Friedrich Idam:
In guter Zusammenarbeit mit meinem Kollegen, dem Bauphysiker Dr. Günther Kain, entwickeln wir das Projekt Simple Smart Buildings, das einfach gute Bauen. Und im Baubereich ist ja ein großes Thema das Abdichten von Fugen. Wir verwenden ja heute für das Abdichten von Fugen durchaus problematische Werkstoffe, meistens auf Kunststoffbasis. Könntest du einmal einen so kurzen Querschnitt über den rezenten Stand der Dichttechnik geben?
Günther Kain:
Ja, im Bereich der Montagefugen, also man meint damit die Fugen, die zwischen beispielsweise Fensterstücken und Mauerwerk auftreten, dort wird vor allem Polyurethanschaum eingesetzt, wie du angedeutet hast. Und zur Problematik dieses Materials ist zu sagen, dass es einerseits natürlich auf Erdöl basiert, also da schon einmal aufgrund seiner CO2-Bilanz fragwürdig ist, des Weiteren aber auch beim Ausbringen Isocyanate emittiert.
Friedrich Idam:
Das heißt konkret, das sind diese Treibmittel in der Dose, die dann das Material aus der Kartusche austreiben.
Günther Kain:
Genau, und diese sind durchaus sehr gesundheitsschädlich und dann auch im ausgehärteten Zustand, wenn man am Ende des Lebenszyklus', Polyurethanschaum oder auch Leim verbrennt, entstehen hochgiftige Dioxine.
Friedrich Idam:
Ist es dieses Seveso-Gift?
Günther Kain:
Genau. Und daher ist natürlich die massenhafte Verwendung des Polyurethans schon fragwürdig und wir versuchen in unseren Überlegungen und versuchen Alternativen dazu zu entwickeln.
Friedrich Idam:
Ein Thema, also was ich immer wieder beobachte, vor allen Dingen wenn solche, Polyurethanschaumfugen nicht abgedeckt sind und die der Sonnenbestrahlung, also letztlich der UV-Bestrahlung ausgesetzt sind, dass die relativ schnell verspröden und abbröseln. Ist das jetzt nur eine singuläre Beobachtung oder kann man das generell...
Günther Kain:
Nein, Polyurethan ist definitiv nicht UV-stabil. Also der Schaum, der nicht abgedeckt wird, wird rausbröseln und auch seine Festigkeit in kurzer Zeit einbüßen.
Friedrich Idam:
Gibt es schon oder Erkennst du schon Erfahrungswerte, wie lang solche Polyurethanschaumfugen beständig sind? Also über welchen Zeitraum sie ihre Dichtfunktion erfüllen?
Günther Kain:
Also in abgedeckter Form lange, das kann man so sagen. Also ich habe kürzlich im Privaten ein Fenster rausgenommen, das vor ungefähr 30 Jahren eingeschäumt wurde. Das war in Ordnung. Wenn allerdings nicht abgedeckt bei UV-Beaufschlagung, ist so meine Erfahrung, dass der Schaum innerhalb weniger Wochen brüchig und bröckelig wird.
Friedrich Idam:
Und ein Thema ist natürlich auch noch, vielleicht werden wir im Gespräch noch darauf kommen, die generelle Dichtigkeit der Fugen. Es ist ja heute eher die Tendenz, Gebäude möglichst dicht auszuführen, die Fugen möglichst dicht zu halten. Da erfüllt ja dieser Polyurethanschaum diese Anforderung der Fugendichtigkeit, ist ja gegeben.
Günther Kain:
Ja, also ich würde da zwei Begrifflichkeiten unterscheiden. Das eine ist die Dämmung der Fuge, also die Verhinderung des Wärmeverlusts. Und das andere ist die Dichtigkeit gegenüber Luftströmen, auch gegenüber Dampfdiffusion. Und da ist Polyurethanschaum sehr gut geeignet, um die Dämmung der Fuge sicherzustellen. Die Dichtigkeit ist nicht allzu ausgeprägt. Darum wird im rezenten Bauen die PU-Schaumfuge dann noch mit diversen Dichtbändern oder Dichtstoffen ergänzt.
