Friedrich Idam:
Reinhold Straub kommt aus der Praxis. Er arbeitet mit den bewährten Materialien Lehm und Ton, aber auch mit einem weiteren sehr interessanten Baustoff, nämlich mit Hanf. Reinhold Straub, stellen Sie sich bitte unseren Hörern vor, was Sie machen, wie Sie in der Praxis mit diesen Baustoffen umgehen.
Reinhold Straub:
Ja, also ich selbst bin vor guten drei Jahren gestartet, dass ich selbstständig als Handwerker auf der Baustelle mit diesen Werkstoffen arbeite. Es kam im Grunde darüber, dass ich die Jahre zuvor bereits einige Erfahrungen gesammelt hatte in der Zimmerei meines Bruders und dadurch schon immer einen Bezug zum Bau hatte und es mich auch interessiert hat, wie kann man gute Konstruktionen verwirklichen. Und ich bin dann Weihnachten 2018 über einen Artikel, sag ich mal, gestolpert oder gestoßen worden, der sich mit dem Baustoff Hanfkalk befasst hat. Und das hat mich sogleich sehr fasziniert, weil es die Möglichkeit bietet, ohne viele Folien und Klebebänder einen wirklich langlebigen Wandaufbau zu realisieren. Ich habe mich dann relativ direkt damit befasst, praktisch und auch theoretisch und habe heute eben, wie bereits angesprochen, meinen eigenen Betrieb, wo ich in der Renovierung, also der Erneuerung von alten Häuser als auch im Neubau mit diesen Werkstoffen arbeite.
Friedrich Idam:
Über das Bindemittel Kalk habe ich ja in diesem Podcast schon in einigen Episoden berichtet. Neu ist jetzt der Werkstoff Hanf. Hanf ist ja eine uralte Kulturpflanze, die dann gegen Ende 19. Beginn 20. Jahrhundert von Industrieprodukten verdrängt wurde. Und jetzt seit doch, denke ich, schon wieder einigen Jahrzehnten kultiviert wird. Es werden die Blätter verwendet, es werden vor allen Dingen auch die Samen verwendet und dann bleibt als quasi Abfallprodukt der Hanfstängel über. Wenn Sie bitte diesen Werkstoff näher beschreiben würden.
Reinhold Straub:
Sehr gern. Also wie Sie richtig gesagt haben, bei der Nutzung der Hanfpflanze, wenn man sich das Stroh anschaut, was sehr viel Volumen hat, also wir haben ja die Pflanze, die irgendwo je nach Sorte bis zu drei Meter wächst, haben wir einfach eine sehr große Menge an Stroh. Das Stroh besteht aus Faser und Hanfschäbe nennt sich dann das Endprodukt. Im Grunde ist das dieser markige Kern des Stängels, ein leichtes Holz könnte man sagen. Und bei der Fasergewinnung fällt dieses als kleines Schnipselmaterial an, die Hanfschäben. Diese Hanfschäben sind für uns der Zuschlag in die Mischung zur Herstellung des Baustoffs. Also ähnlich wie beim Putz mit Sand gearbeitet wird oder beim Beton mit Kies, wird bei uns nur die Hanfschäbe zugegeben. Das sind kleine Schnipsel von einer Größe von 8 mm bis auch 15 oder 20 mm. Es gibt auch unterschiedliche Qualitäten. So wird bei uns die Mischung dann hergestellt für den Hanfkalk.
Friedrich Idam:
Sie haben ja vorher schon kurz erwähnt, dass diese Hanfschäben so eine holzähnliche Struktur besitzen. Sie besitzen auch einen zellulären Aufbau, sind ein organisches Material, besitzen deshalb eine hohe spezifische Oberfläche und sind dadurch in der Lage, einerseits Feuchtigkeit in großem Umfang aufzunehmen, schadfrei einzuspeichern und im Bedarfsfall die Feuchtigkeit wieder abzugeben. Mit dieser Feuchtigkeitseinbindung passiert ja bauphysikalisches Ähnliches wie beim Werkstoff Holz, dass dieses Material einerseits eine sehr hohe Wärmespeicherfähigkeit besitzt, eben wegen dieses zellulär gebundenen Wassers, andererseits aber auch gerade wegen seiner zellig-porösen Struktur auch eine sehr gute Wärmedämmwirkung besitzt. Also die Kombination dieser beiden Eigenschaften macht ja diesen Zuschlag für Wohnbauten. Denke ich, für den Wandaufbau wesentlich interessanter, als wenn man Kalk nur mit Sand oder Schotterzuschlag verbinden würde.
