Gedanken zur Zukunft des Handwerks
von Friedrich Idam
Eine der Definitionen des Menschen ist ja ein Tier, welches Werkzeuge verwendet. Und dieses Verwenden von Werkzeugen setzt ja letztlich handwerkliche Fertigkeiten voraus. Nämlich einerseits das Werkzeug zu formen und mit dem Werkzeug Dinge herzustellen. Und dieses Werkzeug hält man in Händen, sodass ich denke, dass Handwerk ein Prozess ist, der die Menschheit von Anbeginn an begleitet, dass es quasi zur Definition des Menschseins gehört und sich natürlich im Lauf der geschichtlichen Entwicklung verändert hat. Nicht kontinuierlich. Ich denke, dass natürliche Prozesse niemals linear ablaufen. Sie verlaufen einerseits exponentiell, andererseits sprunghaft. Also einer dieser Sprungpunkte, einen dieser Punkte sehe ich in der Neolithischen Revolution, wo der Mensch sesshaft wird, wo es letztlich eine neue Berufsgruppe, die des Bauern gibt, dass für diese neue Tätigkeit natürlich auch neue Dinge, neue Hilfsmittel gebraucht werden und die werden handwerklich hergestellt. Der nächste Sprung, denke ich, kommt dann im Mittelalter mit dem Urbanisierungsprozess, also wie sich im 12. und 13. Jahrhundert die Städte bilden und in den Städten dann spezielle Handwerker sich ansiedeln. Also ein immer höherer Grad der Spezialisierung und der Arbeitsteilung.
Aber vielleicht noch ein Wort zum Beginn dieser Entwicklung im Paläolithikum, im Neolithikum, aber auch in der Bronzezeit und in der Eisenzeit. Man benennt nach Materialien, nach Stein, nach Bronze, nach Eisen, aber das sind nur die am wenigsten verwendeten Produkte. Das ist mehr oder weniger das Tüpfchen am I, das, wie man in Deutschland sagt, Sahnehäubchen.
Der Hauptbestandteil all dieser Werkzeuge und dieser handwerklich gefertigten Gegenstände war Holz. Und nur die Schneiden waren aus diesen genannten Werkstoffen. Und der Soziologe Werner Sombart nennt letztlich alle Zeitalter vor der Industriellen Revolution das "hölzerne Zeitalter". Holz war der universelle Werkstoff und sprichwörtlich von der Wiege, die aus Holz gefertigt ist, bis zur Bahre, auf der der Leichnam liegt, geschah über Jahrhunderte, Jahrtausende der gesamte Lebensvollzug mit diesem Werkstoff Holz. Und der französische Historiker Fernand Braudel nennt diesen Abschnitt der Menschheitsgeschichte die sogenannte longue durée, die lange Dauer. Dass man wirklich den alltäglichen Lebensvollzug vielleicht vom Neolithikum weg und in manchen abseitsliegenden Gebirgsregionen vielleicht bis zum 18., manchmal sogar bis zum 19. Jahrhundert nur mit den allerkleinsten Veränderungen durchführt. Und zu diesem Lebensprozess gehört natürlich das Handwerk, das Anfertigen von Gegenständen, die den Alltag leichter machen.
