagt haben, bitte nutzt die Chance! Den besten Einblick kriegt man, wenn man sich solche Projekte anschaut, mit den Leuten redet, die so leben, schaut, wie die ticken. Und es gibt ganz, ganz viele verschiedene Projekte und Ansätze und Motivationen und entsprechend einfach schauen: Will ich Generationen gemischt leben, will ich das lieber mit den Gleichaltrigen? Wobei wir sehr empfehlen, dass es eher die gemischte Variante ist, weil diese Projekte ja dann auch mit den Jahren alle werden älter und wenn das nicht durchmischt ist, dann ist man womöglich irgendwann im „Altersheim“. Also das heißt, es hilft, wenn man sich da quasi regeneriert. Und die Iris kann es vielleicht aus ihrem eigenen Erlebnis noch besser beschreiben.
(IN) Ja, ich bin jetzt 35 Jahre alt und bin in ein Wohnprojekt hineingeboren. Meine Mutter war jetzt gerade bei unserem ersten Netzwerktreffen der Wohnprojekte in Oberösterreich dabei und hat stolz gesagt, sie wird nächstes Jahr 50 Jahre da drinnen wohnen und sie bezeichnet es auch schon liebevolle als „das Altersheim“, weil es hat fast keine Fluktuationen gegeben. Es gibt dort 16 Wohneinheiten und es sind nur in zwei Wohneinheiten jüngere Familien eingezogen. Das heißt, die sind jetzt alle ungefähr 70 plus und haben sogar schon überlegt, ob sie sich gemeinsam eine Wohnung kaufen, damit sie dort einen Pfleger oder eine Pflegerin einquartieren können. Dann hätten sie wirklich ihr Altersheim. Ist ja auch eine Form des gemeinschaftlichen Wohnens. Es gibt Projekte, die sich darauf spezialisiert haben. Wie heißt das Projekt in Wien?
(CW) Es gibt die Kolokations-Projekte, die sind also einfach vorwiegend 50 plus, beziehungsweise den Silberstreif in Salzburg jetzt als ganz neues Projekt, aber es gibt auch das Projekt WOAL, das ist eine Abkürzung für Wohnen ohne Alterslimit. Und das ist faktisch eine Methode, wo die ein spezifisches und extrem ausgeklügeltes Konzept entwickelt haben, dass sie schauen, dass die Leute, die da drinnen sind - und die sollten natürlich auch nicht kurz vorm Abgang einziehen, sondern im besten Fall, solange sie frisch und rüstig sind und sich auch gegenseitig unterstützen können - aber dass im Falle, dass irgendjemand dann doch mehr als Nachbarschaftshilfe braucht, entsprechend geschultes Pflegepersonal dazu geschaltet werden kann. Damit jemand wirklich bis zum Ende in dieser Gemeinschaft bleiben kann. Da sind faktisch sehr solidarische Momente drin, also vom Finanzieren bis zum Wohnen. Das sind so Cluster, wie das in Schweiz ganz üblich ist. Es ist mehr als eine WG, wo man ja nur das Zimmer hat, sondern da ist mehr Privatsphäre. Das ist quasi eine große jeweilige Einheit, wo man seine eigenen vier Wände hat - plus Toilette und Bad. Aber im Endeffekt ist die Infrastruktur des Wohnraumes geteilt. Und es gibt immer wieder so Cluster mit sechs bis acht Einheiten oder so für die Personen, die darin einen gemeinsamen Lebenszusammenhang bilden und dann gibt es mehrere davon im ganzen Haus. Und die haben aber schlauerweise auch eine Koppelung mit dem Gesamtprojekt des Bauträgers gemacht, sodass im Rest vom Haus dann auch noch andere Menschen unterschiedlichen Alters sind, dass sich im besten Fall die Kinder auch dort einfinden