Reinhold Straub:
Ja, also das ist einmal die beschriebene Eigenschaft, die poröse Struktur der Hanfschäben, die man sich auch zum Beispiel in der Pferdehaltung nutzbar macht als Einstreu. Und es ist aber auch rein die mechanische Verkrallung. Also wenn ich das Material ohne Bindemittel ganz trocken in der Hand halte, merkt man schon, wie sich das ineinander verkrallt und von selber steht. Und die Eigenschaft wirkt sich dann auch in der Verwendung als Wandbaustoff aus, dass ich einfach selbst bei sehr geringem Bindemittelanteil, was ja der Kleber ist, eine sehr stabile Wand bekomme am Ende.
Friedrich Idam:
Und da haben sie letztlich zwei Vorteile auf einmal gewonnen. Einerseits ein relativ geringer Verbrauch an Bindemittel und das Bindemittel ist ja, wenn man nicht auch in die Zukunft denkt und auch wenn wir Kalk verwenden, der ja von seinem Energieeinsatz weniger Energie verbraucht als etwa Zement und Kalk, der auch in seinem Abbindevorgang wieder CO2 aufnimmt. Ich glaube, da werden wir dann noch einmal darauf zurückkommen. Trotzdem, dieses Bindemittel hat immer noch einen relativ hohen energetischen Fußabdruck und wenn man dieses Bindemittel nur im geringsten Umfang verbraucht, ist das grundsätzlich einmal günstig. Und zweitens ist ja auch eine andere Eigenschaft ein geringer Bindemitteleinsatz, bringt ja auch bei Wandaufbauten immer ein geringes Schwundmaß. Das heißt, im Aushärtungsprozess wird diese Wand relativ wenig schwinden. Liege ich da richtig oder haben Sie da andere Praxiserfahrungen?
Reinhold Straub:
Prinzipiell ist der Schwund gering im Vergleich jetzt zu einem Putz, wo ich ja einen viel höheren Bindemittelanteil habe. Wir haben aber trotzdem natürlich immer als Handwerker irgendwo den Fokus, den Schwund gänzlich wegzubekommen. Und da sind wir dann im Bereich, welche Begründung Kalksorten werden verwendet, in welcher Mischung. Man kann dann auch noch mit Zusätze arbeiten, also Asche oder vielleicht ein gestoßenes Ziegelmehl und solche Dinge. Und da wird dann auch immer viel experimentiert. Der Wasseranteil spielt eine Rolle.
Friedrich Idam:
Ich kenne da eine traditionelle Arbeitsweise. Und zwar, wenn man zum Bindemittelkalk, also zum gelöschten Kalk, zum Weißkalk, zum Sumpfkalk, auch einen gewissen Anteil ungelöschten Kalk dazu gibt, dass dieser ungelöschte Kalk ja dann, wenn er mehr oder weniger, wenn der Löschprozess schon im verarbeiteten Zustand stattfindet, dass der dann sogar in seinem Volumen expandiert. Also ich kenne diese Mischungen, dass man Sand mit ungelöschten Kalk vermischt, dann etwas Wasser dazu gibt und mit dieser Mischung dann zum Beispiel bei Restaurierung von Mauerwerk die Fugen ausfüllt und diese Mischung dann in der Fuge sogar noch expandiert. Haben Sie mit ungelöschten Kalkanteilen auch schon experimentiert?
Reinhold Straub:
Ja, sehr spannendes Thema und schön, dass Sie das ansprechen. Und zwar bin ich da vor zwei Jahren drauf gestoßen. Handwerker, Maurermeister aus dem Westerwald, Alexander Fenske, der das unter dem Begriff Heißkalktechnik eigentlich auch bekannt macht. Und es gab jetzt auch vor einigen Jahren eine Doktorarbeit an der TU Dresden, speziell zu diesem Thema. Das ist wohl tatsächlich in ganz Europa ja nur spärlich überlieferte alte Technik. Und hat mehrere Vorteile, wie man jetzt auch herausgefunden hat. Der eine Vorteil ist der, dass es natürlich so vorkommt, dass wenn der Kalk gelöscht wird, durch diese chemische Reaktion das Volumen zunimmt, er expandiert. Und das kann man sich eben in der Verarbeitung zunutze machen. Zum Beispiel, wenn man die Fuge verfüllt, dass dann eben die Fuge wirklich nahtlos ausgefüllt wird. Und genauso auch beim Hanfkalk. Und ich habe über die letzten Jahre immer wieder für mich damit geforscht, experimentiert und tatsächlich dieses Frühjahr das erste große Neubauprojekt in so einer Technik umgesetzt. Da war es so, wir haben die Wandelemente vorgefertigt. Das heißt, das Haus stand noch nicht als Holzgerüst, sondern wir haben Wandstücke von einer Maximallänge mit 5 Meter und Geschosshöhe bei 2,70 Meter.