Ich denke, dass ein weiterer dieser Sprünge, also ich habe eben diese Sprünge der Neolithischen Revolution, den Sprung der Urbanisierung im Mittelalter und der nächste Sprung findet mit der Industriellen Revolution statt. Die Industrielle Revolution begann im England zu Ende des 18. Jahrhunderts und dabei spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Ein Faktor war die technische Entwicklung. Das heißt, in den 1790er Jahren kam die von James Watt entwickelte Dampfmaschine auf den Markt. Diese Watt'sche Dampfmaschine hatte den dreifachen Wirkungsgrad als das Vorgängermodell Newcomens. Das ist der Punkt eins. Es stand die Technologie zur Verfügung und das zweite, und das ist vielleicht der entscheidendere Faktor, die Arbeitslöhne der englischen Handwerker waren deutlich höher als die Arbeitslöhne am Kontinent. Und aus diesem Grund wurde es auf einmal wirtschaftlich, diese Maschinen, diese Mechanisierung einzusetzen und wie dann diese Entwicklung griff, wie dann eine Nachfrage nach zum Beispiel Dampfmaschinen entstand, konnte das Produkt von den Kosten her skaliert werden. Das heißt, wenn Sie 500 statt 10 Dampfmaschinen bauen, sinken natürlich die Stückkosten für die Einzelne. Und dadurch wurde auf einmal und durch die Erhöhung des Wirkungsgrads, wurde dann für sehr viele Bereiche, wo wenige Jahrzehnte zuvor der Maschineneinsatz noch nicht wirtschaftlich war, wurde auf einmal wirtschaftlich. Und dann natürlich sind Themen wie die Erschließung neuer Märkte oder die Baumwolle, die von Nordamerika, von den englischen Kolonien kostengünstig kommt und die viel schwieriger zu produzierende Schafwolle verdrängt. Also auch hier haben Sie sowohl im Herstellungsverfahren als auch in der Rohstoffwahl die Veränderung und dann treten auf einmal Skaleneffekte ein und die führen dann zu solchen exponentiellen Entwicklungen.
Dass eben Dinge industriell und nicht mehr handwerklich gefertigt werden und dadurch sind natürlich viele Handwerke obsolet geworden. Also denken Sie zum Beispiel an die Weberei. Zur Herstellung von Textilien und das Textilhandwerk, ich denke auch, das ist ein Handwerk, was neben dem Werkstoff Holz ist es natürlich die Textilie sehr wichtig. Ich traue mir sogar, den Werkstoff Holz eher dem Mann zuzuordnen über die Jahrtausende und die Textilie, den Faden der Frau.
Nur sind die Textilien in so geringem Umfang erhalten geblieben, weil sie viel vergänglicher sind als die Werkzeugschneiden aus Stein, aus Bronze, aus Eisen.
Die älteste Textile, die wir kennen, ist ein Knüpfteppich, etwa aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, der sogenannte Pazyryk. Das ist ein Knüpfteppich, der in Sibirien gefunden wurde, der in Permafrost überlebt hat. Sonst gibt es ja sehr wenig erhaltene Beispiele. Ein Beispiel für Österreich ist Hallstatt, wo im Salzbergwerk auch Textilien durch die Konservierung durch Salz überlebt haben. Jetzt ist eben dieser Teil des Handwerks, der weibliche Teil, die Textilie kaum erhalten geblieben, während der männliche Teil, die Hardware, einfach länger erhalten geblieben ist und vielleicht auch darum unseren Blick verzerrt. Und die Herstellung der Textilie hat quasi einen Flaschenhals und das ist die Garnproduktion, also die Produktion der Fäden, das Spinnen. Es waren etwa sieben Spinnerinnen für einen Weber erforderlich, um entsprechend Garn herzustellen. Und in der industriellen Revolution gelingt es, mit der sogenannten Jenny-Maschine, der "Spinning Jenny", diese Garnproduktion zu automatisieren und auf einmal steht ausreichend Garn zur Verfügung. Und der nächste Schritt ist der mechanische Webstuhl. Da gibt es schon Vorläuferprodukte im 18. Jahrhundert, der Jacquard-Webstuhl, der schon durch Lochkarten gesteuert war. Als eine ganz frühe Digitalisierung, letztlich eine CNC-Maschine. Also sicher die erste CNC-Maschine, der lochkartengesteuerte Jacquard-Webstuhl.