Friedrich Idam:
Und dieser Austausch, also wir sind ja oft in der Diskussion über das Thema Feuchtigkeitsaustausch, Diffusionsfähigkeit von Materialien. Wie ist da dieser Polyurethanschaum einzustufen? Also wie gut ist hier Dampfdiffusion möglich oder wie schlecht?
Günther Kain:
Ja, es hängt natürlich wie immer von einigen Faktoren ab, aber so mittelprächtig. Und wenn ich dazu vielleicht ergänzen darf, das ist ja fast so eine Weltanschauungsfrage zwischen Baufachleuten, ob man ein Gebäude jetzt diffusionsdicht ausführt an der Hülle oder eben diffusionsoffen.
Friedrich Idam:
Ja.
Günther Kain:
Da ist es natürlich tendenziell so, dass die synthetischen Materialien Dichte Hüllen, fördern bzw. Möglich machen und die Naturstoffe eher diffusionsoffene Systeme erzeugen, wobei ich ein starker Verfechter der zweiten Lösung bin.
Friedrich Idam:
Also auch ich oute mich hier jetzt als Verfechter der diffusionsoffenen Systeme, aber ich glaube, das wäre ein Thema für einen eigenen Podcast. Hier jetzt speziell zu den Dichtmaterialien. Wir haben uns auf die Suche gemacht und das ist ja unser Ansatz in diesem Simple Smart Buildings Projekt. Wie hat man in früheren Zeiten, in früheren Kulturstufen gewisse Anforderungen gelöst? Wie resilient sind diese Lösungen? Sind diese Lösungen über lange Zeiträume brauchbar? Sind diese Lösungen immer noch brauchbar? Und einerseits sind wir natürlich auf das Thema gestoßen. Ja, bereits bei sehr alten Bauten finden wir die Abdichtung von Fugen. Also es war den Menschen auch in früheren Perioden unangenehm, wenn kalte Luft ins Gebäude eingeströmt ist. Und wir sind hier auf einen organischen Dichtstoff gestoßen aus einem sehr spannenden Naturmaterial. Wir wurden von einem eheeinmaligen Kollegen, Ingenieur Walter Schnöll, auf dieses Material aufmerksam gemacht und haben dann in einem historischen Gebäude in der Welterbe-Region Hallstatt-Dachstein-Salzkammergut in Gosau, in einer Blockzimmerung aus dem Mitte 18. Jahrhundert, eben auch diesen Werkstoff gefunden und das ist Torfmoos. Und wir haben ja dann begonnen zu recherchieren, was waren für dich in der Recherche so die großen Augenöffner, die spannenden Momente, wo du dann doch zu dem Schluss gelangt bist: Es ist spannend auch in heutiger Zeit oder sogar zukunftsorientiert, dieses Material weiter zu verfolgen.
Günther Kain:
Ja, also spannend war für mich zu sehen, sehr bald schon in der Recherche, Torfmoos, lateinisch Sphagnum, sehr vielfältig angewendet wurde. Also zum einen, wie von dir angesprochen, die Abdichtung von Fugen im Blockzimmerwerk, aber auch Fugen in Holzzillen wurden beispielsweise mit Sphagnum abgedichtet. Das heißt, rein schon das Erfahrungswissen, dass der Dichtstoff offensichtlich gut geeignet war für spezifische Anwendungen macht ihn für uns interessant.
Friedrich Idam:
Also auch diese Breite, dass wir historische Beispiele eben nicht nur jetzt die Verwendung im Hochbau für Gebäude, sondern eben auch die Verwendung im Bootsbau, dass offenkundig die Generationen vor uns mit diesem Material gute Erfahrungen gesammelt haben und dann die auf andere Arbeitsbereiche extrapoliert haben.
Günther Kain:
Das geht sogar noch weiter. Wir haben auch herausgefunden, dass Indianer in Südamerika, dem Torfmoos ähnliche Moosarten, zum Beispiel bei Babywindeln, natürlichen Babywindeln eingesetzt haben, aufgrund des enormen Saugvermögens des Materials.