können um dort zu leben. Und dann hat man quasi auch wieder die Durchmischung. Das koppeln auch die von Kolokation immer wieder. Und soist dieser Austausch mit Jüngeren dann halt im Nahumfeld gegeben. Vielleicht noch zur Frage dieses Lebens, also prinzipiell, man teilt den Wohnraum nur teilweise. Die meisten Projekte haben eher so Co-Housing-Struktur, dass man sich auch im Alltag ein bisschen unterstützt, zum Beispiel, dass man immer wieder mal gemeinsam kocht oder irgendwas. Da gibt es dann größere Gemeinschaftsräume – oft mit entsprechend ausgestatteten Küchen, wo man Feste feiern kann, die man vielleicht auch vermieten kann nach außen, weil diese weil Gemeinschaftsräume ja nicht rund um die Uhr genutzt sind, sondern wenn sie entsprechend groß sind, natürlich auch für die Nachbarschaft interessant sind, um sich dort zu treffen. Dann brauche ich meinen eigenen Wohnraum nicht so groß gestalten, sondern kann diese geteilten Räume nutzen: Für die Feste bis zu irgendwelchen Besuchen von Verwandten, Bekannten oder sonst wem in der Gästewohneinheit oder ich habe einen Coworking-Space oder ich habe sonst was. Das ist sehr unterschiedlich, aber da kann man einfach durch dieses Teilen von Ressourcen und Räumlichkeiten schon sehr viel sparen. Und dieses Teilen geht dann bis hin zu dem, dass man sagt, es braucht nicht jeder die eigene Waschmaschine oder irgendwelches Werkzeug. Dafür gibt es eine gescheit ausgestattete Werkstätte. Je nach Projekt hat der eine oder andere vielleicht mehr Neigung zu Holz oder sonst irgendwas. Und da wird dann auch wirklich repariert und gebastelt bis hin zu Ausstattung für das jeweilige Projekt. Und damit ist dieses Ressourcenschonen wirklich ein gelebtes Modell. Das geht so weit, dass man auch für Kinder zum Beispiel, weil die schnell rauswachsen aus dem Gewand, das Gewand tauscht. Und da wird auch die Mobilität gemeinsam gelebt: Das heißt, es gibt Carsharing auf allen möglichen Ebenen mit geteilten Autos, die da waren oder mit bewusst gemeinsam gekauften E-Autos oder sonst irgendwas. Das ist auch sehr unterschiedlich, aber das hilft einfach. Wir haben eine Studie gemacht, wo man sieht: in all diesen Projekten - auch im ländlichen Raum, ist das Verhältnis von Autos zu Personen wesentlich geringer. Das heißt, es teilen sich viel mehr Leute ein Auto.
(FI) Also für mich hat sich jetzt im Laufe unseres Gesprächs mein Blick / mein Verständnis für Wohnprojekte geweitet. Ich war quasi geprägt durch mein Erleben des Wohnprojekts B.R.O.T. Kalksburg in Wien, das ja ein relativ großes Wohnprojekt ist, in einem ehemaligen Kloster mit sehr viel Garten, sogar mit einem eigenen Wald. Und natürlich auch mit dieser Altersdurchmischung, die du beschrieben hast. Da ist es wirklich so: der älteste Bewohner ist über 90, dann wohnen meine Enkelkinder dort, aber auch Säuglinge. Und da ist diese ganze Bandbreite, was die Iris erzählt hat: das Projekt, wo ihre Mutter wohnt, wo eigentlich fast lauter gleich alte Menschen wohnen, das war für mich nicht sichtbar. Und auch, was mir die Iris im Vorgespräch erzählt hat, dass es auch Wohnprojekte ganz speziell in Zinshäusern gibt, wo überhaupt kein Garten ist. Also Wohnprojekt ist eigentlich ein sehr, sehr weites Feld.