Friedrich Idam:
Und welcher Wandstärke, wenn ich dazwischen fragen darf?
Reinhold Straub:
Das war in Summe 36 Zentimeter Wandstärke, wobei der Holzständer selber zurückspringt. Uns war es wichtig, dass wir an der Außenseite der Wand eine durchgehende Hanfkalkschicht haben von über 10 Zentimeter. Bezüglich Hanfkalkmischung, wir haben, Also ganz grob gesprochen, eine Hälfte Bindemittel, also ein frisch gelöschter Sumpfkalk, der war also durchreagiert, er war noch warm, aber voll durchexpandiert und die andere Hälfte wirklich ungelöschter, trockener Pulverkalk, direkt in die Mischung mit Hanf und dann Wasser und dem Sumpfkalk und so haben wir dann wirklich eine heiße Mischung dann ins Gefach eingebracht, die dann dort expandiert ist. Und es war im Verhältnis, ich habe sonst eher weniger Bindemittel, die war jetzt ein bisschen fetter, also mit mehr Bindemittel die Mischung, hat aber so wie es bisher sichtbar wird, einen recht geringen Schwund. Und was noch viel interessanter ist, sie hat eine viel, viel porösere Struktur. Also das sieht man jetzt schon, dass der Kalk sehr porös sich ausbildet, was ja so, wie ich meine, am Ende noch viel bessere Eigenschaften mit sich bringt für die Wand.
Friedrich Idam:
Das ist ja das klassische Problem bei der Ausfachung, zum Beispiel des Holzständerbaus, ist ja die sogenannte Anschlussfuge. Dass eben durch das heute schon diskutierte Schwinden der Baustoffe das Ausfüllen, also dass wir in unserer Fachsprache das Ausfachen oder das Gefachen nennen, dass wenn diese Bauteile schwinden, dass dann zwischen der Holz-Riegel-Konstruktion und dem Gefach eine Fuge entsteht, also eine klassische Schwachstelle in der Konstruktion. Und Sie arbeiten ja da mit zwei Strategien dagegen, einerseits eben mit der Zugabe des ungelöschten Kalks und des Expandierens der Ausfachung im Abbindeprozess und andererseits mit der außenseitigen Überlagerung des Gefachs. Da verbinden sie ja letztlich sehr viele Vorteile miteinander.
Reinhold Straub:
Diese durchgehende Hanfkalkschicht an der Außenseite der Wand, auch deswegen, weil später in dem Fall das Haus verputzt wird mit Kalkputz, Und es immer besser ist, wenn man in einer gewissen Tiefe einen homogenen Untergrund hat. So kann man dann im besten Fall auch ohne Gitter- oder Gewebe-Glasgitterzulage arbeiten und einen Putz rein, nur in Putzausführung ohne Verbundwerkstoff sozusagen.
Friedrich Idam:
Das, denke ich, ist ein sehr, sehr wichtiger Gedanke, dass nämlich in den letzten Jahrzehnten eigentlich unsere Putze, die über Jahrhunderte, wenn nicht sogar seit Jahrtausende, letztlich sehr einfach zu trennende und wiederverwendbare Wandsysteme oder Bauteile waren, dass die jetzt durch das Einlegen von Putzarmierungen eigentlich zu sehr komplizierten Verbundwerkstoffen geworden sind, deren Entsorgung natürlich viel, viel schwieriger ist. Und wenn Sie jetzt mehr oder weniger wieder Möglichkeiten entdecken oder wieder einführen, wie man Putz auch wieder recyclierbar machen kann, denke ich, ist das sehr, sehr wichtig, wenn man ein Gebäude wirklich über seinen gesamten Lebenszyklus sieht. Ich denke auch, Sie haben ja vorher diese Eigenschaften der Hanfschäben beschrieben, diese Häkchen an der Oberfläche. Ich denke, dass das natürlich auch ein sehr guter Putzträger sein müsste. Wie sind da Ihre Praxiserfahrungen?