Friedrich Idam:
Und ich erinnere mich an diese Quellenrecherche, dass man im Ersten Weltkrieg aus diesem Torfmoos Wundverbände, weil offenkundig das Material auch eine sterilisierende Wirkung besitzt und auch begonnen hat, Textilien herzustellen. Also wirklich ein universell anwendbarer Werkstoff und darüber hinaus eigentlich mit einer weltweiten Verbreitung.
Günther Kain:
Ja, also Torfmoose, da gibt es ja dann doch eine große Anzahl von Unterarten, wachsen in Mooren oder auf Mooren und das ist jetzt die zweite Dimension, die das Material so spannend macht, dass nämlich viele dieser Moore trockengelegt wurden in der Vergangenheit, um sie landwirtschaftlichen Zwecken, für landwirtschaftliche Zwecke nutzbar zu machen. Und man hat erkannt, dass dem Einhalt geboten werden muss und zum Teil werden jetzt solche Toten oder toddrenagierten Moore wieder vernässt und sogenannte Torfmooskulturen angelegt. Paludikulturen wird das genannt. Und dort kann nun dieses Torfmoos gewonnen werden.
Friedrich Idam:
Da ist ja noch hinzuzufügen, dass ja das auch spannend ist als quasi CO2-Speicher, weil diese Sphagnen relativ viel CO2 aufnehmen, die dann in diese Moore oder in diese Böden eingebracht werden. Oder werden die in die Pflanzenstruktur eingebracht?
Günther Kain:
Naja, im Photosynthese-Prozess wird das CO2 dann gebunden und in Form von Kohlenstoff und beim Moor, sofern er jetzt wächst im Sinne eines Hochmoors, wird natürlich die immer abgestorbene Pflanzenschicht nach unten überschüttet oder eingewachsen und bleibt dort dann gebunden.
Friedrich Idam:
Wir kennen ja in der Welterberegion Hallstatt-Dachstein-Salzkammergut auch solche sogenannte Hochmoore. Das sind natürlich strenge Naturschutzgebiete, die ja zu Teil dieser UNESCO-Kulturlandschaft sind. Dort ist natürlich eine Ernte des Torfmoos, so wie es in früheren Jahrhunderten war, eigentlich ein völliges No-Go und wir waren ja dann auf der Suche, wo kann man dieses Torfmoos eben noch ökologisch korrekt ernten und wo steht es auch in Mengen zur Verfügung, die eine breitere Nutzung erlauben. Und wir sind ja dann auf diese Paludi-Kulturen gestoßen und wenn ich mich richtig erinnere, ist das im Nordosten Deutschlands diese…
Günther Kain:
In Ramsloh gibt es so eine Torfmooskultur und was da jetzt so interessant ist, dass diese Kulturen im Prinzip oder die Ernte, diese Torfmoosernte vor allem im Gartenbau Anwendung findet. Dort wird Torfmoos als Kultursubstrat verwendet und jetzt war aber für diese Hersteller oder diese Paludikultur, Interessant in uns jemanden als Partner zu haben, der plötzlich das Material stofflich veredelt einsetzen möchte und somit ganz andere Nutzungsszenarien erschließt. Und so hat sich da eine gute Zusammenarbeit ergeben. Wir bekommen das Torfmoos zu sehr günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt und können mit dem getrockneten Moos arbeiten und daraus unsere Werkstoffe erzeugen.