Wie dann diese Webstühle breitenwirksam und dampfbetrieben eingeführt werden, gibt es einen Aufstand der Weber. Also diese sogenannten Maschinenstürmer, das waren nicht die ganz armen Menschen. Das waren hochqualifizierte Handwerker, deren Können durch eine mechanische Maschine substituiert worden ist. Man nannte im Englischen diese Aufstände der Ludditen und die waren nach einer fiktiven Figur namens Ludd, der diesen Aufständen aufgerufen hat, benannt. Und da denke ich, da entwickelt sich eine sehr interessante Parallele zu unserer Gegenwart. Denn ich denke, wir stecken durch CNC und vor allen Dingen durch KI wieder vor einem ähnlichen Sprung, wo wiederum Handwerk ganz neu definiert werden wird. Es gab - obwohl diese maschinellen, mechanischen Webstühle natürlich, die haben dann den Breitenbedarf abgedeckt, die haben dann im über 95%-Bereich abgedeckt - aber nebenbei ist auch immer eine Handweberei als Nische erhalten geblieben. Und in der Nische, und das werden Sie bei vielen Handwerksprodukten finden, das werden Sie auch in der Glasindustrie finden. Es gibt zum Beispiel noch in der Oberpfalz einen Betrieb, wo noch handwerklich Zylinderglas hergestellt wird, wo eben Glas wirklich noch für spezielle Zwecke, einerseits für die Denkmalpflege, fürs Restaurieren, aber andererseits für eine sehr gut zahlende, ein sehr kleines Segment betreffende Kundschaft, das nicht industrielle Produkt entsteht.
Der Unterschied ist ja quasi der Fehler. Es ist ja in der islamischen Architektur - Sie kennen vielleicht diese Moscheen mit diesen faszinierenden Mosaiken, mit diesen Wandmosaiken - da werden ja absichtlich Fehler eingebaut gegen die Hybris des Handwerkers, dass er quasi in seiner Perfektion bestrebt sein könnte, Gott zu gleichen. Und daher baut der Handwerker aus Demut Fehler ein. Das ist immer noch die Qualität handwerklicher Produkte, wo man durch kleine Fehler letztlich die Qualität erkennt, dass es eben händisch produziert ist. Im Glas sind das leichte Schlieren, im Gewebe sind es leichte Webfehler. In der Oberfläche von Möbeln ist es nicht die plane, ebene Fläche, sondern die leicht bombierte Fläche. Vielleicht Spuren von Werkzeugen, von einem Hobel. In einem Anstrich, wenn sie zum Beispiel ganz teure Autos, Oldtimer, wenn die restauriert werden, werden immer noch mit Nitrolack pinsellackiert. Das sind ganz wenige, hochspezialisierte Handwerker, die diese Kunst beherrschen, mit dem Pinsel Nitrolack aufzutragen. Man spürt vielleicht einen ganz, ganz leichten Pinselduktus. Im Gegensatz, wenn Sie es mit der Sprühmaschine, mit dem Airless-Verfahren oder was immer produzieren würden. Aber das macht jetzt noch die Qualität aus.
Jetzt switche ich. Die ersten Schlagzeugcomputer kamen so in den 1980er Jahren auf und die hatten, da gibt es Bands wie Kraftwerk zum Beispiel, die das erstmals eingesetzt haben die waren unglaublich präzis also die haben fast einen "toten" Rhythmus geschlagen, das hat natürlich auch diese Musik ausgezeichnet, aber ein guter menschlicher Schlagzeuger kann natürlich synkopieren, kann den Schlag leicht verhalten, kann leicht schräge Rhythmen schlagen und so in die Musik einen unheimlichen Drive hineinbringen. Mittlerweile sind natürlich die Schlagzeugprogramme genauso gebaut, dass die das auch können. Das heißt, mit Hilfe solcher Algorithmen und letztlich KI kann man die leichten Fehler der menschlichen Fertigung auch künstlich herstellen, Sodass es auch für den Spezialisten immer schwieriger wird zu unterscheiden, ist das jetzt echte menschliche Handarbeit oder ist sie hervorragend kopiert.