(CW) Definitiv. Wobei, also diese Zinshäuser, da sind wir gerade dran, dass wir noch mehr entsprechende Häuser finden: Wir haben ein eigenes Forschungsprojekt gemacht und es gab dann eine zweite Nebenschiene als Sondierung noch dazu. Das nennt sich Zinshaus-X-Baugruppe, also Zinshaus-mal-Baugruppe: Wo wir versucht haben, Eigentümer von entsprechenden Objekten anzusprechen. Es muss nicht immer nur ein Zinshaus sein, aber da wir in Wien gestartet haben, war das jetzt naheliegend, diese Gründerzeithäuser herzunehmen, die extrem eine tragfähige Struktur haben, die sehr viel Flexibilität bietet. Und die Leute , die so ein Haus haben, haben oft nicht das Geld, das sinnvoll zu sanieren. Mit entsprechendem Leerstand oder Aufstockungsmöglichkeiten wäre es ideal, dass sie sagen, okay, wir öffnen uns soweit, dass wir Leute hereinholen, die gemeinschaftlich wohnen wollen. Da gibt es viele, ich gehöre auch dazu, die bereit sind, in der einen oder anderen Form mitzuwirken bei der Sanierung oder auch mitzuzahlen - je nachdem, ob der/die Eigentümer das im Eigentum erhalten wollen oder ob in einem Baurecht vergeben oder halt verkaufen, vielleicht an ein habiTAT-Projekt, wo die Leute dann quasi die Eigenverantwortung übernehmen. Und wir haben jetzt ein Follow-up Projekt bewilligt bekommen. Das erste ist nämlich abgeschlossen. Das heißt jetzt Zinshaus xBaugruppe Netzwerk, also ZxB Netzwerk. Das wird im Oktober starten und wir hoffen, dass wir dabei noch alles optimieren und noch weitere Leute finden können, damit das wirklich realisiert wird. Aber ein paar Projekte im Bestand gibt es natürlich.
(FI) Und was sind die Forschungsschwerpunkte, worum es in dem neuen Projekt jetzt geht?
(CW) Also das, was wir beforschen, ist vor allem praktische Forschung - es geht immer wieder darum, wie kann man die Ansprache optimieren, damit man den Leuten die Vorteile oder auch die Rahmenbedingungen besser erklären kann. Wie kann man sie erreichen? Wie kann man diese Kooperation und das Matching optimieren? Also das heißt, wie kommen die einen zu den anderen und wie kann man ein Verständnis herstellen, beziehungsweise natürlich auch für diese ganzen technischen Sachen von der Sanierung. Aber da gibt es auch die Expertinnen, die man sich dann dazuholen kann. Es geht vor allem immer noch darum, dass man überhaupt in der breiten Bevölkerung ein Bewusstsein schafft, dass es diese Wohnform gibt und was die bringen kann. Bis hin zu dem, dass man auch den Banken und Finanzierern erklären muss oder den Menschen in der Politik und in der Verwaltung, was diese Projekte schaffen und eigentlich auch gesamtgesellschaftlich bringen. Weil im Endeffekt, das sind ja nicht nur Leute, die miteinander ein angenehmeres und sich gegenseitig unterstützendes Leben leben wollen, sondern, das sind oft auch Leute, die haben Berufe, die haben irgendwelche Fähigkeiten oder sind Gewerbetreibende – von der Shiatsu-Masseurin bis hin zu Leuten, die irgendwelche Veranstaltungen oder sonst was organisieren oder auch Kreative. Das heißt, die bieten in den jeweiligen Projekten oft auch verschiedenste Angebote an, die dann natürlich auch dem Umfeld zugutekommen. Also das aktuelle Paradebeispiel ist die HausWirtschaft. Das ist ein spezielles Projekt. Die haben einen Preis bekommen vom New European Bauhaus, also das ist international anerkannt worden. Die haben gesagt, es ist oft schwierig für so kleine Gewerbetreibende oder eben, Leute, die Wohnraum und Arbeiten irgendwie verbinden wollen. Die haben 50 Prozent Wohnen und 50 Prozent Arbeiten kombiniert. Und das