Friedrich Idam:
Und der nächste Schritt in unserem Forschungsprojekt ist ja dann dahin gegangen, hier wirklich eine praxisnahe Form zu finden, wie jetzt dieses Torfmoos für den Einbau von Fenstern verwendet werden kann. Das war einerseits mehr oder weniger dieser praktische Aspekt und dann dazu begleitende entsprechende bauphysikalische Untersuchungen, um wirklich die Kenndaten dieses Materials zu ermitteln. Eine Kennzahl war uns ja schon bekannt, das ist die hohe Lebensdauer. Das heißt, wenn wir als realen Befund eine Torfmoos-Dichtschnur aus dem Mitte 18. Jahrhundert noch in Funktion vorfinden, sind wir ja bei einem mehrhundertjährigen Lebenszyklus. Also es gibt einerseits, jetzt habe ich es schon genannt, einerseits diese Schnurform, wo man in historischer Zeit ähnlich wie beim Spinnen eigentlich diese Moosfäden zu einem doch relativ dicken Garn, also das heißt hier reden wir etwa von einem Zentimeter Durchmesser, also eine Dichtschnur gewoben hat. Wir sind aber bei unseren Experimenten mit einer anderen geometrischen Form in die Versuche gegangen.
Günther Kain:
Ja, wir haben da eine Versuchsreihe an der Abteilung für Restauriertechnik, an der Höheren Technischen Bundeslernstadt in Hallstatt aufgesetzt, wo Schülerinnen des fünften Jahrgangs im Rahmen ihrer Diplomarbeit Mooskeile erzeugt haben, also Moospresskörper mit einem trapezförmigen Querschnitt.
Friedrich Idam:
Das heißt, das Moos wurde befeuchtet?
Günther Kain:
Genau. Und dann in die entsprechende Form gepresst. Und diese Mooskeile ermöglichen es nun, das Moos in die Montagefuge einzubringen und dann auch durch die Keilform etwas zu verdichten, sodass das Moos einerseits in Position bleibt, aber zum anderen auch sozusagen den Anschluss an die umgrenzenden Bauteile bewerkstelligt. Und das ging eigentlich erstaunlich gut. Die Schülerinnen bauten auch Prototypen, die kann man in einer Publikation auch in der Zeitschrift Bauphysik sehen und konnten so eine Alternative ausarbeiten zum PU-Schaum. Und vielleicht auch das noch, Ein Gedanke, der uns ja auch angestoßen oder eine Problematik, die uns angestoßen hat, war, dass im Holzbau, den man ja als ökologisch vorteilhaft positioniert, vermarktet, trotzdem die Fenster im Regelfall mit Polyurethanschaum oder synthetischen Dichtbändern eingebaut wird oder werden. Und da war es uns wichtig, eine Alternative auszuarbeiten.
Friedrich Idam:
Und auch die Möglichkeit, dass ja diese Teile im jetzt massiv Holzbau mit computergesteuerten CNC-Maschinen gefertigt werden und es ja hier überhaupt kein Problem ist, die Fensteröffnung eben leicht keilförmig auszuführen und auch natürlich den Fensterstock keilförmig auszuführen, sodass in Kombination mit den Mooskeilen eigentlich das Einpressen des Fensterstocks in den Dichtstoff bzw. In das Wandelement sehr präzis und letztendlich formschlüssig erfolgen kann.
Günther Kain:
Und interessant ist auch, dass die historische Entsprechung, also die Abdichtung der Fuge des Blockzimmerbauwerks ähnlich funktioniert hat, denn aufgrund der Waldkantenform eines behauenen oder halb behauenen Stammes ist ja die Fuge auch keilförmig und da wurden früher diese Moosschnüre hineingelegt und dann mit einer keilförmigen Holzleiste und einer Metallklammer ebenfalls in diesen Konus gepresst. Und diese Idee wurde im Grunde von uns aufgearbeitet, adaptiert und rezenten Konstruktionsdetails in diesen eingesetzt.
Friedrich Idam:
Und jetzt natürlich werden heute Baustoffe, wir leben in einer Zeit, wo das Erfahrungswissen an sich nicht mehr so hoch geschätzt wird, also wir leben in einer Zeit, wo es um das faktenbasierte Wissen geht und da war es natürlich von Bedeutung, die Dinge, die wir mehr oder weniger schon vermutet haben, gewusst haben über den Weg des Erfahrungswissens, also eigentlich diese gute bauphysikalische Wirksamkeit der Torfmoosfuge, Haben wir dann noch, oder du hast es eigentlich dann gemacht an der FH in Kuchl, Versuchsreihen, wie jetzt wirklich diese bauphysikalischen Kenndaten des Torfmooses aussehen?