Ich glaube, das handwerklich gefertigte Produkt - als Statussymbol - wird bestehen bleiben, wo es zumindest einen Markt gab. Ich glaube, der wird sich auch immer mehr verengen, wo dann Kunden bereit sind, für solche Produkte deutlich mehr zu bezahlen. Wobei ich denke, die Schwierigkeit wird darin bestehen, zu belegen, dass das auch wirklich handwerklich gefertigt ist. Vielleicht hilft uns da die Tokenisierung und dass man mit Blockchain quasi belegen kann, dass es sich hier wirklich um ein unverfälschtes handwerkliches Produkt handelt. Also ich kann mir vorstellen, Tokenisierung, Verknüpfung mit der Blockchain, also sehr moderne Tools mit dem sehr Archaischen. Das könnte interessant werden. Und dann denke ich aber, so wie es immer weniger Menschen gibt, die sehr reich sind, die sich diese handwerklich gefertigten Produkte auch in Zukunft werden leisten können.
Und, je weiter der Deindustrialisierungsprozess bei uns fortschreitet, kann ich mir vorstellen, dass in den verarmten Bevölkerungsschichten auch wieder eine handwerkliche Fertigung entsteht, aber aus Lebensnotwendigkeit. Ich denke da etwa an die Situation nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg, wo breite Bevölkerungsschichten so arm waren, dass man sich irgendwie abhelfen musste, dass man militärische Abfallprodukte upgecyclet hat. Also zum Beispiel, ein klassisches Beispiel ist der Stahlhelm als Schöpfkelle. Also man musste ja damals noch Fäkalen aus einer Fäkaliengrube heraus schöpfen, um sie dann entsprechend zu entsorgen, also wo noch keine Kanalisation vorhanden war. Und da hat man einfach einen Stahlhelm an einem langen Stiel befestigt und das war dann die Schöpfkelle, mit der man die Fäkalgrube leer geschöpft hat.
Und das finden Sie ja zum Beispiel auch in Afrika, wo Menschen aus dem Müll der westlichen Staaten sehr fantasievoll Dinge handwerklich zusammenbauen. Also ich kann mir das Handwerk der Zukunft vorstellen, einerseits als das Nobelprodukt für die ganzen Reichen und andererseits als die Kreativität, die aus der Not der Armen geboren wird, die sich auch Industrieprodukte zum Teil nicht mehr leisten können und so Abfall äußerst kreativ upcyclen werden. Also da denke ich, wird es auch eine sehr interessante Zukunft und auch eine ganz interessante neue Produktpalette geben.
Vielleicht aus meiner Biografie heraus, ich war als junger Mensch sehr arm, also ich habe eine Ausbildung als Holzbildhauer absolviert, also habe eine handwerkliche Ausbildung absolviert und war dann sieben Jahre lang Totengräber, wo ich auch sehr wenig Geld verdient habe. Und ich wollte aber auch Möbel haben. Aber dadurch, dass ich eine handwerkliche Grundausbildung hatte, wie man in Österreich sagt Tischlerei, in Deutschland Schreinerei, habe ich diese Möbel selbst gefertigt, teilweise mit Handwerkzeugen. Das heißt, ich war damals arm, hatte aber viel Zeit und hatte das Bestreben und vielleicht auch das handwerkliche Geschick. Und diese Möbel begleiten mich mein ganzes Leben. Und ich sitze heute noch an dem Tisch, den ich damals gefertigt habe und kann mich noch immer daran erfreuen.