Reinhold Straub:
Ja, also die oberflächliche Struktur der fertigen Hanfkalkwand, die weist viele tatsächlich kleine Löcher auf. Und einmal allein das ist die sehr gute mechanische Verkrallung für einen Putz, der dann aufgetragen wird und auch natürlich die saugende Eigenschaft, also die wasseraufnehmende Eigenschaft vom Material führt dazu, dass der Putz sich sehr gut verbindet, Lehm als auch Kalkputze.
Friedrich Idam:
Wobei ich da denke, ist der Lehm fast unkompliziert. Der ja durch Austrocknen aushärtet, während ja beim Kalk in seiner Hydratationsphase durchaus eine gewisse Feuchtigkeit gegeben sein muss. Meine Erfahrung ist, wenn Kalkputz zu schnell an Feuchtigkeit verliert, laufen die Karbonatisierungsvorgänge, ich glaube, ich habe vorher fälschlicherweise Hydratation gesagt, das ist eine Karbonatisierung, laufen diese Karbonatisierungsvorgänge nicht so gut ab. Haben Sie in der Richtung Erfahrungen gesammelt?
Reinhold Straub:
Ja, also wenn man jetzt den reinen Luftkalk anschaut, das ist der Kalk, der rein über die Karbonatisierung abbindet, also die Aufnahme im feuchten Zustand von Kohlenstoff aus der Luft. Das ist das Material, wo, sage ich mal, mehr Aufmerksamkeit bedarf, wo der Untergrund entsprechend vorbereitet sein muss. Also entweder man muss den Untergrund vornässen, sodass der aufgebrachte Putz nicht zu schnell austrocknet und zugleich muss man dann im Sommer, wenn es warm, heiß und sonnig ist, auch die verputzte Wand dann vor Sonneneinstrahlung schützen. In dem Zusammenhang habe ich auf jeden Fall die Erfahrung gemacht, dass der frisch gelöschte Kalk, den man selber auf der Baustelle löscht, der Brandkalk, der dann nicht zu heikel ist. Also der kann besser damit umgehen, der hält irgendwie das Wasser besser als dieser vorgelöschte, das sogenannte Weißkalkhydrat. Und dann gibt es ja noch die hydraulischen Kalke, das sind also Kalke, die auch karbonatisieren, aber auch Tonminerale in sich haben, die dann hydraulisch, also in Verbindung mit Wasser abbinden.
Friedrich Idam:
Also in Österreich werden die unter der Handelsbezeichnung NHL-Kalke verkauft. Da gibt es in Burgenland, in St. Margareten eine Produktion. Heißen die in Deutschland auch? Ich glaube, niedrighydraulische Luftkalk.
Reinhold Straub:
Nein, es heißt NHL steht für natürlich hydraulischer, also Englisch Natural Hydraulic Lime.
Friedrich Idam:
Danke, ich habe wieder etwas dazugelernt.
Reinhold Straub:
Genau, also kann man europaweit so verwenden. Auch in Frankreich läuft es dann unter der Abkürzung. Und in der Regel gibt es dann noch eine Zahl dazu, zum Beispiel 3,5 oder 5. Das ist der Hinweis auf die Nennfestigkeit nach 28 Tagen Trocknung. Also man macht dann diesen klassischen Druckversuch und hat dann die Newton pro Quadratmillimeter.
Friedrich Idam:
Ja, und es ist ja oft für sehr viele Anforderungen keine allzu hohe Druckfestigkeit erforderlich. Also ich denke, gerade nicht so druckfeste Konstruktionen sind dann duktil, die passen sich besser an, wenn es zu Formänderungen kommt und es kommt nicht so schnell zu Rissbildungen. Und natürlich ist eine niedrige Druckfestigkeit letztlich oft im Zusammenhang mit einer hohen Porosität, die ja gerade für Wohnräume, für Außenwände von Wohnräumen viel, viel wichtiger ist als eine hohe Druckfestigkeit.
Reinhold Straub:
Ja, also das sind jetzt alles nur die technischen Werte. Wenn man dann selber das Material verarbeitet oder sich immer Raum aufhält, der aus so einem Material geschaffen wurde, Dann kriegt man ja auch Gespür dafür und das finde ich auch immer wichtig, dass man die Wahrnehmung auch mit berücksichtigt, auch als Bauherr in der Entscheidung, mit was baue ich denn.