ist genial. Das heißt, in diesem Haus hast du einen Kindergarten, du hast dort verschiedenste Leute vom eben besagten Shiatsu-Praktiker, der das gegründet hat, dem Peter Rippl, bis hin zu einem ganz großen Coworking-Space, wo viele aus dem Haus das natürlich auch selber dort nutzen. Wir als Initiative Gemeinsam Bauen Wohnen haben dort auch einen Flexdesk, um unsere Infrastruktur irgendwo unterzubringen. Sie haben einen ganz großen Veranstaltungssaal, der öffentlich vermietet wird und wo diverseste Veranstaltungen, Tanzaktionen, Treffen von wem auch immer, die Gewerkschaft oder sonst irgendwem. Also das wird ganz breit angenommen. Sie haben eine Art Mini-Hotel, wo diese Gästezimmer auch öffentlich vermietbar sind, ein Yoga-Studio und, und. Also das heißt, ganz viele verschiedene Kreativräume, die man gemeinsam nutzen kann. Das ist ein extrem lebendiges Haus und natürlich auch ein großes. Das sind 200 Leute. In dieser Dimension hast du ganz eine andere Wirkkraft und die Sargfabrik hat das vor 30 Jahren vorgemacht. Das war eines der ersten ganz großen Projekte. Die haben auch damals schon Wohnen und Arbeiten kombiniert in den Räumlichkeiten oder am Areal einer ehemaligen Sargfabrik. Eigentlich wollten sie es im Bestand nutzen, aber dann hat es so lange gedauert, dass dieses Objekt immer stärker verfallen ist, sodass es irgendwann nicht mehr ging, es zu erhalten. Deshalb haben sie neu gebaut im Endeffekt. Aber die haben faktisch nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern ein gemeinsames Badehaus, das öffentlich besuchbar ist. Weil sie halt in den Wohnungen nur Duschen haben. Und wenn sie baden wollten, dann sind sie ins Badehaus und haben das auf diese Form auch noch breiter öffentlich gemacht. Sie haben eine Kantine, wo Essen gekocht wird von einem Sozialunternehmen. Sie haben ein Kulturzentrum, das auch vermietbar ist. Sie haben eine Kindergruppe bzw. einen Kindergarten damals für sich geschaffen. Also die haben faktisch Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten für sich selber geschaffen. Und im Endeffekt haben sie sich zwei Jahre später erweitert im Umfeld. Also in der Nachbarschaft eine Ecke weiter noch ein Projekt realisiert: die Miss Sargfabrik, weil die Nachfrage so hoch war. Das ist einfach, wenn man die realisierten Projekte sieht, die funktionieren und die Leute wollen dazu und es gibt jede Menge Wartelisten. Und sie wollten sich weiter erweitern und haben dann im Umfeld nichts mehr gekriegt, weil die Grundstückspreise so angezogen sind. Also leider ist da Gentrifizierung passiert, weil auch Wohnungen im Umfeld dann beworben wurden mit Sargfabrik-Nähe, weil es so cool war, dass man dort eben alles mögliche an Infrastruktur hat. Aber sie haben in der Seestadt dann, nachdem diese Geschichte in Wien doch als Erfolgsmodell anerkannt wurde und weitere Baugruppen ermöglicht wurden mit dem LiSA-Projekt eine Erweiterung geschaffen. Wir haben das jetzt auch in Tübingen erlebt, wo wir bei einer Exkursion waren, wo die Stadt noch viel stärker mit Baugruppen und gemeinschaftlichen Wohnprojekten Städtebau macht. Das ist ein Ort, der ist größer als Klagenfurt und ein Stück kleiner als Innsbruck und die haben 200 Baugruppen. Das kann man sich fast nicht vorstellen. Diese Baugruppen sind kleiner und ein bisschen anders als bei uns, aber da wird das von der Stadt intensiv vereinfacht. Wenn du da den Zuschlag bekommen hast bei diesem Bewerb, bist du dann innerhalb von zwei Monaten mit der Einreichung durch. Das geht einfach anders, als wenn man bei uns ewig wartet.