Und möglicherweise ist auch das eine Vision: Es ist ja die Sorge, wenn jetzt die KI wirklich in unseren Wirtschaftsprozessen in den nächsten Jahren immer mehr um sich greift, KI, humanoide Roboter, CNC-Fertigung, dass dann sehr viele Menschen arbeitslos werden, die möglicherweise dann mit einem bedingungslosen Grundeinkommen alimentiert werden. Da gibt es einen österreichischen Philosophen, Leopold Kohr, der hat in den 1970er Jahren in Puerto Rico gelehrt und von dem gibt es einen sehr schönen Essay, der heißt "Die geringen Kosten der Armut". Da beschreibt er die Geschichte eines Mannes, der als linker Gewerkschafter, damals McCarthy-Ära - Puerto Rico-Einflusssphäre der USA - gekündigt wurde, und der arbeitslos war, der aber eine geringe Arbeitslosen-Unterstützung in Form von Bohnen- und Grundnahrungsmittel bekam, also auch quasi ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und der hat sich in dieser Zeit mit seiner eigenen Hände Arbeit ein Haus gebaut. Das heißt, man kann auch in so einer Lebenssituation, wo man arm ist, aber zumindest das Überleben gesichert ist, die viele freie Zeit dazu nutzen, mit eigener Hände Arbeit, kreativ und in sehr hoher Qualität die Dinge fertigen, die man haben möchte. Das ist natürlich kein iPhone, das kann ich nicht bauen, aber einen Tisch kann ich bauen. Und ich denke, die Qualität liegt darin, also das ist auch in meiner Biografie, die Dinge, die ich selbst hergestellt habe, zu denen besteht natürlich eine ganz andere Beziehung, mit denen bin ich auch emotional viel stärker verbunden als mit einem anonym maschinell produzierten Produkt.
Es beginnt in China, wir sind jetzt Stand 2026 und die ersten humanoiden Roboter sind serienreif. Das heißt, wir werden es vielleicht in diesem Jahr noch erleben, dass humanoide Roboter eingesetzt werden. Und natürlich die Lernkurve ist exponentiell. Was ein humanoider Roboter lernt, können alle. Und natürlich kann der humanoide Roboter Handwerk ausüben, weil er ist ja wie ein Mensch konstruiert. Also jedes Werkzeug, das ein Mensch in die Hand nehmen kann, kann auch ein humanoider Roboter in die Hand nehmen.
Vielleicht auch hier wieder die Idee, wie die ersten CNC-Maschinen entwickelt wurden. Da gab es ja zwei Schulen. Die erste Schule war die, dass man die Arbeitsbewegungen der besten Arbeiter analog aufzeichnete und dann versuchte, die Maschine noch schneller laufen zu lassen als den menschlichen Arbeiter. Und die zweite Schule, die sich aber dann durchgesetzt hat, war, den Arbeitsprozess zu digitalisieren. Und in dem digitalen Skript, letztlich in dem der Arbeitsprozess erfasst ist, kann man natürlich punktgenau Veränderungen durchführen. Und ich glaube, genau das wird auch mit den humanoiden Robotern passieren. Ich denke jetzt, ein Tischler hobelt mit dem sogenannten Putzhobel eine Tischplatte. Was dabei passiert, und das habe ich ja selbst auch gemacht, wenn Sie eine Tischplatte hobeln, die vielleicht 1,50 Meter im Quadrat misst, so ist es relativ einfach, am Rand Material abzuhobeln, aber es wird sehr schwierig in der Mitte. Erstens brauchen Sie einen langen Hobelzug und dann - Ihre Kraft ist am Anfang günstiger, da hat sie einen besseren Wirkungsgrad als gegen Ende, sodass durch diese natürlichen Gegebenheiten eine leicht bombierte Oberfläche entsteht, also eine Platte, die im Zentrum etwas dicker ist als am Rand. Das ist eine besondere optische Qualität.