Günther Kain:
Ja, wir haben dazu Matten erzeugt, wiederum Moos befeuchtet in Form gepresst. Und diese Matten hatten eine Dichte zwischen 30 und 140 Kilogramm pro Kubikmeter. Also zu Deutsch, das Moos wurde unterschiedlich dicht gepackt. Und diese Matten wurden dann in einem Wärmeleitfähigkeitsgerät auf ihre Wärmeleiteigenschaften untersucht. Und da zeigte sich, dass speziell mit den leichteren Matten Wärmeleitfähigkeiten von unter 0,04 Watt pro Meter Kelvin möglich sind.
Friedrich Idam:
Das sind wir etwa in der Polystyrol-Liga.
Günther Kain:
Genau, also Polystyrol-Liga. Eine vergleichbare Wärmeleitfähigkeit und somit ist für diese landläufig wichtigste Eigenschaft eines Dämmstoffs gezeigt, dass Torfmoos hier wirklich konkurrenzfähig ist.
Friedrich Idam:
Aber darüber hinaus hat ja Torfmoos und das macht für mich so faszinierend sein Quellverhalten. Wir wissen ja, dass Mose eigentlich Pflanzen sind, die extrem viel Wasser aufnehmen können, speichern können, wieder abgeben können. Also ein Naturwerkstoff, der eigentlich sehr elastisch mit Wasserbelastung umgehen kann. Und wir konnten auch beobachten, dass mehr oder weniger tote Mose dennoch diese Eigenschaft der Wasserspeicherfähigkeit haben. Und wie schaut es da aus? Also gerade wenn man jetzt den Bereich einer Bauanschlussfuge betrachtet. Es ist diese Fuge, es gibt einen Diffusionsaustausch und es wird höchstwahrscheinlich irgendwo in dieser Fuge der Fall der Kondensatbildung auftreten. Wie geht da der Werkstoff mit diesem Feuchteanfall um?
Günther Kain:
Ja, gleich vorweg, das wissen wir ja, Moos kann große Mengen von Feuchtigkeit aufnehmen. Im Prinzip fast jedes Moos, weil das die ökologische Strategie auch der Pflanze ist, Trockenzeiten überdauern zu können, in eine Art Trockenstarre zu gehen und bei Wasseranfall dieses einzuspeichern. Und da haben wir erkannt oder gemessen, dass Moos bei Wasserlagerung, dieses Sphagnum, bis zu 14-fachen seines Trockengewichts an Wasser aufzunehmen vermag. Und dies sehr schnell, also ungefähr die Hälfte der möglichen Sättigungsmenge, wird innerhalb von 30 Sekunden Wasserlagerung aufgenommen. Das heißt, auf deine Frage hin, wenn nun in einer Bauteilfuge Kondensat Tauwasser auftritt, wird dieses vom Moos aufgenommen und zwar sehr viel schneller als von anderen umgebenden Materialien, sei es jetzt Holz oder Ziegel. Und somit wird eigentlich das Wasser in den Zellraum eines Materials eingesaugt, Wo es gut aufgehoben ist und wo es, wenn es dann warm und trocken wird, auch wieder sehr gut abtrocknen kann.
Friedrich Idam:
Also Feuchteschäden sind hier nicht zu besorgen. Und wenn ich jetzt ein Stück Holz und ein Stück Torfmoos nebeneinander habe oder wenn die sich gegenseitig berühren, oder gegenseitig berühren, dann wird es ja so sein, dass bei einem gleichen Feuchteangebot, zum Beispiel der Raumluftfeuchtigkeit, das Moos mehr Feuchtigkeit aufnehmen wird als das Holz.
Günther Kain:
Zumindest schneller. Mehr ist natürlich jetzt immer die Frage, wie viel vom Material ist da, aber tendenziell ist es so, dass die Feuchtigkeit vom Moos aufgesaugt wird, auf jeden Fall stärker als von den anderen Materialien. Und somit, wie schon gesagt, konzentriert sich die Feuchtigkeit dort, wo sie tendenziell keinen Schaden anrichten wird.