(IN) Du hast ja jetzt eh die perfekte Überleitung geschaffen, abgesehen von den ganzen Vorteilen, nämlich zu einem der Hauptziele der Initiative Gemeinsam Bauen und Wohnen. Dass man mit der Politik in Kontakt tritt und Wissensvermittlung macht und auch die Vorteile von gemeinschaftlichen Wohnprojekten aufzeigt, und die Politik anregt, aktiver zu werden und Wohnprojekte einzubinden, Baugruppen, zu involvieren. In Wien funktioniert das mittlerweile ja schon halbwegs gut. Da gibt es gewisse Grundstücke, die für Baugruppen vorgesehen werden. Aber im Rest von Österreich, wie auch hier in Oberösterreich, ist das leider noch nicht so ganz angekommen. Und das ist auch einer der Gründe, warum wir von der Initiative jetzt die Regionalgruppen gegründet haben, damit wir stärker in den eigenen Ländern aktiv werden können und dort auch auf die Politiker:innen zugehen können und die motivieren, mit uns zusammenzuarbeiten, Forschung zu betreiben, Baugruppen einzuladen und auch zu ermöglichen zu bauen.
(CW) Wir waren im Rahmen eines vom Bundesministerium BMWKMS geförderten Projekts mit Tagungen und verschiedensten Veranstaltungen und Gemeindegesprächen in den Bundesländern, weil es so wichtig ist, dass auch in den verschiedenen Bundesländern diese Wohnform ankommt und im Zuge dessen ist auch eine Publikation entstanden. Die stellt auf 24 Seiten dar, wie man so leben kann, was es für Organisationsformen braucht und hat Bilder und alles drum und dran. Also einfach mal reinschnuppern! Sie steht auch auf der Startseite der Initiative Gemeinsam Bauen Wohnen unter www.inigbw.org.
(IN) Das vielleicht auch noch ergänzend, das ist ja auch ein großes Anliegen von uns, weil wir wollen, dass es mehr solche Projekte gibt. Deswegen bieten wir auch Erstberatungen an für Leute, die sich interessieren. Das heißt, jederzeit mit uns in Kontakt treten. Wir beißen alle nicht und wir freuen uns immer, wenn Interesse an Projekten besteht.
(FI) Diese Kontaktmöglichkeit gibt es natürlich auf eurer Website und der Link dazu in den Shownotes zu dieser Episode. Genau. Noch eine Frage zu der Politik. Ich habe mich ja geschichtlich doch relativ intensiv mit der Siedlerbewegung in Wien auseinandergesetzt. Diese Siedlerbewegung hat meiner Meinung nach durchaus Elemente, welche mit denen der Baugruppenbewegung zusammenpassen. Und es war damals politisch so, dass einerseits durchaus die Siedlerbewegung auch von der Gemeinde Wien ausging, etwa durch die Gründung der GESIBA. Die GESIBA war ja ursprünglich eine Gesellschaft für den gemeinschaftlichen Einkauf von Baumaterial, also ähnlich wie der Konsumverein, damit man durch gemeinsamen Großeinkauf günstigere Preise erzielt. Und dann hat es aber parallel dazu von der Gemeinde Wien die Tendenz gegeben, diese großen städtischen Wohnhäuser, diese Gemeindebauten zu errichten. Und letztlich wurde die Siedlerbewegung doch von diesen großen Gemeindebauten verdrängt. Und ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die in Wohnprojekten, in Baugruppen sind, dass das selbstständige Menschen sind, die nicht so leicht gelenkt werden können. Ob die Gretchenfrage vielleicht ist, hat die Politik überhaupt Interesse an solchen selbstständig agierenden Menschen?