Der Mensch, ich als Handwerker, kann nur eine bombierte Platte hobeln. Der humanoide Roboter, der hat aber nicht die Probleme wie ich mit der Muskelkraft. Der kann den Hobel so perfekt ansetzen, dass er sowohl eine 100% ebene Platte als auch eine bombierte Platte hobeln kann. Und da wird quasi der humanoide Roboter beides können. Er wird menschliches Handwerkzeug so wie eine CNC-Maschine verwenden können, wie ein Schlagzeugtakt der Gruppe Kraftwerk, aber er wird es genauso können, wie ein Mensch, leicht fehlerbehaftet, leicht aus dem Takt schlagend, leicht synkopisch zu arbeiten. Und wie gesagt, ich denke, die ganz große Schwierigkeit wird sein, zu unterscheiden, ist etwas menschgefertigt oder von einem humanoiden Roboter und da glaube ich, wird über die Technologie der Blockchain und der Tokenisierung werden diese Produkte unterscheidbar werden.
Ich fürchte, dass viele junge Menschen eine handwerkliche Ausbildung möglicherweise auch aus romantischen Gefühlen heraus suchen. Ich bin so pessimistisch, dass ich denke, dass die KI-Revolution und der Einsatz humanoider Roboter sogar kurzfristig - Zeithorizont vielleicht zehn Jahre - so gut wie jedes Handwerk obsolet machen wird.
Trotzdem denke ich, dass es nicht unklug ist, eine handwerkliche Ausbildung zu wählen, weil man besitzt einerseits die Fähigkeiten und auch die Fertigkeit in einer Lebenssituation, wo man nicht mehr über das Einkommen verfügt, um diese industriell mit KI, mit humanoiden Robotern gefertigten Produkte kaufen zu können oder zu wollen, in der Lage ist, selbst etwas herzustellen. Das heißt, selbst etwas herstellen können, ist ein großer Grad an Freiheit. Und es kann sein - zumindest meine Lebenserfahrung - sehr befriedigend sein, ein Produkt zu besitzen, von dem ich aus meiner Lebenserfahrung weiß, das habe ich selbst hergestellt, das gehört zu mir, da ist ein Teil meiner Lebensenergie, meiner Lebenszeit in diesem Produkt materiell manifestiert. Das kann eine emotionale Qualität darstellen, welche materielle Vorteile über mit KI, mit CNC, mit humanoiden Robotern produzierten Produkten entgegensteht.
Wir sind jetzt dabei, über neue Medien, wie etwa YouTube zu lernen. Sie können - also wenn ich etwas nicht kann, dann suche ich mir ein YouTube-Video, wo mir jemand erklärt, wie das geht. Und im Regelfall funktioniert es bis hin zum Kohlebürsten-Tausch beim Elektromotor einer Waschmaschine. Und es ist wirklich beeindruckend, was man da vermitteln kann. Die Reparatur ist ja ein Feld, das durch YouTube-Videos extrem breit abgedeckt ist. Und ich denke auch, es ist ja ein wunderschöner Erfolg, etwas selbst repariert zu haben. Ich bin ja auch aufgewachsen in einer Umgebung, meine Eltern hatten einen Handwerksbetrieb und da war es natürlich immer die erste Idee, selbst die Reparatur zu versuchen. Und erst wenn man es überhaupt nicht schafft, dann geht man zu einem Spezialisten. Aber da gibt es ja Dinge, Sie kennen das sicher, diese Reparaturcafés, wo man das pflegt und kultiviert und gerade in diesen Reparaturcafés ist ja auch wieder quasi der Wissensaustausch Peer-to-Peer, wo man gegenseitig von seinen Reparaturerfolgen erzählt, auf das Stolz ist und so dieses Wissen weitergibt.
Und ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen, wenn sie vor einer Situation stehen, die jetzt auf den ersten Blick schwierig lösbar ist, wo man nicht über die materiellen Mittel verfügt, sich hier ein neues Ersatzprodukt, ein neues industriell gefertigtes Ersatzprodukt zu kaufen, dass man dann den Schritt geht, ich schaue mir ein YouTube-Video an, wo mir jemand erklärt, wie das geht und ich wage es, das Ding selbst zu machen.