Friedrich Idam:
Für unsere Hörer vielleicht auch noch wichtig ist, Grundlegende Informationen, wie dieser Hanfkalk auf der Baustelle in Form gebracht wird. Ich denke, es gibt da eine Gemeinsamkeit mit dem Beton, denn es muss eine Schalung, eine Form hergestellt werden.
Reinhold Straub:
Ja, also die klassische Methode ist tatsächlich die, dass ich eine Schalung errichte, die aber gar nicht so fest sein muss wie für einen Beton, weil der Hanfkalk nur händisch gedrückt wird, so verdichtet wird, dass er einen Verbund hat, aber nicht wirklich unter Druck verbaut wird.
Friedrich Idam:
Also Sie brauchen keinen Rüttler oder auch wie beim Stampflehm keine mechanischen Stampfgeräte, die den Baustoff hoch verdichten würden?
Reinhold Straub:
Ne, also man arbeitet teilweise mit kleinen Handstampfern, weil es sich einfach dann die Hände schont, sage ich mal. Aber wie Sie sagen, von der Kraft her wirklich ein Bruchteil dessen, was man sonst hat. Und man muss vielleicht noch dazu oder vorher ergänzen, dass Hanfkalk kein tragender Baustoff ist. Das heißt, die Traglast, die Statik, die wird immer anders realisiert. Das heißt, entweder über Holzständerwerk oder andere Baustoffe, die tragend belastbar sind. Und mir bei uns im Betrieb, man hat es eigentlich sehr gerne in Verbindung mit Holz und haben sozusagen immer ein Holzständerwerk oder ein Fachwerk, wo dann teilweise einseitig die Schalung angeschlagen wird und auf der anderen Seite mit Abstand montiert wird.
Friedrich Idam:
Also ich nehme an, innen wird die Schalung, die könnte ja dann mehr oder weniger auch schon eine dekorative Innensicht sein, Raumseite.
Reinhold Straub:
Ja.
Friedrich Idam:
Und außenseitig nehme ich an, werden Sie vielleicht 10 cm Abstand noch von der Ständerkonstruktion veranschlagen, damit es eben außenseitig diese Überdeckung des Riegelbaus gibt.
Reinhold Straub:
Genau, ja. Und das ist jetzt so die klassische Methode und dann gibt es halt Abwandlungen davon. Also es gibt dann die Idee, den Hanfkalk vor der Baustelle in Form zu bringen, als handhabbare Steine. Also das sind dann Steine mit 60 mal 30 Zentimeter unterschiedlicher Stärke, die man dann auf der Baustelle vermauern kann.
Friedrich Idam:
Mit welchem Mörtel arbeiten Sie da auch wieder mit Hanfkalkmörtel?
Reinhold Straub:
In der Regel arbeiten wir mit einem Kalkmörtel. Es geht sogar sehr gut, dass die Steine mehr oder weniger nur geklebt sind. Das bedeutet, man hat keine wirkliche Fuge von einem Zentimeter oder so, sondern man hat nur einen sehr flüssigen Mörtel, der beidseitig aufgetragen wird und dann... Zu einer Fuge von 1, 2, 3 Millimeter führt, aber das Material verbunden hat.
Friedrich Idam:
Ich habe ja persönlich bei meinem Hausbau mit einem vielleicht ähnlichen Dämmstoff zum Teil gearbeitet, und zwar mit Holzwolle-Leichtbauplatten. Das ist eben ein Werkstoff, wo Holzfasern, in meinem Fall mit Magnesiabinder, verbunden sind. Und ich hatte aber dann es wirklich als sehr kompliziert erlebt, dieses Material in die Gefache einzubauen. Vor allen Dingen hatte ich konstruktiv auch zur Aussteifung Schräghölzer. Und gerade diese dreieckigen Flächen exakt zu füllen mit einem bereits ausgehärteten, trockenen Baustoff, habe ich dann in der Baupraxis als sehr kompliziert erlebt.
Reinhold Straub:
Ja, also das ist immer der Vorteil von einer Methode, wo man auf der Baustelle mischt und einfüllt, in Form bringt. Also gerade auch in der Erneuerung von Gebäuden kommt es oftmals vor, dass wenn ich jetzt eine historisch wertvolle Fassade habe mit irgendeinen Stuckelementen oder dergleichen, dass ich dann an der Innerseite der Wand die Dämmung anbringe und ich dann da in einem Schritt quasi vor die Wand alle Unebenheiten ausgleiche. Dann die Dämmung quasi anbringen. Oder wenn ich jetzt ein Fachwerk habe, was irgendwie, komplizierte Formen hat, kann ich das dann einfach einfülle und habe dann die perfekte Ausfüllung.