Friedrich Idam:
Also in der Bauteilfuge, wenn dort eine ungünstige Kondensation stattfindet, wird die jedenfalls das anschließende Holz wesentlich weniger gefährden als etwa ein Dichtmaterial wie Polyurethanscharm, das eben nicht diese gute Feuchtespeicherfähigkeit besitzt.
Günther Kain:
Genau, und dann kommt ja noch dazu, dass Holz genau dieses Verhalten auch bis zu einem gewissen Grad besitzt. Und diese gefürchteten Feuchteschäden sind zum einen natürlich Mikroorganismen, zum anderen aber auch das Wasser gefriert und dann zu Putzabplatzungen oder was auch immer führt. Und sofern ein Material anfallende Feuchtigkeit besteht, Pilar in den Zellern speichern kann, kommt es nicht zu diesen Frostschäden. Und das ist natürlich jetzt die große Stärke dieser, ja, fast aller, Naturmaterialien, dass sie genau diese Feuchte puffern, also dann, wenn es nass, dann wenn es feucht ist, sozusagen Feuchtigkeit eingespeichert wird und dann, wenn es trocken und warm wird, diese Feuchtigkeit, abdiffundiert und so im Prinzip ein, ja, ein Feuchte - Gleichgewicht entsteht.
Friedrich Idam:
Also ich habe gerade gespürt, wir haben wieder ein Thema für einen neuen Podcast, nämlich diese ganze Kapillarphysik, wie eben die ganze Kapillarkondensation, dass eben in diesen ganz, ganz feinen Haarröhrchen offenkundig andere physikalische Gesetze herrschen, als wenn diese physikalischen Prozesse in größeren Räumen stattfinden.
Günther Kain:
Genau, die Kapillarphysik ist im Prinzip ein ganz eigenes Thema. Die Drücke sind dort ganz andere. Auch Kondensationsprozesse laufen ein wenig anders ab als in der makroskopischen Welt. Und das eröffnet natürlich wieder ein weites Feld, das wir vielleicht separat besprechen. Vielleicht nur noch so viel, was auch sehr spannend ist. Ein und demselben Klima, also Temperatur und Feuchtigkeit gleich, Torfmoos immer eine etwas höhere Ausgleichsfeuchtigkeit besitzt, als das zum Beispiel Holz hat. Das heißt, das ist auch auf den spezifischen Zellbau des Mooses zurückzuführen. Das heißt, wir reden von einem Material, das hochoptimiert ist, natürlich hochoptimiert ist, um Feuchte entsprechend zu managen.
Friedrich Idam:
Und es kommt natürlich das Phänomen dazu, wie du vorher gesagt hast, wenn, ich glaube, ich kann mich erinnern, dass das 14-fache des Gewichts wird dann an Wasser aufgenommen, dass es natürlich da zu einem Quellverhalten des Torfmooses kommen wird und natürlich dieses Quellverhalten bewirkt, wenn das Moos ohnehin schon passgenau in die Fuge eingepresst ist, dass durch dieses Quellverhalten natürlich eine zusätzliche Fugenabdichtung geschieht.
Günther Kain:
Und die ist natürlich auch jetzt vereinfacht gesagt zeitlich sehr interessant und elegant, denn wenn man bedenkt, dass es jetzt im Sommer tendenziell warm und feucht ist. Dann wird das Moos in der Zeit eine etwas höhere Ausgleichsfeuchtigkeit haben, aufquellen und somit, wie du geschildert hast, die Fuge besser abdichten. Und erst im Winter, wenn es normalerweise bei Heizbetrieb dann zum Austrocknen der Materialien kommt, verliert das Moos sehr langsam diese Feuchtigkeit. Das heißt zu Deutsch dann, wenn es erforderlich ist, zum Beginn und in die Heizsaison hinein große Dichtigkeit und im Modell jetzt gegen Ende hin, dann wenn es wärmer wird, Dichtigkeit tendenziell abnehmend und die Austrocknung von im Moos vorhandenen Kondensat dann sehr leicht möglich.