Und so kann ich mir vorstellen, dass Handwerk überlebt und auch möglicherweise im genossenschaftlichen Miteinander der Menschen. Also wenn wir jetzt zum Beispiel an die Baubranche denken, gerade in der Krisenzeit nach dem Ersten Weltkrieg, wie Wohnraum eigentlich nicht leistbar war, wo sich Menschen, vor allen Dingen in Wien, zu sogenannten Siedlergenossenschaften zusammengeschlossen haben und dann in gemeinsamer Arbeit auch wechselseitig voneinander gelernt haben.
Also ich finde das Spannende an der Zukunft, es wird einerseits diese Hightech-Schiene geben, also KI, humanoide Roboter, lernen über YouTube und dann wird diese Ebene ganz elementar, ganz menschlich: lernen voneinander, Dinge für den täglichen Bedarf - aus Gründen auch der materiellen Effizienz und des materiellen Überlebens - selbst herzustellen und das finde ich sehr spannend, diese beiden Handwerkswelten, die es in Zukunft geben wird und möglicherweise die dritte Handwerkswelt: Das Erzeugen tokenisierter, absolut hochwertiger Spitzenprodukte für eine immer kleiner werdende, reiche Oberschicht.
Es steckt ja im Begriff Handwerk die menschliche Arbeit drinnen. Und gerade in unseren europäischen Gesellschaften ist der Faktor Arbeit extrem mit Steuern und Sozialabgaben belastet. Also wir leben in den Staaten der Welt, wo die menschliche Arbeit am teuersten ist. Dadurch werden auch Produkte, in denen ein hoher Anteil menschlicher Arbeit steckt, naturgemäß überproportional teuer. Und aus diesem Grund, dass gewisse elementare Lebenshaltungskosten stärker steigen als die Löhne, dass die Kaufkraft sinkt, werden natürlich als erstes die teuren Produkte vom Markt verschwinden. Und werden durch kostengünstigere substituiert werden. Und aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass in unserer Gesellschaft, wenn sich hier elementar nichts ändert, dieser Prozess, dass Handwerksprodukte nur noch für eine absolute Oberschicht leistbar sind, immer weitergehen wird.
In anderen Ländern der Welt, wo die Arbeitskosten nicht so hoch sind, wird es natürlich noch einen höheren Anteil an handwerklicher Fertigung geben. Das System kann sich allerdings umkehren, wenn es durch die KI-Revolution notwendig wird - Schlicht und einfach, um soziale Unruhen zu vermeiden - die Menschen auf ein bedingungsloses Grundeinkommen gestellt werden, dass es ja dann wieder Menschen gibt, die entsprechend Zeit haben. Und ja, diese Zeit vielleicht nicht immer nur damit verbringen, sich auf Netflix eine Serie anzusehen, sondern die eben etwas machen wollen. Also dieses Grundprinzip dieses machenden Menschen, also der Homo Faber, da steckt er auch tief in uns drinnen und auch die Freude, etwas gemacht zu haben.
Daher denke ich, wenn sich dieser Faktor, es ist letztlich der Faktor Arbeitskosten, dass dann möglicherweise wieder eine neue Form von Handwerk entsteht, entsteht aber nicht so, dass man ein unbearbeitetes Rohprodukt nimmt, sondern eben aus Kostengründen irgendein Abfallprodukt upcycelt. Also ich habe zum Beispiel eine Bekannte, die näht aus leeren Kaffeepackungen Taschen. Dieser Kunststoff, aus dem die Kaffeepackungen hergestellt sind, ist sehr widerstandsfähig Und man kann dieses letztlich Abfallprodukt Kaffeepackung dazu verwenden, Taschen mit einem sehr interessanten Design herzustellen. Und ich kann mir vorstellen, dass es hier im Bereich des Upcycling von Abfallmaterial mit der Verbindung mit Menschen, die aufgrund des bedingungslosen Grundeinkommens billige Arbeitszeit zur Verfügung haben, dass hier eine völlig neue Form von Handwerk entstehen wird.