(CW) Ich glaube, ja. Auch wenn natürlich Menschen, die selber denken und es gelernt haben vor allem - also ich unterstelle niemandem, dass er nicht selber denkt - aber wenn ich verstanden habe, dass wenn ich mich zusammentue und gemeinsam ein Ziel finde, für das man miteinander gehen will, dann habe ich mehr Chancen auf Erfolg, als wenn ich im Alleingang losstarte und nur nach meinem Gutdünken halt was auch immer probiere. Es gibt natürlich viele Leute, die im Alleingang auch schon viel bewegt haben, aber wenn ich etwas Breites bewegen will oder etwas Großes, dann ist es immer leichter, das in der Gruppe zu machen. Und es gibt auch diese Schwarmintelligenz oder diese kollektive Intelligenz, ab dem Moment, wo sich fünf Leute miteinander abgestimmt haben was denn sinnvoll ist, also fünf verschiedene Denkrichtungen, mehr oder weniger eine gemeinsame Linie gefunden haben. dann ist das schon ein sehr, sehr breites Ding. Und insofern können solche Projekte sehr, sehr viel bewegen und trotzdem, es braucht dann die Unterstützung von der Politik. Und warum? Also ich glaube, dass es demokratiepolitisch ganz wichtig ist, dass die Leute verstehen, dass sie was verändern können und dass sie gemeinsam mehr bewegen. Es sind ganz, ganz viele dieser Projekte im Prinzip dann nicht nur in die Eigenverantwortung gegangen, sondern vielleicht sogar in die Lokalpolitik, dass sie Gemeinderäte geworden sind oder Schulsprecher oder sonst irgendwas, weil sie verstanden haben, Engagement bringt was. Ich glaube, man kann wirklich zu Recht sagen, dass gemeinschaftliche Wohnprojekte eine Schule der Demokratie sind, weil man lernt, dass man in dieser Abstimmung ein größeres Win-Win schafft.
(IN) Und es ist ja auch, wenn man sich das mit der Sargfabrik anschaut, was du vorher gesagt hast, wenn dann auf einmal, das Viertel super hip oder wieder belebt wird, dann ist das ja auch positiv für die Politik, weil sie ja auch davon profitieren, wenn das beliebtere Wohnviertel werden.
(CW) Also es ist sogar so weit gegangen, dass sie aus der Sargfabrik heraus eine Gruppe gegründet haben für das Matznerviertel. Weil sie gesagt haben, wir wollen dass nicht nur wir ein feines Leben haben, sondern wir wollen, dass das ganze Viertel attraktiver wird. Das heißt, es gibt jetzt eine Wohnstraße dort, es gibt einen Markt dort. Es gibt verschiedenste Aktivitäten zur Belebung von diversen erdgeschossigen Leerständen, also ehemaligen Lokalen und so weiter, Veranstaltungen aller Art. Das heißt, das ist nicht nur dort zu beobachten, sondern immer wieder - oder auch bei der Mobilität: also zum Beispiel bei Pomali in Oberwölbling. Die sind vier Kilometer vom nächsten Bahnhaltestellenpunkt entfernt. Und damit da nicht jeder einzelnen hinfahren muss, haben die faktisch mit der Gemeinde eine Art Abholservice gegründet, wo natürlich auch sämtliche älteren Bewohnerinnen des Ortes dann zur Apotheke oder zu ich weiß nicht wem gebracht werden können. Die Gemeinde stellt das Auto und Freiwillige fahren. Also das ist aus der Mobilitätsgruppe heraus entstanden und natürlich mit vielen Unterstützenden auch aus den Projekten. Weil die eben verstanden haben, es geht mehr, wenn man es miteinander tut.
(FI) Sehr schön. Das heißt, am Samstag den 26.09. kann man das am Tag der offenen Wohnprojekte alles live und in Farbe sehen.
(CW) Ja, und vor allem mit den Leuten reden. Das ist, glaube ich, das Wichtigste. Wenn man so ein bisschen hineinschnuppern kann, wie tut´s denn ihr und warum machts ihr das und so weiter. Das inspiriert.
(FI) Constance, Iris, ich danke euch beiden sehr herzlich für dieses schöne Gespräch und die wirklich interessanten Informationen.