Friedrich Idam:
Das heißt, du hast jetzt natürlich eine Kernthese unserer Simple Smart Buildings angesprochen, nämlich Baustoffe oder Werkstoffe zu finden, welche selbstregulierend funktionieren, dass wir über diese Bau- und Werkstoffe möglichst viel Wissen sammeln und dann die Werkstoffe so einsetzen, dass sie ohne elektronische Sensoren, ohne Messgräte eigentlich dann sich genau so verhalten wie wir es wünschen und bedarfsgerecht eben je nach Anforderung unterschiedliche, den Anforderungen aber bestens entsprechende Eigenschaften zeigen.
Günther Kain:
Ja genau, man spricht da von Biosensoren, also wo Materialien sozusagen erkennen, zum Beispiel hier welche Feuchtigkeit und dann spannend im selben System auch einen Bioaktuator einzusetzen, sprich ein Element, das eine Bewegung möglich macht. In unserem Beispiel das Moos, das bei höherer Feuchtigkeit aufquillt, sein Volumen vergrößert und beim Trocknen dieses wieder verliert. Und das dann angepasst an die klimatischen Verhältnisse. Und weil du das ansprichst, wir sehen natürlich in diesen Systemen eine große Stärke. Weil sie zuverlässig funktionieren, das Ganze wartungsfrei und, das wissen wir aus der Erfahrung heraus, über sehr, sehr lange Zeiträume. Und gerade wenn es darum geht, klimaneutral zu bauen, geringe Betriebskosten zu erzielen, geringe Energiemengen für den Betrieb zu verbrauchen, dann wird man zwangsweise bei solchen einfachen, simple, smart Buildings landen.
Friedrich Idam:
Und wenn wir jetzt wirklich am Ende des Lebensprozesses unteres Dichtstoff sind, dann können wir den schlicht und einfach kompostieren und aus dem Torfmoos wird wieder Erde.
Günther Kain:
Ja, und im Grunde ist damit der Anforderung an geschlossenen Kreisläufen genügt und, Es zeigt sich immer wieder und das ist irgendwie auch der Leitgedanke, dass gerade natürliche Materialien sehr oft prädestiniert sind auch für technische Anwendungen. Und es liegt an uns, zu verstehen, was wo gut funktioniert und dann halt vielleicht, wie du schon geschildert hast, technisch zu charakterisieren, um es in der heutigen Welt auch erklären zu können, warum ein Material irgendwo gut geeignet ist.
Friedrich Idam:
Es könnte jetzt sein, dass unsere Hörerinnen und Hörer so viel Interesse an dem Material gefunden haben, dass sie denken, das würde ich gerne verwenden, das würde ich gerne kaufen. Aber da müssen wir zur großen Enttäuschung sagen, es ist erst im Versuchsstadium, es ist noch nicht in die Produktion gegangen. Welche Möglichkeiten gäbe es trotzdem für den Interessierten, trotzdem mit Torfmoos zu dichten?
Günther Kain:
Ja, ich denke, relativ niederschwellig. Man kann das Material in Paludikulturen beziehen und dann kann man es zum Beispiel einfach als Stopfmaterial einsetzen. Ganz, ganz simpel und einfach. Einer meiner Studenten an der Fachhochschule Salzburg beschäftigt sich gerade damit, Torfmoosstränge gewebeartig übereinander zu legen und diese Strukturen dann mit Hanffäden zu vernähen. Das heißt, er erzeugt sozusagen Dämmmatten aus Hanf und vor allem Torfmoos und hat damit sehr gute Erfolge. Also vielleicht kann man in nächster Zukunft dann doch auch ein Material käuflich erwerben.
Friedrich Idam:
Ich werde jedenfalls in den Shownotes zum Podcast den Link zum Torfwerk in Ramsloh hineinstellen.
Günther Kain:
Sehr gerne.