Handwerkliche Produkte sollte man nicht unbedingt immer als neue handwerkliche Produkte denken. Es gibt einen Riesenbestand an alten, noch immer werthaltigen handwerklichen Produkten. Das heißt, neben den Möbeln, die ich selbst gefertigt habe, besitze ich in erster Linie Antiquitäten. Und Antiquitäten sind erstaunlich billig. Also wenn Sie zum Beispiel ins Internet auf die verschiedenen Auktionshäuser gehen, da können Sie zum Beispiel Barockmöbel, echte Barockmöbel aus Massivholz gefertigt, erwerben. Also ich habe zum Beispiel einen barocken Schrank aus Nussholz für 500 Euro gekauft. Dieses alte Handwerk wird zurzeit auch so gering geschätzt oder Porzellan. Es ist überhaupt nicht notwendig, neu gefertigtes Porzellan zu kaufen. Sie finden bei Auktionen vollständige Service, die 150 Jahre alt sind und nie gebraucht wurden. Also es gibt sehr viel Altes, aber Gutes, also ich denke auch, nicht nur Recycling und Upcycling, sondern handwerklich gefertigte Secondhand-Produkte. Es ist ja so viel vorhanden, dass man sie ja auch nicht neu fertigen muss.
Ich bin ja von meiner Profession her Denkmalpfleger und natürlich sind alte Dinge für mich interessant. Ich bin extrem an der Geschichte interessiert, auch an der Geschichte des Handwerks, aber mir ist bewusst, das ist ein Steckenpferd von mir, das interessiert mich.
Ja, es ist gut, einen Plan B zu besitzen. Es ist gut, wenn technische Systeme versagen, mit einem Plan B trotzdem überleben zu können. Aus diesen Gründen ist es gut, wenn wir Saatgut haben von Saaten, die nicht hybrid sind, sondern die sich selbst vermehren können. Ja, es ist gut, denken Sie an den Terrorangriff in Berlin, es ist gut, wenn man einen Ofen hat, in dem man mit Holz ein Feuer machen kann und auch wenn kein Strom zur Verfügung steht, man die Wohnung warm bekommt. Ja, es ist gut, auch in einem modernen Hightech-Haus einen Schornstein zu besitzen. Das heißt, das Konservieren dieser Fertigkeiten ist letztlich für das Überleben der Menschheit nicht uninteressant. Die Frage ist, ob sich das Gesellschaften leisten wollen.
Denn es gibt ja auch andere Zukunftsszenarien. Es kann einerseits die geschilderte Utopie der KI-Welt mit humanoiden Robotern sein, aber Sie kennen in der Science-Fiction genauso die dystopischen Welten, wo das System völlig zusammengebrochen ist und die Menschen aus dem herumliegenden Schrott sich Dinge basteln, um nackt zu überleben. Also ein Schlüsselroman ist für mich von Isaac Asimov der Foundation-Zyklus. Da gibt es Humanoide-Roboter, also der hat das alles schon in den 1940er Jahren prognostiziert. Und da gibt es so eine hypermoderne Welt, Trantor, ein Planet, der völlig von Metall überzogen ist, und dann zerbricht dieses System und dann werden die Metallplatten wieder vom Boden abgehoben. Man recycelt das Metall und auf den freigewordenen Flächen betreibt man wieder Landwirtschaft.
Also ich mache in meinem Projekt Simple Smart Buildings, machen wir zum Beispiel Dinge wie Kalkbrennen. Also wir versuchen in Workshop aus einfachen, lokal vorhandenen Rohstoffen wie Kalk und Holz in einem historischen Kalkofen wieder das mineralische Bindemittel Kalk zu brennen. Also wirklich, um diesen Plan B zur Verfügung zu haben, um auch im Krisenfall das zu können. Und vielleicht ist eine zukünftige Gesellschaft auch so reich, dass sie sich diesen Luxus leisten kann. Ob ich denke, ob man sich das auch leisten sollte, gebe ich eindeutig die Antwort Ja.