Friedrich Idam:
Und wenn eben dann noch, wie vorbesprochen, auch ein gewisser Anteil an ungelöschten Kalk ist und dann die Ausfüllung noch leicht expandiert, dann haben Sie einen hundertprozentig guten Anschluss. Und ich denke zum Beispiel auch bei den Riegelwerken, da werden Sie ja sägeraues Holz verwenden und auch die sägeraue Oberfläche des Holzes wird an die Ausfachung dann eine gute Anschlussoberfläche bilden. Ein Gedanke noch, den wir zu Beginn schon leichter andiskutiert haben, diese lange Tradition der Kalktechnik. Ich habe vor kurzem eine wissenschaftliche Studie gelesen und da stelle ich auch einen Link dazu in die Shownotes. Und zwar ist das eine Studie, die gemeinsam vom MIT und italienischen Archäologen, die haben römische Kalkmörtel untersucht. Und darin sind eben auch immer wieder diese kleinen ungelöschten Partikel gefunden worden. In Österreich bezeichnet man die als Kalkspatzen. Also diese Technik und auch in diesen römischen Kalken natürlich auch leicht hydraulische Elemente, wie etwa das von Ihnen bereits angesprochene Ziegelmehl, aber auch natürliche Puzzolane, wie zum Beispiel Vulkanasche. Und ich finde das schon sehr spannend, dass wir vor über 2000 Jahren eigentlich eine perfekte Kalktechnologie besaßen, die flächendeckend eigentlich über das gesamte römische Imperium angewandt wurde, dann verloren ging. Von anderen Baustoffen verdrängt wurde und dass es jetzt wieder zu dieser Renaissance zum Beispiel des Kalkes kommt. Wie geht es Ihnen da in Kontakt mit Ihren Kunden? Sind die dann skeptisch oder kommen die bereits mit der Idee kalk zu Ihnen? Also sind es eher die Kunden, die Sie suchen, weil Sie diese Technik beherrschen oder liegt es eher an Ihnen, Kunden von dieser Technik zu überzeugen?
Reinhold Straub:
Sowohl als auch. Ich habe tatsächlich Kunden, die zu mir kommen, weil sie über Eigenrecherche auf Hanfkalk gestoßen sind und meistens dadurch motiviert, dass es als sehr ökologischer Baustoff beworben wird und auch ein sehr hochwertiges und wohngesundes Raumklima möglich macht. Auf der anderen Seite gibt es Kunden, die zu mir kommen, zum Beispiel spezieller Fall Innendämmung. Da kommt es oft vor, dass Planer, Architekten oder auch die Bauherrschaft zu mir kommen, weil ich als Fachbetrieb für Lehm und auch Naturbaustoffe, im Bereich der Innendämmung, sage ich mal, ja, spezialisiert bin, weil diese Werkstoffe mit diesem bauphysikalischen, mit dieser Sonderlösung gut zurechtkommen und das viele andere Werkstoffe nicht so gut können.
Friedrich Idam:
Innendämmung ist ja ein sehr, sehr komplexes bauphysikalisches Thema. Ich glaube, die Innendämmung wäre auf alle Fälle das Thema für eine eigene Episode. Ja, vielleicht kann ich Sie noch einmal dazu gewinnen, über Studio Link mit mir über dieses Thema Innendämmung zu sprechen. Jedenfalls für interessierte Hörer stelle ich auch Ihren Kontakt in die Shownotes dieser Episode. Und ich bedanke mich wirklich sehr, sehr herzlich, dass Sie sich so schnell und spontan Zeit für unser Gespräch genommen haben und vielleicht auch für unsere Hörer ganz interessant. Herr Straub ist über diesen Podcast zu mir gekommen, ist in Kontakt getreten und es ist auch für mich als Podcastmacher sehr, sehr schön, wenn meine Hörer an mich herantreten und wir dann gemeinsam Episoden produzieren können.
Reinhold Straub:
Ja, freut mich.
Friedrich Idam:
Ich sage Ihnen einen herzlichen Dank und hoffe, dass wir uns bald wieder mal hören.
Reinhold Straub:
Ja, sehr gerne.